Der Etappenhase Aus dem Sattel gekippt

Unter Radprofis ist es ein ehernes Gesetz, die Tour de France unter allen Umständen zu Ende zu bringen. Doch manchmal sind selbst härteste Fahrer machtlos. Ihr Körper lässt sie im Stich, sie müssen aufgeben - und erreichen oftmals den Zielort nur im "Besenwagen".

Von Marcel Wüst, Luz-Ardiden


Pech gehabt: Für den österreichischen Gerolsteiner-Fahrer René Haselbacher war die Tour wegen der Nachwirkungen eines Sturzes vorzeitig beendet
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Pech gehabt: Für den österreichischen Gerolsteiner-Fahrer René Haselbacher war die Tour wegen der Nachwirkungen eines Sturzes vorzeitig beendet

Alle Radsportfans, die es einrichten konnten, haben am Montag das dramatische Duell zwischen Lance Armstrong und Jan Ullrich auf den Fernsehschirmen verfolgt. Doch während die beiden Tour-Heroen im Mittelpunkt standen, gab es viele Fahrer, die in den vergangenen Tagen erst das Ziel erreichten, als die Fernsehsender ihre Übertragungen schon lange beendet hatten. Einige andere kamen gar nicht an oder zumindest nicht so, wie sie es sich gewünscht hatten - mit dem Rad.

Auf der Etappe nach Luz-Ardiden mussten vier Fahrer aufgeben oder wurden aus der Wertung genommen, weil sie das Zeitlimit überschritten hatten. So erging es am Montag Axel Merckx, Sohn des fünfmaligen Tour-Siegers Eddy Merckx. Ingesamt sind bereits 47 der 198 am 5. Juli in Paris gestarteten Radprofis nicht mehr dabei. Nur noch 5 von 22 Mannschaften sind vollständig mit jeweils neun Fahrern vertreten, etwa das Armstrong-Team US Postal. Bianchi und Team Telekom haben je einen Ausfall zu beklagen, die Gerolsteiner-Mannschaft ist auf vier Fahrer geschrumpft.

Hinter dem Feld, in dem jeder Fahrer mit seinem Schicksal hadert und unbedingt das Ziel im Sattel erreichen will, fährt der so genannte "Besenwagen". Dieser heißt so, weil er die, die es nicht mehr aus eigener Kraft schaffen - sei es vor Erschöpfung, wegen eines Sturzes oder Krankheit -, aufkehrt. Das Szenario ist immer das Gleiche. Oft navigiert der Fahrer schon viele Kilometer alleine weit hinter dem Peloton und direkt vor dem ominösen Fahrzeug. Doch keiner will eine Tour de France einfach so wegwerfen und sang und klanglos aussteigen. Also wird gekämpft. Der Gedanke daran, dass es unmöglich sein wird, das Ziel zu erreichen, wird verdrängt. Man gaukelt sich vor, dass es irgendwie schon gehen wird.

Natürlich ist dem nicht so. Irgendwann, vielleicht auch auf Anraten des Teamleiters, kommt dann der bittere Moment. Man fährt rechts ran, legt das Rad ab und steigt in den "Besenwagen" ein. Man ist so mit dem negativen Gedanken beschäftigt, dass es einem total egal ist, was mit dem Velo passiert. Auch für das Fahrrad wird gesorgt. Der Fahrer des "Besenwagens" hat meist ein zweites Gefährt im Schlepptau, auf dem die Räder der Gescheiterten verladen werden.

Der Radprofi, körperlich und vor allem seelisch am Ende, verkriecht sich hinten im "Besenwagen", der oft ein Reisebus ist oder auch ein Transporter mit Sitzgelegenheiten. Der Moment, an dem man sich die Rückennummer vom Trikot reißen muss und dem Busfahrer überreicht, ist der schlimmste Moment. Bei einer Tour de France ist diese Rückennummer das unverwechselbare Zeichen dafür, dass man als Fahrer am wichtigsten Radrennen überhaupt teilnimmt und deshalb eine besondere Stellung in der Sportwelt hat. Dieses Statussymbol dann dem Reglement entsprechend abgeben zu müssen, tut sehr weh. Schließlich macht man es nicht freiwillig, sondern weil einen der kraftlose Körper im Stich gelassen und man keine andere Wahl hat.

Die darauf vom Busfahrer an Radio Tour durchgegebene Funkmeldung über die Aufgabe eines (weiteren) Fahrers ist dann wie die Unterschrift unter ein Dokument. Das Aus ist amtlich, es gibt keinen Weg zurück. Die Gedanken, die den Fahrern dann im "Besenwagen" durch die Köpfe gehen, sind immer die gleichen. Hätte ich es nicht noch weiter versuchen sollen? Woran kann es gelegen haben? Ursachenforschung braucht aber meines Erachtens einen klaren Kopf, und den hat man in solchen Momenten sicher nicht.

Hoffen auf die Erholung am Ruhetag

Auch wenn noch so plausible Gründe dafür sprechen, das Rennen beenden zu müssen, will man es dennoch nicht wahrhaben. Bei der Tour 2000 ging es mir ähnlich. Mit Bronchitis und leicht erhöhter Temperatur startete ich zur zehnten Etappe. Ich hatte die Hoffnung, mich irgendwie durchzuwurschteln und es bis zum Ruhetag zu schaffen. Alle mahnenden Worte wollte ich nicht hören - heute bin ich schlauer -, also quälte ich mich zunächst alleine, dann begleitet von einem Teamkollegen, der eigens dazu abgestellt wurde, auf mich zu warten, bis ins Ziel. Zeitlimit geschafft und die Hoffnung auf das Wunder am Ruhetag. Das kam natürlich nicht.

Ich bin noch heute dankbar, dass mir mein damaliger Teamarzt am Nachmittag des Ruhetages eröffnete, mir die Weiterfahrt verbieten zu wollen, sollte ich abends noch Fieber haben. Nach dem Abendessen zeigte das Thermometer 38,5 Grad Celsius an. Für mich war die Tour aus und vorbei. Eigentlich war ich untröstlich, aber dann doch erleichtert, dass die Qualen zu Ende waren und ich nicht selbst die Entscheidung hatte treffen müssen. Außerdem hat mir der Doc den "Besenwagen" am nächsten Tag erspart. Da die Bergankunft auf dem Mont Ventoux angestanden hätte, wäre das mit 100-prozentiger Sicherheit mein Schicksal gewesen.

Bis morgen


Marcel Wüst



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