Deutsche Halbzeitbilanz Leider nur eine Britta Steffen

Zwischen Frust und Freude: Der DOSB ist hin- und hergerissen bei der Beurteilung der bisherigen deutschen Olympia-Leistungen. Delegationschef Michael Vesper lobt fleißig, doch an den enttäuschenden Vorstellungen der Schwimmer kam auch er nicht vorbei.

Aus Peking berichtet


Welchen Sinn haben Halbzeitbilanzen? Halbzeitbilanzen tragen das Problem schon im Namen, sie sind unvollendet, verfrüht. Und wenn Michael Vesper jetzt sagt, dass seine Halbzeitbilanz "durchweg positiv" ausfalle, dann ist klar, was gleich kommt. "Und das lässt hoffen, dass wir unser selbst gestecktes Ziel, hier den Abwärtstrend zu stoppen und mindestens das Medaillenergebnis von Athen zu wiederholen, erreichen können." Das ist das Problem von Halbzeitbilanzen und auch ihr Gutes: Eigentlich weiß man nichts endgültig, aber man darf weiter hoffen. Vornehmlich auf Medaillen.

Medaillen sind für den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) so etwas wie ein Aktienkurs, in ihm materialisiert sich die Arbeit der Athleten, Trainer und Funktionäre. Die Athleten bringen die Leistungen oder nicht. Die Trainer bringen sie zu diesen Leistungen. Und die Funktionäre des DOSB? Die haben das Problem, dass es den fusionierten Verband, der am 20. Mai 2006 aus dem Deutschen Sportbund (DSB) und dem Nationalen Olympischen Komitee (NOK) hervorging, noch nicht lange gibt. Und dass sie zu dem Ergebnis nicht viel beigetragen haben. Beitragen konnten, so Eberhard Gienger.

"Wir haben ja gerade erst die Gespräche über die neuen Leistungsvereinbarungen mit den Verbänden geführt", sagt der DOSB-Vize, der für den Leistungssport verantwortlich ist. Die neuen Leistungsvereinbarungen sind eine Art Vertrag zwischen DOSB und den Teilverbänden, in denen festgelegt wird, wie sich die Athleten bis zu den nächsten Olympischen Spielen 2012 in London entwickeln sollen. Beim Bund wurde eine Erhöhung der Fördermittel durchgesetzt, die erste seit 15 Jahren - das alles werde erst "in den nächsten zwei Jahren Früchte tragen", sagt Gienger.

Die Früchte sollen Medaillen sein, so viele wie möglich, nur dann gelten Olympische Spiele in Deutschland als Erfolg. Nur dann gibt es genügend Geld für die Verbände. Im Förderkonzept des DOSB wird das Erfolgskriterium "Anzahl der Medaillen" mittels einer höheren Gewichtung "besonders hervorgehoben". Der Leistungsdruck auf die Verbände ist immens, schon ein vierter Platz zählt weit weniger als Bronze. Und auch wenn sich DOSB-Generaldirektor Vesper saubere Medaillen wünscht - wann wird der finanzielle Anreiz größer als der Wunsch, sauber an den Start zu gehen? Erst wenn es um die Existenz einer Sportart geht?

An Medaillen hängen Fördergelder, bezahlte Trainer. Das Innenministerium gibt viel Geld, wenn die Erfolge stimmen. Sponsoren geben viel Geld, wenn die Leistung stimmt. Der DOSB stellt Ziel-Mittel-Relationen auf, rechnet also mathematisch aus, wo sich wie viel Fördergelder auszahlen - in Medaillen. Es gibt zu wenige Sponsoren, die mehr fördern wollen als fordern. Und die im Zweifel einen Wettkampffünften als Werbepartner wählen, wenn er "ein Typ" ist.

So gilt die erste Aufmerksamkeit der Beendigung des Abwärtstrends, der nach 1992 einsetzte. In Barcelona landete die wiedervereinigte deutsche Mannschaft mit 33 Mal Gold auf Platz drei des Medaillenspiegels, knapp hinter dem Zweiten USA (37). In Athen 2004 langte es nur noch zu Platz sechs - mit 13 Mal Gold. Und so kommt es, dass im Deutschen Haus der Schweiß ausbricht, wenn nach dem zweiten Tag der Spiele in Peking noch keine Medaille am Baum hängt.

