Deutsche Medaillen 2008 "Der Abwärtstrend ist schwer aufzuhalten"

Sportfunktionäre ziehen ein positives Jahresfazit - tatsächlich aber haben die Ergebnisse bei Olympia 2008 die Negativentwicklung im deutschen Sport unterstrichen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht Trainingswissenschaftler Joachim Mester über die Gründe der Krise.

SPIEGEL ONLINE: Der Deutsche Olympische Sportbund hat Bilanz gezogen zu den Olympischen Spielen in Peking. Das Fazit: "Das gute Ergebnis verdient ungeteilte Anerkennung". Sehen Sie das ähnlich?

Mester: Diese Einschätzung des DOSB teile ich nicht. Das lässt sich auch ganz leicht begründen. Wenn man sich beispielsweise die Gesamtanzahl der Medaillen anschaut, die ein deutsches Team seit Barcelona 1992 alle vier Jahre geholt hat, dann gingen pro Sommerspiele ziemlich genau zehn Medaillen verloren. Das macht insgesamt 41 weniger als 1992. Damals waren es 82, in Peking nur noch 41.

Hochspringerin Friedrich bei Olympia: Zum Höhepunkt nicht topfit

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Foto: AP

SPIEGEL ONLINE: Ist das ein deutsches Problem?

Mester: Keinem anderen Land der Welt geht es ähnlich. Die großen Sportnationen wie Australien, USA, Großbritannien, Frankreich, aber auch Russland haben gleichbleibende oder wachsende Medaillenzahlen. Deutschland hingegen verzeichnet einen ganz klaren Trend abwärts, der uns in London 2012 weitere zehn Medaillen kosten wird, wenn er anhält.

SPIEGEL ONLINE: Könnte es nicht auch sein, dass in Deutschland weniger oder schlechter gedopt wird?

Mester: Dass Doping - nicht nur im Spitzensport - eine Rolle spielt, wer will das abstreiten? Ich bin sehr froh, dass wir in Deutschland eine so entschiedene Doping-Bekämpfung haben. Leider gilt das nicht für alle Länder, die an olympischen Spielen teilnehmen. Teilweise gibt es ja dort noch nicht einmal eine Nationale Anti-Doping-Agentur. Ich kann Sportler schon verstehen, die sagen, wir treten nur noch gegen Konkurrenten aus solchen Ländern an, wo eine Nada etabliert ist und glaubhaft arbeitet. Allerdings: Nicht alle, die besser sind als wir, sind auch gedopt.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist die Talfahrt zu stoppen?

Mester: Solche Trends wie hier bei den Sommerspielen, die seit Jahren bestehen, sind sehr schwer aufzuhalten. Man müsste sich, statt über Erfolge zu sprechen, mehr einer klaren Analyse stellen. Wenn wir Probleme totschweigen, gibt es ja auch keinen Anlass, daran etwas zu ändern. Es gibt jedoch zahlreiche Gründe für diese Entwicklung.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Mester: Ein erster Problembereich sind die nicht vorhandenen Standards für Diagnostik und Training. Überall in Deutschland werden Leistungstests gemacht. Die meisten Maßnahmen wie Ausdauer- und Krafttests werden aber mit unterschiedlichen Geräten und Protokollen durchgeführt. Das heißt, in Köln wird anders getestet als in Leipzig, in München anders als in Hamburg. Dann werden diese Ergebnisse von Bundeskader-Athleten den Bundestrainern vorgelegt - nur kann dieser die Zahlen schwerlich vergleichen, geschweige denn die eigentlich notwendigen Erkenntnisse für das Training ableiten.

SPIEGEL ONLINE: Was zu falschem Training führt.

Mester: Das kann sein. Es ist ja eine alte Erkenntnis: Vor der Therapie kommt die Diagnose. Und wenn die falsch ist, ist es die Therapie mit großer Wahrscheinlichkeit eben auch.

SPIEGEL ONLINE: Können Leistungstests nicht zentralisiert werden?

Mester: Nein, dazu ist Deutschland zu groß. Es wäre auch nicht sachgerecht. Eine nationale Abstimmung über die Methoden und Untersuchungsprotokolle wäre es aber schon. Wir, das Deutsche Forschungszentrum für Leistungssport, planen im kommenden Jahr Konsensus-Konferenzen zu "Standards und Qualitätssicherung in Diagnostik und Training", in denen solche Abstimmungen versucht werden sollen. Derartige Verfahren gibt es in vielen anderen wissenschaftlichen Bereichen, im Sport jedoch bislang leider noch nicht.

"Es wird falsch trainiert"

SPIEGEL ONLINE: Was sind weitere Gründe für den Abwärtstrend?

Olympiasiegerin Steffen: Kein Produkt eines guten Sportsystems

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Foto: REUTERS

Mester: Wir haben in Köln in den letzten beiden Jahren sehr umfangreiche diagnostische Untersuchungen an rund 600 deutschen Kadersportlern olympischer Sportarten sowie an Fußball-Bundesliga-Profis durchgeführt und viele Analysen zu deren Training zusammengestellt. Dabei sind wir zu der Überzeugung gekommen, und da müssen wir auch Asche auf unser Haupt streuen, dass wichtige Teile der aktuellen internationalen Erkenntnislage, was die Trainingssteuerung angeht, bei uns noch nicht angekommen sind.

