"Der Etappenhase" Wenn die Tour schrumpft

Die tägliche Kolumne zur Tour de France von Radprofi Marcel Wüst. Heute: Was einem Fahrer vor dem Start zum bedeutendsten Radrennen der Welt durch den Kopf geht.


Jetzt sind also alle, die mit Radsport zu tun haben, in Frankreich. Und ich bin auch wieder dabei, allerdings nicht als Fahrer (und Etappensieger!), sondern als Medienmensch. Bei der ARD mache ich den Experten, bei meinem Team Festina bin ich für diverse Aufgaben vorgesehen, und natürlich gibt es meine tägliche Kolumne hier bei SPIEGEL ONLINE.

Natürlich geht es bei der Tour nicht um Marcel Wüst, sondern vor allem um die, die mitfahren. Viele haben wie ich auch als kleiner Junge davon geträumt, die Tour mal fahren zu können. Und am Anfang ist alles auch ganz harmlos. Die Anreise zum Rennen drei Tage vor dem Start ist wie immer: Diverse Kleinigkeiten können noch geregelt werden, aber normalerweise ist zu diesem Zeitpunkt bei allen alles perfekt - wenn es doch nur bald losginge ...

Es geht nicht ums Urinprobensammeln

Stattdessen stehen Training mit dem Team, Massage und der obligatorische Medical Check der Société du Tour auf dem Programm. Bei der medizinischen Untersuchung geht es nicht ums Urinprobensammeln, sondern darum, interessante Details wie Ruhepuls, Blutdruck oder Lungenvolumen eines jeden Rennfahrers zu bestimmen. Die traditionelle Vorstellung der Mannschaften am Freitag ist dann auch noch Pflichtprogramm, mit den Gedanken ist der Fahrer zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon längst beim Prolog.

Die Strecke hat man im Training natürlich schon zigmal abgefahren, weil jedes kleine Detail wichtig ist: Wie schnell durch welche Kurve? Welche Übersetzung beim Start? Solche Sachen spuken spätestens am Tag vor dem Start im Kopf herum.

Nicht nur jeder Fahrer, sondern auch die Stadt Dünkirchen bereitet sich auf die Tour vor
AFP

Nicht nur jeder Fahrer, sondern auch die Stadt Dünkirchen bereitet sich auf die Tour vor

Voll Unruhe und Anspannung

Eigentlich ist es wie immer bei Prologen, aber doch anders. Bei der Tour ist eben alles größer. Mehr Presse, mehr Zuschauer, mehr Fernsehteams, und im Inneren ist jeder Fahrer nervös, auch wenn er sich das nicht eingestehen will. Ich erinnere mich noch sehr gut an das letzte Jahr, als ich nach zwölf Profijahren und weit mehr als tausend Rennen Erfahrung voll innerer Unruhe und Anspannung war.

Die letzten zwei Stunden bis zum Start vergehen quälend langsam. Jeder bereitet sich irgendwie vor: Musik beim Warmfahren auf dem Kopfhörer oder einfach nur der Tunnelblick geradeaus, während man auf dem Turbotrainer - eine Art Heimtrainer, auf dem das eigene Rad eingespannt wird - das Blut in Wallung und den Puls nach oben bringt.

Packe ich es?

Warmfahren ist das Wichtigste überhaupt. Aber es ist auch unheimlich schwer, dabei konzentriert zu bleiben. Immer wieder schweifen die Gedanken ab zur Strecke. Der Sprecher am Start gibt die ersten Bestzeiten durch. Und dann ist man irgendwann selbst dran. Das größte Radrennen der Welt beginnt.

Auf der Rampe hat man noch etwa 45 Sekunden Zeit. Die Gedanken rasen einem durch den Kopf: Packe ich es? Komme ich bis nach Paris? Werde ich eine Etappe gewinnen können? Was macht mein Sohn wohl gerade? Soll ich volles Risiko in die erste Kurve gehen? 3500 Kilometer liegen noch vor mir.

Nach dem Countdown von 10 bis 0 sind alle diese Gedanken weggeblasen. Endlich freigelassen, könnte man sagen: Konzentration pur, Leistungsgrenze für lange Minuten halten, Schmerzen überall im Körper. Aber die Last, in die Tour de France zu starten, ist verschwunden.

Alles eine Spur kleiner

Man ist Teil der Tour geworden, und ehe man sich versieht ist man im Ziel des Prologs, ausgepumpt und nach Atem ringend, begeistert das gesteckte Ziel erreicht oder gar übertroffen zu haben. Oder aber enttäuscht, weil man hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist. Der immense Druck ist weg. Als sei er nie da gewesen. Die Tour ist immer noch genauso groß und wichtig wie zuvor, aber der Fahrer wächst an diesem Prolog, und deshalb kommt ihm jetzt alles eine Spur kleiner vor.



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