Der Etappenhase Was passiert am Ruhetag?

An den Ruhetagen der Tour de France beantwortet Marcel Wüst traditionell die Fragen der Leser: Welchen Sonnenschutzfaktor benutzen die Fahrer? Darf man bei Fieber starten? Sitzt sich ein Profi das Gesäß wund? Warum trägt Alexander Winokurow nicht Magenta? Wüst kennt die Antworten.
Von Marcel Wüst

Frage:

Immer ist davon zu hören, dass die Profis vor einer Etappe jede Menge Nudeln essen. Macht das auch für einen Hobbyfahrer Sinn?

Antwort: Was für die Profis normal ist, das kann auch einem Hobbyfahrer nicht schaden. Vor dem Jedermannrennen einen Teller Nudeln zu essen, ist sicher eine gute Idee - wenn man sich nicht dazu zwingen muss. Denn bei solchen Veranstaltungen sollte der Spaß im Vordergrund stehen.

Frage: Passiert es eigentlich, dass sich Fahrer auf dem Rennsattel das Gesäß wund sitzen?

Antwort: Zum Glück für die Radprofis sind die Radhosen heutzutage sehr gut. Ein wund gesessenes Hinterteil gibt es so gut wie gar nicht mehr. Wenn es dann doch passiert, werden die Wunden Pflegecremes behandelt - wie bei Babys.

Frage: Was machen Fahrer an den Ruhetagen?

Antwort: Das handhaben die Profis unterschiedlich. Manche fahren eine Stunde ganz locker Rad und gehen danach mit Kollegen ins Café. Andere, das sind oft die Favoriten auf den Gesamtsieg, fahren zwei Stunden - und je nach Erschöpfungszustand auch schon mal einen Berg etwas zügiger hinauf. Ziel ist, den Körper unter Spannung zu halten, um im Rennrhythmus zu bleiben. Kranke und Verletzte fahren gar nicht.

Frage: Jens Voigt ist trotz schwerer Erkrankung noch an den Start gegangen. War das nicht unvernünftig?

Antwort: Das ist eine schwierige Frage. Voigt hatte in der Nacht vor der Etappe 40 Grad Fieber. Dass er trotzdem gestartet ist beweist, wie hart Rennfahrer sind. Andererseits zeugt so ein Einsatz von Unvernunft. Ich habe früher auch solche Fehler begangen, aber gegen Ende meiner Karriere wurde ich vernünftiger. Fahren mit Fieber war bei mir irgendwann ein Tabu. Denn die drohenden Langzeitschäden stehen in keinem Verhältnis zum kurzfristigen sportlichen Erfolg. Außerdem ist bei Fieber der Körper so stark geschwächt, dass man sowieso keine ordentliche Leistung bringen kann. Aber viele Fahrer denken trotzdem, dass sie sich und das Team nicht enttäuschen dürfen. Das ist eine Dummheit, die Teamärzte eigentlich verhindern müssten.

Frage: Wie hoch schnellt eigentlich der Puls eines Radprofis während einer Etappe?

Antwort: Wenn einer im Hauptfeld fährt, dann ist die Pulsfrequenz logischerweise niedriger als bei Männern an der Spitze. Im Feld wird im Windschatten anderer gefahren, das spart viel Kraft. Zu Beginn einer Etappe muss man durchaus auch kräftig treten. Wenn nämlich das Feld keinen Pulk, sondern eine lange Reihe bildet und ein Fahrer nur noch das Hinterrrad des Vordermanns im Blick haben muss, dann ist es vorbei mit der gemütlichen Fahrt. In der letzten Tourwoche sind die Pulswerte der Fahrer immer höher als zu Beginn - bis zu 15 Schlägen. Denn alle sind ausgelaugt, folglich muss den Körpern mehr abverlangt werden.

Frage: Mit welchen Übersetzungen wird gefahren?

