"Der Etappenhase" Die Sucht nach Gelb

Die tägliche Kolumne zur Tour de France von Radprofi Marcel Wüst. Heute: Wie ein Sprinter auf den ersten Etappen ins Gelbe Trikot schlüpfen kann.

Von Marcel Wüst


Jetzt hat Erik Zabel auch ohne seinen Helfer Fagnini gewonnen. Ein Beweis dafür, dass jemand, der sportliche Klasse hat, auch auf sich alleine gestellt gewinnen kann. Wer darüber mehr wissen will, werfe einen Blick auf meine Kolumne von gestern.

Natürlich war es im Verlaufe der Etappe interessant zu sehen, dass die Sprinter, die beim Auftakt im Prolog wenig Zeit auf Christophe Moreau verloren hatten, versuchten, im Laufe der Etappe den Rückstand durch erkämpfte Zeitgutschriften bei den Bonifikationssprints zu verringern.

Drei Bonifikationssprints


So werden wir auch bei der zweiten Etappen wieder einen hochmotivierten Jaan Kirsipuu sehen, der, wenn er im Sprint in Boulogne Zweiter geworden wäre, das Gelbe Trikot auf seinen Schultern hätte tragen dürfen. Da es auf jeder Etappe drei Bonifikationssprints gibt, und man dort jeweils 6, 4 und 2 Sekunden Zeitgutschrift holen kann, ist es oft nur ein Rechenexempel, bevor ein gut platzierter Sprinter ein paar Plätze gutmacht. Manchmal schafft er es dann vielleicht auch bis ins begehrte "Maillot jaune" zu fahren.

Allerdings währt diese Hoffnung bei jeder Tour de France immer nur kurz, da spätestens nach der ersten schwereren Etappe die reinen Sprinter viel Zeit einbüßen, die dann nicht durch einige Sekunden gutgemacht werden können. Den Löwenanteil der Bonussekunden gibt es allerdings bei der Etappenankunft selbst, mit 20, 12, und 8 Sekunden für die ersten drei.

Kleine Ausreißergruppen gewähren lassen


Taktisch wird meine Festina-Mannschaft also bei der zweiten Etappe von Calais nach Antwerpen so agieren, dass sie zwar das Feld kontrolliert, aber kleine Ausreißergruppen mit zwei oder noch besser drei Fahrern gewähren lässt. In der Regel sind dies Fahrer, die in der Gesamtwertung schon etwas mehr Rückstand haben, in der Regel ab 30 Sekunden aufwärts. So würden diese Fahrer die für die schnellen und gut platzierten Leute wichtigen Zeitgutschriften wegschnappen. So haben Kirsipuu nur sieben und O'Grady nur elf Sekunden Rückstand aufs Gelbe Trikot. Auch Erik Zabel könnte mit einem weiteren Sieg und einem gewonnenen Zwischensprint das Gelbe Trikot übernehmen.

Die Teams mit den gut platzierten Sprintern in ihren Reihen werden natürlich versuchen, diese Ausreißversuche im Keim zu ersticken und das Feld geschlossen über die 220 Kilometer zu bringen. Das ist zwar ein enormer Kraftaufwand, der dazu noch ganz am Anfang der drei Wochen dauernden Tour erbracht werden muss, aber den Träger des Leader-Trikots in der eigenen Mannschaft zu haben sorgt nicht nur tolle Resonanz, sondern ist auch ein Privileg, das nur wenige in ihrer Karriere für sich in Anspruch nehmen können. Das ist für alle, die es irgendwie in Reichweite sehen, natürlich eine ganz besondere Herausforderung, denn was gibt es Wichtigeres im Sportlerleben eines Radprofis als eben dieses begehrte Trikot.

Vorletzte Chance für die Sprinter


In Anbetracht dessen, dass die dritte Etappe ein schweres Finale mit Zielankunft auf einem kleinen aber dennoch schwierigen Berg hat, gibt es für die Sprinter nur noch bei der total flachen Fahrt ins belgische Etappenziel Antwerpen die Möglichkeit, die Führung in der prestigeträchtigsten Rundfahrt der Welt zu übernehmen.

Meine Empfehlung für die Übertragung der zweiten Etappe: Gesamtwertung im Blick mit Bleistift und Papier die Übertragung im Live-Ticker auf SPIEGEL ONLINE verfolgen und vor dem Etappeneinlauf berechnen, wer denn da bei welcher Platzierung ins Gelbe schlüpfen kann ...Taschenrechner nicht nötig!!

Bis morgen

Ihr und Euer Marcel Wüst



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