"Der Etappenhase" Endspurt der Adrenalin-Kämpfer

Die tägliche Kolumne zur Tour de France von Radprofi Marcel Wüst. Heute: Warum ein Fahrer beim Sprint trotz aller Unterstützung am Ende doch auf sich allein gestellt ist.


Die Tour läuft. Das erste Gelbe Trikot hat seine Schultern gefunden. Es hat keine echte Überraschung gegeben, aber ich habe mich riesig über den Sieg meines Festina-Teamkollegen Christophe Moreau gefreut. Er bestätigte, dass seine Hoffnung auf einen Platz unter den ersten drei der Gesamtwertung nicht ungerechtfertigt ist und hat jetzt die Ehre, auf der ersten Etappe das heißbegehrte Gelbe Trikot tragen zu dürfen.

Jetzt wird wieder erbittert um die ersten Etappensiege gekämpft. Dafür sorgen auf den flachen Abschnitten traditionsgemäß die Sprinter. "Langweilig", mag einer denken. Es passiert auf fast 200 Kilometern ziemlich wenig, dann gibt es einen Sprint, der nach 20 bis 30 Sekunden auch schon wieder vorbei ist. Aber es ist natürlich ganz anders, und wer könnte das besser erklären als ein Sprinter - wie ich.

Im Vorfeld der Tour gab es heftige Diskussionen im Team Telekom, weil mit Gian-Matteo Fagnini der Mann zu Hause gelassen wurde, der für Erik Zabel die Sprints vorbereitet, indem er ihm Windschatten gibt, bis es nur noch zwischen 250 und 300 Meter bis zum Ziel sind. Da die Tour eigentlich immer in den Bergen gewonnen wird, entscheiden sich die Teams, die sich einen Platz auf dem Siegerpodium ausrechnen, immer für einen weiteren Bergfahrer und - wie auch die Ullrich-Mannschaft - gegen einen Sprinthelfer.

Ein guter Helfer ist Gold wert

Einen solchen Helfer zu haben ist Gold wert. Die lästigen Positionskämpfe, die auch Kraft kosten, werden auf ein Minimum reduziert. Wenn der Sprinter das Signal zur Attacke gibt, kann er sich darauf verlassen, dass der Teamkollege den Hintern hebt und den Sprint lanciert. Wenn man sich an das Hinterrad eines Konkurrenten hängt, wie das bei Zabel auf der Tour 2001 wohl meist der Fall sein wird, weiß man nie, welche Linie der fahren wird, wann der anzieht oder ob der überhaupt für einen Etappensieg in Frage kommt.

Als Sprinter hat man aber auch mit einem erfahrenen Helfer an der Seite alle Hände voll zu tun. Man hat nicht Augen genug, die Situation zu erfassen (und ich schon mal gar nicht mehr), muss in Sekundenbruchteilen eine Entscheidung treffen, die über Sieg oder Niederlage entscheidet.

Marcel Wüst: "Der Puls rast"
DPA

Marcel Wüst: "Der Puls rast"

Vor allen Dingen müssen die Beine mitspielen, will man auf einer großen internationalen Rundfahrt wie der Tour de France eine Etappe gewinnen. Sprinterteams gibt es auf dieser Tour weniger als sonst. Auch mein Teamkollege im Festina-Team Sven Teutenberg ist im Finale immer auf sich alleine gestellt, hat man doch auch bei uns das Gesamtklassement Priorität. Aber Sven und auch ich haben oft genug bewiesen, dass man auch ohne Unterstützung gewinnen kann.

Aber der Sprint dauert natürlich nicht nur die angesprochenen 250 bis 300 Meter. Schon zehn Kilometer vor dem Einbiegen in die Zielgerade wird gefightet. Jeder Meter, den man selber im Wind fahren muss, jeder kleine Zwischenspurt kostet Kraft, die man im absoluten Finale auf dem letzten Kilometer noch braucht.

Alle Muskeln sind angespannt

Wird die "flame rouge", die den letzten Kilometer anzeigt, passiert, dann gibt es Adrenalin pur. Der Puls rast, alle Muskeln sind angespannt. Die Blicke gehen in alle Richtungen. Auf das Hinterrad des Vordermannes, der im Idealfall ein Helfer aus dem eigenen Team ist, nach links und rechts, nach hinten. Wer hängt an meinem Hinterrad? Woher kommt der Wind? Von vorne, von hinten oder gar von der Seite? Es ist unheimlich wichtig, auf der Windschattenseite am Vordermann vorbei zu fahren. Aber ist da Platz? Fährt der vielleicht taktisch klug ganz nah an den Absperrgittern vorbei?

Am Sonntag müssen unsere deutschen Sprinter Sven Teutenberg und Erik Zabel all das berücksichtigen. Ich wünsche beiden alles Gute. Aber natürlich wäre es mir lieber, wenn Sven das bessere Ende für sich hätte. Dann bleibt der Sieg quasi in der Familie: Sven ist nicht nur ein Festina-Teamkollege, sondern auch der Patenonkel meines Sohnes.


Ihr und Euer Marcel Wüst



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.