Der Etappenhase Ullrich, Sex und die Waschweiber

Wie kann Jan Ullrich Lance Armstrong schlagen? Wie fühlt sich eine schwere Bergetappe an? Und warum war die Tour noch nie auf Korsika? Die Fragenflut an unseren Etappenhasen war wieder einmal gewaltig. Marcel Wüst hat den ersten Ruhetag bei der Tour de France genutzt, um sie alle zu beantworten.

Von Marcel Wüst, Limoges


"Mit Freunden redet man über Privates": Lance Armstrong und Jan Ullrich
REUTERS

"Mit Freunden redet man über Privates": Lance Armstrong und Jan Ullrich

Warum gab es so viele Stürze beim Prolog?

Die Stürze im Prolog sind sicher darauf zurückzuführen, dass die Fahrer gerade bei der Tour de France bereit sind, ein hohes Risiko zu gehen.

Wann schalten die Sprinter in den höchsten Gang?
Bei langen Zielgeraden hat der Sprinter meist schon einen oder zwei Kilometer vor der Ziellinie den höchsten Gang eingelegt, meist 53/11 oder auch 54/11. Alle Fahrer haben diese Übersetzungen montiert.

Woran erkennt man eigentlich, ob der Gegner einen schlechten Tag erwischt hat? Und wie schätzen Sie US-Postal und T-Mobile in den Bergen ein?
Man erkennt das nur dann, wenn man selbst angreift und der andere nicht folgen kann. Als Team schätze ich US-Postal in den Bergen kompletter und etwas stärker ein als T-Mobile.

Wie wird der Zeitabstand während der Etappe gemessen?
Die Fahrer haben an ihren Rennmaschinen einen GPS-Sender montiert. Dieses kleine Kästchen ist an den hinteren Streben befestigt, so kann sofort per Computer der Zeitabstand zwischen den einzelnen Fahrern ermittelt und ausgedruckt werden.

Wann wird die neue Regelung beim Teamzeitfahren endlich wieder rückgängig gemacht?
So irrsinnig ich diese neue Regel finde, gibt es meines Wissens keine Bestrebungen, sie wieder zurück zu nehmen. Das gilt übrigens auch für die neue Punktvergabe bei den Bergwertungen.

Bei welchem Tempo spürt man die Kraftersparnis des Windschattens?
Der Windschatten ist bereits ab einer Geschwindigkeit von ca. 25 km/h spürbar. Aber erst ab 40 km/h kann man einen wirklich gravierenden Unterschied feststellen, je nach Windrichtung.

Was erzählen sich die Radprofis denn so, wenn eine Etappe mal etwas gemächlicher verläuft?
In der ruhigen Phase eines Rennens geht es im Fahrerfeld so zu wie bei den Waschweibern: Überall wird erzählt und gelacht. Wenn man mit Freunden redet, geht es vor allem auch um Privates (Frau, Kind, Ferienziel oder neues Auto). Themen können auch der Sturz vom Vortag, das gute Hotel mit dem schlechten Essen oder die tollen Augen der netten Dame an der Rezeption sein.

Wie schützen die Fahrer ihr Hinterteil?
Gerade bei den Radhosen hat sich einiges getan. Heute bestehen sie aus synthetischem Material, das man waschen und trocknen kann, wie man will. Und es ist auch sehr viel pflegeleichter als das gute alte "Leder", das man noch vor 20 Jahren in der Hose hatte. Manche Fahrer benutzen trotz allem Hosenfett - meist eine Creme, die den Einsatz und das Hinterteil geschmeidig macht. Normale Feuchtigkeitscreme tut es da aber auch.

Ist die Motorisierung der Begleitfahrzeuge mittlerweile umweltfreundlich?
Bei der Tour fahren alle Autos mit klassischem Motor, also weder mit Elektro- noch Gasantrieb. Aber das ist durchaus eine gute Idee!

Warum hat die Tour noch nie auf Korsika Station gemacht?
Ich weiß es auch nicht. Vielleicht ist es die Angst vor Anschlägen; logistisch hat die Tour schon andere Dinge gestemmt, wie z.B. die Starts in Berlin oder Dublin.

Wie lange schlafen die Fahrer?
Bei der Tour schlafen die Rennfahrer etwa acht bis zehn Stunden pro Nacht. Je nach persönlichem Bedarf sogar noch mehr.

