"Der Etappenhase" Vorfreude auf Rheinischen Sauerbraten

Die tägliche Kolumne zur Tour de France von Radprofi Marcel Wüst. Heute: Warum Radprofis auf Rundfahrten viel essen müssen und sie alle die Zeit danach herbeisehnen.

Von Marcel Wüst


Wieder haben wir eine Flachetappe hinter und eine nicht allzu schwere vor uns. Aber heute will ich Sie nicht damit langweilen, indem ich erneut über das Wohl und Leid der Sprinter schreibe. Deshalb geht es in diesem "Etappenhasen" mal um etwas ganz anderes: Das Essen nämlich.

Essen müssen alle Profis, aber dabei gibt es natürlich große Unterschiede. Vor und nach Flachetappen etwa isst man ganz anders als bei den harten Ritten durchs Hochgebirge, die wir ja in der zweiten und dritten Tourwoche mit Spannung erwarten. Außerdem geht es ja darum, was man überhaupt mag. Denn drei Wochen lang Nahrung in sich reinzustopfen, die man nicht ausstehen kann, das hält auch der härteste Radprofi nicht aus.

Das Abendessen verlangt eine gewisse Opulenz

Normalerweise ist die wichtigste Mahlzeit die nach der Etappe. Da müssen die Kohlehydratspeicher für den nächsten Tag wieder aufgefüllt werden. Aufgrund der Tatsache, dass Bergetappen viel länger als Flachstücke dauern und der Kalorienumsatz durch die lange Zeit an der Leistungsgrenze viel höher ist, verlangt das Abendessen nach einer solchen Anstrengung eine gewisse Opulenz. Im Besonderen natürlich, wenn am nächsten Tag wieder eine Bergetappe ansteht.

Mahlzeit: Während Kollege Jacky Durand (v.) die Pace macht, genehmigt sich Christophe Durand einen Müsliriegel
AFP

Mahlzeit: Während Kollege Jacky Durand (v.) die Pace macht, genehmigt sich Christophe Durand einen Müsliriegel

Die Zusammenstellung des Menüs ähnelt sich, vor allen Dingen aber sind die Mahlzeiten für alle Fahrer gleich: Vorab eine Suppe oder etwas Salat, dann Pasta, Reis, viel Gemüse und ein bisschen Fleisch oder Fisch stehen eigentlich immer auf dem Speiseplan. Nachtisch ist erlaubt, und ein oder zwei Gläser Wein sind auch mal drin, danach schläft man bekanntlich besser.

Der Magen darf nicht mehr arbeiten als die Beine

Das Frühstück wird individuell gestaltet. Es gibt einige, die ohne Nudeln zum Frühstück keine Etappe starten, dann wieder Leute wie mich, die lieber etwas Brot mit Marmelade, ein Croissant und dann noch ein Stück Kuchen und ein Joghurt essen. Eigentlich wie zu Hause, nur ist die Menge größer, wobei es wichtig ist, leicht Verdauliches zu sich zu nehmen, damit der Magen während der Etappe nicht mehr arbeiten muss als die Beine.

Schließlich die Verpflegung für unterwegs, die auch nur wenig Variationsmöglichkeiten lässt. Heißt: "PowerBar"-Riegel, von den Masseuren selbstgemachter Gries- oder Reiskuchen, ein paar Stücke Apfel oder Banane, wobei der Obstanteil mit der Quecksilbersäule des Thermometers steigt. Denn je wärmer es wird, desto weniger hat man Lust auf trockene Müslibars oder Pustekuchen.

Wenn das lästige Kauen entfällt

Dann gibt es noch die Kohlehydrate in Gelform, wie etwa "PowerGel". Das Zeug klebt zwar wie noch was, schmeckt aber klasse, und vor allen Dingen hilft es schnell und zuverlässig gegen die Hungermacke. Der Vorteil dabei ist, dass es auch bei Regen und Kälte schnell aus der Trikottasche herausgekramt ist, man es selbst mit eiskalt gefrorenen Fingern aufreißen kann und dass am Ende dann auch noch das lästige Kauen entfällt.

Nach der Etappe habe ich mich immer auf etwas Handfestes gefreut. Ein Tunfischsandwich oder ein Baguette mit spanischem Kartoffelomelette, dazu nach großer Hitze ein Radler - da war die Welt schnell wieder in Ordnung. Andere setzen da lieber auf Proteinshakes, Müsli oder sowas. Aber für mich war immer wichtig, das es schmeckt, weil es gerade in der letzten Tourwoche nicht der Normalfall ist, dass man überhaupt noch Appetit hat. Da ist der Körper so kaputt, das ihm auch das Essen schwer fällt.

Nebenbei bemerkt: Das Allerschönste für einen Fahrer ist, wenn er sich nach drei Wochen Tour de France wieder an den Tisch bei Frau oder Mama setzen darf. Bei uns gab es dann immer Rheinischen Sauerbraten oder eine andere Spezialität aus meiner Heimat. Denn der einzige, der nach drei Wochen Pasta-Tour seine kulinarische Herkunft verleugnet, ist der Italiener.

Bis morgen,
Ihr und Euer Marcel Wüst



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