Antwort: Im Prinzip haben die Fahrer alle vorne Kettenblätter mit 53 (großer Kranz) und 39 Zähnen (kleiner). Einige Sprinter wählen auch die Kombination 54/39. Die hinteren Ritzel haben zwischen 11 und 23 Zähnen. Nur für ganz steile Berge werden andere Ritzel montiert. Beim Angliru auf der Spanien-Rundfahrt, eine 24-prozentige Steigung, hatte der Etappensieger Jimenez 39 (vorne) und 29 (hinten) aufgelegt, viele gar drei Kettenblätter vorne (ich auch), um eine leichte Übersetzung zu erzielen. Ich hatte als kleinste Übersetzung die Kombination 30/26, sonst wäre ich wahrscheinlich den Berg nicht hochgekommen.

Frage: Trainieren Sprinter das Fahren in den Bergen?

Antwort: Kaum, denn das bringt ihnen gar nichts. Für diese Rennfahrer ist spezielles Sprinttraining wichtiger. Wenn man sich einmal seiner eigenen Stärken bewusst geworden ist, sollte man sie auch speziell trainieren, um sich dort noch weiter zu verbessern.

Frage: Warum trägt Alexander Winokurow ein türkisfarbenes Trikot und nicht Magenta wie seine T-Mobile-Kollegen?

Antwort: Diese Farben sind das Symbol für den Landesmeister von Kasachstan. Winokurow hat diesen Titel eine Woche vor Start der Tour de France in seiner Heimat gewonnen und muss deshalb das Meistertrikot tragen. Das sind die Regeln des Weltverbandes.

Frage: Was versteht man am Start unter Neutralisation?

Antwort: Die Neutralisation ist die Strecke, die vom Start im Zentrum einer Stadt bis zu den Außenbezirken führt. Dieses Stück zählt noch nicht zum offiziellen Etappenteil, hier darf keiner attackieren. Das hat Sicherheitsgründe, denn mitten in den Städten gibt es meist viele Fahrbahnteiler, Schienen oder Kreisverkehre, daher müssen die Fahrer langsam fahren - zur Freude der Zuschauer. Sind all die kleineren Gefahrenstellen passiert, wird das Rennen freigegeben, das ist dann der Kilometer Null. Meist gibt es an dieser Stelle sofort die ersten Attacken.

Frage: Im Fernsehen werden während einer Etappe regelmäßig spezielle Daten von Fahrern gezeigt. Woher kommen die Angaben über Pulswerte, Geschwindigkeit und Wattzahl?

Antwort: Die Daten haben die Fahrer in ihrem Trainingscomputer am Rad, der alle Angaben misst und speichert. Zum Fernsehen werden diese Ergebnisse dann von einem 200 Gramm leichten Sender übermittelt, den die Profis unter dem Sattel befestigt haben.

Frage: Welche Mengen Flüssigkeit verbraucht ein Fahrer während einer Bergetappe?

Antwort: Im Durchschnitt acht Liter, manchmal auch mehr. Solche Mengen sind für den Magen nicht einfach, und deshalb werden nicht nur Mineralgetränke genommen, sondern fast zur Hälfte auch leichter verdauliches Wasser.

Frage: Wer bestimmt, welches Team bei der Tour mitfahren darf?

Antwort: Die teilnehmenden Teams sind die 20 Mannschaften, die zur Protour gehören, die quasi die Champions League des Radsports ist (Anm. d. Red.: Die Protour gibt es seit diesem Jahr, sie umfasst 27 Pflichtrennen. Die Teams mussten sich für die Teilnahme bewerben. Die Tour hat den Weltcup und die alte Weltrangliste abgelöst). Außerdem wurde vom Tourveranstalter ein französisches Team zusätzlich eingeladen, das ist in diesem Jahr die Ag2R.

Frage: In den Pyrenäen herrschte starker Sonnenschein. Wie schützen sich die Fahrer davor?

Antwort: Meist schmieren sich die Profis auf der Busfahrt zum Start mit Sonnencreme mit einem hohen Lichtschutzfaktor (30) ein. Verbreitet sind auch Sonnengels, die beim Schwitzen nicht wieder aus den Poren quellen.

Bis morgen, Ihr Marcel Wüst