Der Etappenhase Tricksereien für das Gelbe Trikot

Das Gelbe Trikot ist auch nach der Sprintetappe von Nevers bei Armstrong-Helfer Victor Hugo Pena geblieben. Für eine erfolgreiche Verteidigung der Führung ist eine spezielle Taktik erforderlich - denn es gibt viele Dinge, die im Rennen passieren können und auf die richtig reagiert werden muss.

Von Marcel Wüst, Nevers


Der Mann in Gelb: Victor Hugo Pena
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Der Mann in Gelb: Victor Hugo Pena

Auch auf der heutigen Strecke von Nevers nach Lyon wird es wahrscheinlich wieder ähnlich laufen wie auf den vorangegangenen Flachetappen. Kurz nach dem Start in Nevers geht es schnell in welliges Gelände, und dort werden alle Teams ohne Sieganwärter oder Etappenjäger versuchen, in den Ausreißergruppen vertreten zu sein.

Die Männer um den Träger des Gelben Trikots müssen bei der Verteidigung helfen. Wenn es eine Spitzengruppe geschafft hat, sich vom Feld abzusetzen, wird kommuniziert, was das Zeug hält: Über "Radio Tour" wird zuerst die Zusammensetzung der Gruppe an die Teamfahrzeuge durchgegeben, und die sportlichen Leiter geben ihren Fahrern über den teaminternen Funk alle nötigen Fakten weiter. Sollte in der Ausreißer-Gruppe wider Erwarten ein potenzieller Kandidat fürs Podium in Paris sein, werden die US-Postal-Boys um Lance Armstrong versuchen, das Loch so schnell wie möglich zu schließen.

Wenn allerdings nur Fahrer vorne sind, die in der Gesamtwertung keine Rolle spielen, werden Armstrongs Teamkollegen sich hüten, zu viel Energie zu verschleudern. Denn wer jetzt schon einige Minuten Rückstand hat, ist für das Gelbe Trikot nicht gefährlich. Ist beispielsweise eine Gruppe vorne, in der der beste Fahrer drei oder gar vier Minuten Rückstand hat, kann man den Vorsprung ohne weiteres erst einmal wachsen lassen. Allerdings sollte die Gruppe vorne auch nicht zu groß sein, also maximal aus fünf oder sechs Fahrern bestehen.

Für das Schließen der Lücke am Ende der Ausreißer sind nämlich die Teams verantwortlich, die keinen Fahrer in der Spitzengruppe haben und/oder am Schluss die Etappe mit ihren Sprintern gewinnen wollen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die Mannschaft, die den Führenden in der Gesamtwertung in ihren Reihen hat, nicht die volle Arbeit leistet. Denn es gibt hier eine Interessenüberschneidung: Zum einen "die Gelben", die anfangs die Führungsarbeit in der Verfolgergruppe leisten, ohne ein wirkliches Interesse daran zu haben, die Ausreißer einzuholen. Außerdem die Sprinterteams, die nichts anbrennen lassen wollen, wenn es darum geht, ihren Sprinter mit um den Sieg fahren zu lassen.

Es kann im Radsport allerdings auch Konstellationen geben, in denen diese Schützenhilfe fehlt - wie zum Beispiel bei der Spanien-Rundfahrt 1999. Nachdem ich die zweite und dritte Etappe gewonnen hatte, war ich nicht nur der Topsprinter der Vuelta, sondern fuhr auch im Goldenen Trikot des Spitzenreiters. Alles schaute auf mein Festina-Team, und niemand kam in irgendeiner Rennsituation zur Hilfe. Das Resultat war, das meine Mannschaft sich aufopferte und ich da, wo ein Sprinter eigentlich die Unterstützung wirklich braucht, nämlich auf den letzten fünf Kilometern, auf mich allein gestellt war.

Dass ich die Etappe trotzdem gewann, war das schönste Geschenk, das ich meinen Teamkollegen für die geleistete Arbeit machen konnte. Glücklicherweise gab es am nächsten Tag eine Bergetappe, so dass ich das Trikot verlor und in der Folge wieder "nur" Sprinter sein durfte.

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Bei der Tour 2001 gab es eine skurrile Situation, als eine Gruppe mit mehr als einer halben Stunde Vorsprung das Ziel in Pontarlier erreichte. Vor den Bergen wollte sich niemand zu wehtun. Die Sprinterteams hatten jeweils einen Fahrer vorne, und niemand war gefährlich genug, um die Teams von Armstrong oder Ullrich auf den Plan zu rufen und die Ausreißer einzufangen. So kamen einige Fahrer in den Genuss von Gelb und waren bei der Endabrechnung in Paris unter den Top ten gelandet - eine Platzierung, von der sie vor der Tour nicht einmal zu träumen gewagt hätten.

Nach den vielen Sprints und Petacchis bislang drei Siegen freue ich mich richtig auf die Bergetappen - das war früher nicht so, aber die Zeiten ändern sich eben!

Bis morgen!

Marcel Wüst



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