Deutsch-deutsche Handballduelle Der liebste Feind

Keifende DDR-Zuschauer, verängstigte BRD-Handballer. Das Match im März 1976, als es um die Qualifikation für die Olympischen Spiele ging, hatte alles, was einen Krimi ausmacht. Am Ende entschied ein verworfener Siebenmeter über den Sieger.


Als sich der kapitalistische Westen und der sozialistische Osten in einer diplomatischen Eiszeit befanden, entzündete sich ein heißer Kampf zwischen den Systemen nur im Leistungssport. Spektakulär war das Duell zwischen Boris Spasski und Bobby Fischer, die 1972 in Reykjavik um die Schachkrone stritten. Ein Duell, das genauso zum Mythos wurde wie das olympische Eishockey-Duell 1980 in Lake Placid. Damals besiegten die USA die UdSSR, die zuvor für unschlagbar gehalten worden war, 4:3.

Und selbstverständlich ergaben sich aufgrund der politischen Realitäten speziell in Mitteleuropa sehr brisante Konstellationen, dort, wo sich Westen und Osten am "Eisernen Vorhang" gegenüberstanden: im geteilten Deutschland. Die meisten Auseinandersetzungen im Sport sollte die DDR für sich entscheiden. Die ostdeutschen Sportler hatten den innerdeutschen Vergleich bei den Olympischen Spielen 1972 gewonnen, und sie hatten sogar beim einzigen Fußball-Länderspiel gesiegt (1:0 bei der WM 1974).

Doch die emotionalste Auseinandersetzung dieser Epoche lieferte der Handball, als sich DDR und BRD um die Olympia-Qualifikation für Montreal 1976 stritten. Die DDR profitierte von ihrer früheren Konzentration auf die Halle und von der Verwissenschaftlichung des Handballs: "Wir wussten von denen wenig, die von uns alles. Die kannten die Stärken und Schwächen jedes einzelnen Spielers genau", so beschrieb 1970 der bundesdeutsche Keeper Max Müller die Ausgangslage vor dem Duell mit den zunehmend unnahbareren Landsleuten: "Die wurden total abgeschottet. Zu persönlichen Gesprächen kam es gerade mal nach dem Bankett auf der Toilette."

Während der bundesdeutsche Auswahl-Handball in den Jahren danach niederging, galt die DDR als zweifacher Vizeweltmeister (1970 und 1974) als Großmacht. Das Duell zwischen BRD und DDR, das 1975/1976 anstand, war also eines zwischen David und Goliath. Schon das Hinspiel am 20. Dezember 1975 in der Münchner Olympiahalle wurde von der bundesdeutschen Sportpresse als "Spiel des Jahres" hochgejazzt. Die DDR-Funktionäre reagierten mit Nervosität, sie kritisierten den ungewohnten Nadelfilzboden als "Foul vor dem Anpfiff".

Für das Duell der Systeme hatten 100.000 Kartenwünsche vorgelegen, doch nur ein Zehntel bekam Einlass. Aber auch die 10.500 Zuschauer entfachten eine feindselige, giftige Stimmung: Sie pfiffen den Gegner aus der DDR bei jeder Aktion gnadenlos aus, und das entrückte Publikum johlte, wenn die Stars aus Rostock, Leipzig und (Ost-)Berlin daneben warfen. Nach dem sensationellen 17:14-Sieg der BRD wurde Trainer Vlado Stenzel, obwohl noch gar nichts entschieden war, bereits auf den Schultern der ekstatischen bundesdeutschen Fans durch die Halle getragen.

BRD-Coach Stenzel (Mitte, nach dem WM-Sieg 1978): Duell der Systeme
DPA

BRD-Coach Stenzel (Mitte, nach dem WM-Sieg 1978): Duell der Systeme

Zum absoluten Höhepunkt aber avancierte schließlich das Rückspiel, das der DDR-Verband mit Bedacht in Karl-Marx-Stadt (dem heutigen Chemnitz) angesetzt hatte: Dort hatte die BRD 1974 bei der WM zwei vernichtende Niederlagen kassiert. Den Westdeutschen reichte, weil sie den anderen Gruppengegner Belgien zuvor 34:6 bezwungen hatten, eine Niederlage mit drei Toren, sofern die DDR dabei nicht mehr als 16 Tore erzielte.

Stenzel hatte bei den letzten Tests gegen süddeutsche Clubs die Zuschauer das ganze Spiel durchpfeifen lassen. Doch die Stimmung am 6. März 1976 war nicht simulierbar gewesen: "Uns schlug eisiger Wind entgegen, als wir in die umfunktionierte Eissporthalle kamen. Alles, was westdeutsch war, wurde von Anfang an niedergeschrien", erzählte Stenzel später. "Selten wohl ist in einem Handballspiel verbissener und verbitterter gekämpft worden. Klassenkampf auf dem Parkett, Narrenfreiheit für sozialistische Choleriker auf den Rängen. Es war kein Spiel, eher ein physischer und psychischer Schlagabtausch", urteilte ein westdeutscher Journalist.

Ganz Deutschland schaute auf dieses Spiel, das live von der ARD übertragen wurde. Die DDR startete überaus aggressiv und führte nach 26 Minuten 7:2. Doch mit einem direkt verwandelten Freiwurf durch den überragenden Joachim Deckarm verkürzte die BRD vor der Pause auf 4:7. Die zweiten 30 Minuten entwickelten sich dann zu einer Abwehrschlacht des BRD-Teams. Zwei Minuten vor Schluss erzielte Deckarm mit dem 8:9 die vermeintliche Vorentscheidung, aber die DDR erhöhte durch Hans Engel schnell auf 11:8. Dann das unfassbare Finale: Der Kapitän der Westdeutschen, Horst Spengler, foulte Engel beim letzten Angriff – und der Schiedsrichter gab Siebenmeter.

Vor dieser letzten Aktion stand Stenzel, Heiner Brand und Kurt Klühspies das Entsetzen in den Gesichtern. Spengler lag auf dem Boden und mochte nicht mehr hinsehen, als Engel, der Star vom ASK Frankfurt/Oder, in der letzten Sekunde der Partie zur Ausführung des Strafwurfes schritt. Aber Torhüter Manfred Hofmann hielt. Der Ball prallte von seinem Knie an die Hallendecke, nun lagen die DDR-Spieler am Boden, und die Westdeutschen liefen jubelnd auf den Helden des Tages zu.



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