Der Etappenhase Grillpartys im Gebirge

Noch immer kämpfen sich die Fahrer durch die raue Gebirgslandschaft der Pyrenäen. In den Bergen werden zwar stets Legenden geschrieben. Doch für mindestens ebenso viel Nervenkitzel sorgen die Heerscharen von Fans, die zuweilen auch eine Gefahr für ihre Helden darstellen.

Von Marcel Wüst, Loudenvielle


Jan Ullrich und Lance Armstrong in der Gasse der Fans: Fabulieren bei Bier und Wein
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Jan Ullrich und Lance Armstrong in der Gasse der Fans: Fabulieren bei Bier und Wein

Wir sind immer noch in den Bergen und das, was die Bergetappen ausmacht, sind vor allem zwei Dinge. Zum einen die Tatsache, dass gerade da Legenden geschrieben werden und zum anderen die Fans. Wahrscheinlich haben beide Dinge auch indirekt miteinander zu tun, denn gerade die Anfeuerungen bringen die Fahrer dazu über sich hinauszuwachsen.

Wenn man durch ein Spalier von mehreren Hunderttausend schreienden Fans fährt, hat man als Fahrer schon das Gefühl, die Straße nicht mehr zu berühren. Eine Gänsehaut läuft einem über den ganzen Körper und man wächst Kilometer für Kilometer über sich hinaus. Das gilt für die Fahrer, die um den Etappensieg kämpfen, natürlich genau so wie für die weiter hinten im Klassement abgehängten, die sich schinden, um das Zeitlimit zu schaffen. Diese Fans, die Jahr für Jahr die Hänge der Alpen und Pyrenäen bevölkern, sind in ganz verschiedene Gruppen einzuordnen.

Es gibt da zum einen die Radsportbegeisterten, die nicht als Fan eines bestimmten Fahrers oder Teams anreisen, sondern einfach mit Gleichgesinnten ein Radsportfest feiern wollen. Es werden alle Fahrer welcher Nationalität oder Teamzugehörigkeit auch immer frenetisch bejubelt. Es gibt kaum einen Sport, in dem sich auch die Fans gut verstehen, die eigentlich angereist sind, um verschiedene Fahrer anzufeuern.

Da kann man abends Grillpartys erleben, bei denen die amerikanischen Armstrong-Fans ein Herz und eine Seele mit den deutschen Ullrich-Fans sind. Man sitzt bei Bier und Wein zusammen und kann herrlich darüber fabulieren, wer von beiden denn die Tour gewinnen wird. Es gibt keine Hooligans oder fanatische Fans, die den Konkurrenten des Lieblingsfahrers schädigen wollen. Es ist wie eine große Radsportfamilie und jeder bleibt in allen Belangen fair.

Dass es bei den großen Zuschauermassen auch immer wieder mal zu Unfällen kommen kann, liegt einfach daran, dass es bei einer halbe Millionen Zuschauern auch mal der eine oder andere aus der Rolle fällt. Die Fahnen schwenkenden "Nebenherläufer" sind für die Fahrer das Nervigste, was es gibt, denn eine kleine Unachtsamkeit des überschwänglichen Fans - und der Fahrer liegt zusammen mit ihm auf der Nase. Zum Glück ist diese Art Fan eher die Ausnahme, die meisten halten sich dann doch zurück.

Ansonsten ist auch der Aufwand, der von den einzelnen Fans betrieben wird, sehr unterschiedlich. Es gibt die perfekt organisierten, die in ihren riesigen Wohnmobilen alles haben, was man oberhalb der Baumgrenze zum Überleben braucht. Satellitenschüssel, Fernseher und ein gut gefüllter Kühlschrank, mit dessen Inhalt die sechsköpfige Familie gut und gerne drei Tage aushalten kann. Der Holzkohle- oder Gasgrill ist genau so mit im Gepäck wie Campingtische und -stühle, Sonnenschirme und Sonnenliegen. Dazu kommen die Utensilien, die nötig sind, um die Straße zu bemalen, und die Fahnen und Transparente dürfen nicht fehlen.

Das Schlimmste ist die Fahrt zurück ins Tal


Fahne schwenkenden "Nebenherläufer": Der eine oder andere fällt aus der Rolle
REUTERS

Fahne schwenkenden "Nebenherläufer": Der eine oder andere fällt aus der Rolle

Die meisten haben, wenn sie sich am Abend vorher an den Berghängen postieren, allerdings nur die Basics dabei. Zelt, Schlafsack, eine Brotzeit und etwas zu trinken, und dann wird auf die Fahrer gewartet. Eine ganz seltene Spezies traf ich auf der Etappe nach Loudenvielle. Als ein Anhalter den Daumen hochreckte, hielt ich auf der für den normalen Verkehr schon gesperrten Straße an und nahm den älteren Herren mit. Er wisse gar nicht, dass man die Straße so früh zumache. Als Tagesverpflegung hatte er eine Flasche Wasser mit und war gerade zu Fuß auf dem Weg zum Gipfel des Peyresourde - bis dahin waren es noch 13 Kilometer! Auf meine Frage, wie er denn wieder runter komme, antwortete er, dass er sich darüber Gedanken machen werde, wenn die Fahrer vorbei gefahren sind. Das nenne ich unkonventionell!

Gerade bei den Pyrenäen-Etappen kommen natürlich unglaublich viele spanische Fans aus dem Baskenland hinüber, um ihre Landsleute anzufeuern, und natürlich kommen die Fans, die einmal da waren, dann jedes Mal wieder, denn das Ambiente, das an den Berghängen herrscht, ist etwas ganz Besonderes. Wenn man jedes Jahr mit dem Auto durch die Wohnmobil- und Zeltstädte fährt, gibt es auch das ein oder andere Mal ein Banner, welches man noch aus dem Vorjahr kennt.

Die deutschen Fans mit den Jan-Ullrich-Fahnen sind nach einem Jahr Abstinenz wieder da, die Amerikaner mit "Go Lance"-Bannern natürlich auch, und quer durch alle Kontinente kann man die Fans aus Kolumbien, Norwegen oder Australien an den Berghängen sehen. Das weniger Schöne ist für alle, nach der Etappe wieder ins Tal zu fahren. Der Stau, der dann entsteht, ist schlimmer als jede verstopfte Innenstadt im Berufsverkehr. Doch das Bergpanorama entschädigt einen ja auch dafür.

Bis morgen

Marcel Wüst



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