Keine Sportart hat die Entwicklung der Deutschen so veranschaulicht wie das Schwimmen. Just 1992 in Barcelona holte Dagmar Hase die letzte Goldmedaille, dann ging es sukzessive bergab. Franziska van Almsick sammelte Medaillen, aber keine ersten Plätze, 2004 in Athen gab es noch vier Mal Bronze und ein Mal Silber. In Peking schwammen sie tagelang hinterher.

DOSB-Direktor Vesper hat deshalb auch über das Schwimmen gesprochen, und das nicht positiv. Die Ergebnisse seien "hinter den Erwartungen" zurückgeblieben, Schwimmen sei eine dieser "negativen Überraschungen". Die Schwimmer haben nicht abgeliefert.

Über die Gründe schweigen sich die Funktionäre noch aus, hier in Peking sei nicht die Zeit, sie zu analysieren.

Dabei sind sie offensichtlich.

Vor zweieinhalb Jahren gab es eine Strukturreform. Die Vereinstrainer wurden entmachtet. Der Sportdirektor des Deutschen Schwimmverbandes (DSV), Örjan Madsen, sagte, er nehme "jedem Trainer die Stoppuhr aus der Hand und schaue ihm über die Schulter". Das Prinzip hieß nun Zentralisierung statt Dezentralisierung, Kontrolle statt Vertrauen. Vertrauen in die Arbeit der Heimcoaches, aber auch Vertrauen in die Athleten, die drei Wochen vor Olympiabeginn in Japan noch ein Ausschwimmen bestehen mussten - obwohl sich alle Schwimmer mit ihren Zeiten bereits qualifiziert hatten.

Nachfolger Madsens, der nach den Sommerspielen aufhören wird, ist Lutz Buschkow. Der 50-Jährige ist seit 2004 Wassersprung-Bundestrainer. Unter dem neuen Mann, der einen Vertrag bis 2013 erhielt, soll es besser laufen. Dessen erste Aufgabe ist laut DSV-Präsidentin Christa Thiel die Suche nach einem Schwimm-Bundestrainer. Buschkow ist für alle vier Sparten des DSV (Schwimmen, Springen, Wasserball und Synchronschwimmen)hauptverantwortlich und hat damit mehr Kompetenzen als sie Madsen gewährt wurden.

Den ehemaligen Olympiasieger Michael Groß hat das System im deutschen Schwimmen zu einem Vergleich der politischen Systeme geführt. Man sei nicht "in der DDR, sondern in der Bundesrepublik", sagte Groß, der darauf hinweist, dass auch zu Zeiten der erfolgreichen ostdeutschen Schwimmer westdeutsche ihre Medaillen gewonnen hätten. Zum Beispiel er.

Was Groß auch meint: Es sei ein Irrglaube, ein System von früher zu kopieren, um im Heute Erfolg zu haben.

Und so sind die beiden Goldmedaille von Britta Steffen, die einzigen des DSV, auf den ersten Blick eine Krux. Weil sie zum einen als Beleg dafür taugt, dass das zentralisierte System mit gemeinsamen Lehrgängen oder Höhentrainingslagern gescheitert ist. Zum anderen könnten sich die Verfechter dieses Systems bestätigt sehen. Wann gab es denn die letzte Goldmedaille für deutsche Schwimmerinnen? 1992 eben, als Hase über 400 Meter siegte.

Leider ist Steffen aber ein Sonderfall. Sie durfte ungestört von äußerer Einflussnahme mit ihrer Trainerin und Psychologin arbeiten. Die 24-Jährige ist also eigentlich ein weiterer Beleg für die These, dass sich im deutschen Schwimmsport etwas ändern muss.

Ein Satz für eine Schlussbilanz. Vielleicht sagt ihn Michael Vesper ja am nächsten Sonntag. Zu den 13 Goldmedaillen von Athen fehlen dem deutschen Team noch vier.



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