Der Etappenhase Der helfende Kapitän

Die Tour ist endlich in den Bergen angekommen und schon scheint es, als sei alles vorbei. Der große Favorit Lance Armstrong hat seine Rivalen mit großem Zeitverlust bestraft, und aus deutscher Sicht steht nun ein Andreas Klöden dort, wo man eigentlich Jan Ullrich vermutet hätte.

Von Marcel Wüst, Lannemezan


Ullrich, Helfer Klöden: Wachablösung bei T-Mobile
DPA

Ullrich, Helfer Klöden: Wachablösung bei T-Mobile

Was bedeutet diese gestrige Etappe für den weiteren Verlauf der Tour? War es das? Können wir alle die Fernseher abschalten und die Gazetten verschmähen, nur weil es entschieden scheint? Ich glaube, dass die Tour für uns noch viele Überraschungen bereit halten wird, und besonders heute, bei der extrem schweren zweiten Pyrenäenetappe, wird sich zeigen, welcher von den Mitfavoriten nur an einer temporären Schwache litt, und wen man endgültig abschreiben kann.

Bei der Analyse des letzten Anstiegs hinauf nach La Mongie bemerkte man vor allem zwei Dinge: Zum einen, dass Armstrongs Team auch in diesem Jahr unglaublich stark war und dennoch war der Texaner die letzen fünf Kilometer auf sich allein gestellt. Zum anderen fiel die scheinbare Leichtigkeit auf, mit der Ivan Basso die Attacke von Armstrong parierte, und das ziemlich nach Leistungslimit aussehende Gesicht von Armstrong, als Basso als Sieger den Zielstrich überquerte.

Ist Klöden der neue Leader?

Die Überlegenheit von Armstrong ist da, aber sie ist nicht so enorm wie bei seinen ersten vier Toursiegen. Alle Fahrer, die heute nach der Etappe noch in der Größenordnung von rund zwei Minuten hinter Armstrong liegen, werden sich noch Hoffnungen auf den Gesamtsieg machen, und ich hoffe natürlich, dass Andreas Klöden dazu gehören wird. Die Tatsache, dass Jan Ullrich in einem Interview nach der Zielankunft erklärte, er könne sich auch vorstellen für Klöden zu fahren, klingt allerdings so, als habe er mit der Tour abgeschlossen.

Es ist natürlich die große Geste eines großen Sportlers, der den Teamgeist und Fairplay vor alles stellt, aber ein solches Statement aus dem Munde eines Fahrers, der auszog Armstrong das Fürchten zu lernen, klingt für mich eher so, als habe er sich schon aufgegeben. Kein Sportler, der das ganz Große erreichen will, sagt sich davon los, wenn er noch eine Chance sieht es trotz aller Rückschläge doch zu tun. Wer sich aber mitten in einer Tour de France andere Ziele vorstellen kann, gerade nach Niederlagen, der ist sich wahrscheinlich darüber im Klaren, dass diese Umorientierung nötig ist, um nicht komplett zu scheitern.

Klöden hat zwar gesagt, dass Ullrich weiterhin der Kapitän sein wird, und er immer noch der Helfer, aber das Statement so zu akzeptieren, fällt mir schwer. Es nimmt natürlich einen gewissen Druck von Klöden, wenn er zunächst einmal abwiegelt, denn sollte er der neue Leader im Team sein, dann hätte er schon einiges mehr an Verantwortung. Die zu übernehmen traue ich ihm ohne weiteres zu. Aber eine Wachablösung, die erst in den Alpen geschehen wäre, wäre Klöden sicherlich lieber gewesen.

Starkes CSC-Team

Die weitere interessante Variante, die ich im Augenblick sehe, ist die Doppelspitze von CSC. Bjarne Riis, der Mann, der Ullrich vor zwei Jahren vergeblich umwarb, versteht es anscheinend wie kaum ein zweiter, seine Fahrer zu motivieren und in Topform zur Tour zu bringen. Basso und Sastre sind bisher sehr stark gefahren, und beide waren gestern noch vorne, als Armstrongs Helfer schon nicht mehr da waren. Dass beide den Texaner mürbe attackieren könnten, ist zwar eine schöne Vorstellung, aber es sieht eher danach aus, als könne Armstrong auch diese beiden auf den letzten Kilometern der Anstiege in Zaum halten.

Wenn Jan Ullrich heute wieder mehr Zeit verliert als Klöden, dann ist er für mich nicht mehr Kapitän des Teams und die Tour gelaufen. Sollte er einen schlechten Tag gehabt haben, kann man ihm den sicher verzeihen, aber die vielen Tage im Frühjahr, bei denen er eben nicht mit 100 Prozent Einsatz für das große Ziel Tour de France arbeitete, sind ihm gestern als Quittung dafür präsentiert worden.

Die Tour ist natürlich immer erst in Paris entschieden, aber das war sie bei ähnlichen Rennverläufen von 1999 bis 2002 auch, und der Sieger war trotzdem immer der gleiche.

Bis morgen, Ihr Marcel Wüst

P.S.: Auch bei dieser Tour wird Marcel Wüst gerne Ihre Fragen beantworten. Unter dieser Mailadresse erreichen Sie unseren Experten. Die Antworten gibt Marcel Wüst am kommenden Montag, dem zweiten und letzten Ruhetag der 91. Tour de France.



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