Wie viel Kaffee muss man trinken, um einen positiven Dopingbefund auf Koffein zu bekommen?
Das weiß ich selbst nicht genau, aber sicher mehr, als dem Magen gut tun würde. Ich schätze, sechs bis acht doppelte Espresso könnten das schon sein, genaue Recherche habe ich aber nie betrieben.

Wie kann ein Hobbyfahrer seine Kondition verbessern?
Wer nicht länger als 300 Meter aus dem Sattel fahren kann oder wem nach 70 Kilometern der Hintern so weh tut, dass es nicht mehr geht, sollte "einfach" kontinuierlich jeden Tag 50 Kilometer fahren und am Wochenende das Doppelte. Der Rest kommt dann von allein.

Ist Sex während der Tour de France erlaubt?
Heute ist Ruhetag, und viele Fahrer bekommen Familienbesuch. Frau, Freundin oder Kinder tun der Seele einfach gut. Sex ist nicht verboten, denn er beeinträchtigt die Leistung ganz bestimmt NICHT!

Vor Zeitfahren sieht man immer, wie sich die Profis auf der "Rolle" aufwärmen. Vor einer normalen Etappe passiert das nicht, warum?
Warmfahren ist deshalb nicht nötig, weil es immer eine neutralisierte Phase gibt, und man auch nicht immer von Anfang an Vollgas fahren muss.

Wie sollte Jan Ullrich in den Bergen gegen Lance Armstrong agieren?
Ullrichs Taktik bei den Bergankünften muss es sein, den Zeitrückstand auf Armstrong zu verringern - und dafür muss er angreifen. Wenn Lance kontert und ihn abhängt, ist es allemal besser, es versucht zu haben, als immer nur bei Armstrong zu bleiben und wieder nur Zweiter zu werden.

Letzte Verpflichtungen vor dem Ruhetag: Jan Ullrich und Autogrammjäger
REUTERS

Letzte Verpflichtungen vor dem Ruhetag: Jan Ullrich und Autogrammjäger

Können Sie die Strapazen einer schweren Bergetappe beschreiben?
Die Qualen einer Bergetappe kann man weder erahnen, geschweige denn beschreiben. Fahren sie einfach mal selber einen Berg hoch, so schnell es geht. Und wenn es anfängt, weh zu tun, nicht aufhören, sondern beschleunigen. Fünf Minuten sind ausreichend!

Wie werden Sturzverletzungen behandelt?
Bei Stürzen werden die Wunden nach der Etappe gereinigt und vom Teamarzt versorgt. Infektionen sind eher selten, aber kommen vor. Sie sind nicht nur schmerzhaft, sondern vermindern auch die Leistungsfähigkeit.

Werden Ausreißversuche schon vorher geplant?
Ausreißergruppen finden sich eher zufällig zusammen, was die Zusammensetzung angeht. Bevor es eine Gruppe schafft, sich abzusetzen, wird teilweise eine Stunde oder mehr angegriffen, was das Zeug hält. Viele Gruppen, die schon bis zu 15 oder 20 Sekunden herausgefahren haben, werden schon nach wenigen Kilometern eingeholt. Ein bisschen Glück gehört auch dazu!

Mit welchem Luftdruck fahren die Profis und welche Bremsen werden verwendet?
Bei normalen Etappen sind es 7,5 und 8,5 Bar, bei Zeitfahren haben die Reifen etwa 10 Bar. Es werden Felgenbremsen gefahren, denn die bieten das beste Verhältnis zwischen Funktionalität und Gewicht.

Was sind die Aufgaben der Mechaniker nach einer Etappe?
Zunächst wird das Rad penibel gereinigt, dann werden die Reifen auf kleine Schnitte geprüft und dementsprechend ausgetauscht. Die Laufräder werden, wenn nötig, zentriert und alle Schrauben auf festen Sitz geprüft. Neues Lenkerband kommt auch alle paar Tage drauf, denn die Ästethik fährt schließlich mit.

Das soll für heute erstmal reichen. Auch am zweiten Ruhetag werde ich noch einmal ihre Fragen beantworten, die sie mir wie gewohnt an diese Mailadresse schicken können.

Übrigens: Wer nicht nur während der Tour, sondern auch danach auf dem neuesten Stand der Dinge bleiben will, der kann ja mal bei www.marcelwuest.com vorbeischauen!

Bis morgen, Ihr Marcel Wüst



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