SPIEGEL ONLINE: Also falsch trainiert wird?

Mester: Ja, an wichtigen Stellen. Und das fängt schon ganz früh an. In Deutschland wird beispielsweise bis heute behauptet, dass Krafttraining vor der Pubertät nicht gut für die körperliche Entwicklung eines Heranwachsenden wäre. Das ist aus heutiger Sicht nicht mehr zu halten. Diese Fehleinschätzung rächt sich natürlich später.

SPIEGEL ONLINE: Wobei das wohl auch nicht die letzte Problemstelle ist?

Mester: Nein, es gibt viele andere. Ein weiteres Beispiel ist das Laktatverständnis. In vielen deutschen Lehr- und Trainingsmeinungen gilt Laktat, das sich bei hoher sportlicher Intensität im Muskel bildet, immer noch als Abfallprodukt. Das ist es ganz und gar nicht. Einfacher ausgedrückt: Hohe, intensive Belastungen im Training sind bei uns vielfach noch verpönt.

SPIEGEL ONLINE: Das sieht man im Ausland anders?

Mester: Allerdings. In Deutschland geht es oft um Umfang. International wird hingegen in vielen Bereichen die Intensität gesteigert. Im Kraftbereich, aber auch vor allem für die Ausdauerleistung kann die Wirkung eines relativ kurzen, dafür aber intensiven Trainings, jedoch enorm hoch sein.

SPIEGEL ONLINE: Ist das eine Erklärung für die Leistungen in Peking? Gerade im Schwimmen wurde die falsche Trainingssteuerung beklagt.

Mester: Wir haben in vielen Bereichen immer noch ein sehr traditionelles Verständnis über Intensitäten. Speziell auf die Wettkampfhärte wurde in anderen Nationen mehr Wert gelegt. In bestimmten Phasen wurde dort intensiver trainiert, also direkt vor den Höhepunkten wie Olympia. Auch Wettbewerbe gehören hier dazu. So kann der Körper sowohl psychisch als auch physisch die Erfahrung der hohen Belastung in den Wettkampf mit hinein nehmen. Bis auf Steffen Biedermann, der nach den Vorgaben des damaligen Cheftrainers Örjan Madsen trainiert hatte, war nur Britta Steffen die Zeiten geschwommen, die sie kurz zuvor bei der Qualifikation für die Spiele noch geschafft hatte.

SPIEGEL ONLINE: Steffen gewann immerhin zweimal Gold.

Mester: Eben, diese Erfolge sind aber leider oft weniger das Produkt einer klaren systematischen Förderung im Spitzensport eines Verbandes. Ein Talent, ein gutes familiäres Umfeld, gute Trainer, hohe Motivation des Athleten - schon passt es individuell. Prinzipiell und strukturell sind aber neue Erkenntnisse, wie es auch Madsen versucht hat, in Deutschland sehr schwer umzusetzen. Wir haben ein nach außen hin hierarchisches System mit den Bundes- und Landesverbänden, Vereinen und so weiter. Was aber von oben kommt und nach unten soll, kann nur sehr schwer zentral vermittelt werden. Dazu ist die Vermittlungsarbeit oft nicht hinreichend, sind die persönlichen Freiheiten der einzelnen Trainer zu hoch und die Überzeugungsarbeit misslingt dann eben vielfach.

SPIEGEL ONLINE: Die Wissenschaft erreicht den Sport nicht?

Mester: An vielen Stellen nicht. Zum einen gibt es eine Sprachbarriere. Fast alle Veröffentlichungen sind auf Englisch. Zum anderen eine Wissenschaftsbarriere. Die Texte erscheinen in sehr speziellen wissenschaftlichen Magazinen, die in Deutschland in der Praxis kaum gelesen werden. Das kann man auch von einem normalen Trainer nicht erwarten.

SPIEGEL ONLINE: Von wem dann?

Mester: Es müsste deutlich verstärkte Anstrengungen geben, diese internationale Erkenntnislage für die deutsche Praxis zu kommunizieren, sowohl sprachlich als auch wissenschaftlich. Das müsste natürlich jemand machen, der das alles fachlich versteht. Also beispielsweise ein Biomechaniker bei den Entwicklungen in diesem Bereich.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit eigenen Erkenntnissen?

Mester: Wir versuchen das durch Beratung und Betreuung, Fort- und Weiterbildung, auch für moderne, ganz aktuelle internationale Forschungsergebnisse sehr konsequent. Noch bestehen allerdings recht große Vorbehalte gegen Erkenntnisse einer international ausgerichteten Grundlagenforschung.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommen die?

Mester: Aus der Forderung, dass alles praktisch und sofort anwendbar sein muss. Aber manchmal braucht man eben einfach eine grundlagenorientierte Forschung, um eine Anwendung, also Training, zu konzipieren. Wenn man nur auf die direkte Anwendbarkeit schaut, kann man sich leicht vertun - und wird nur schwer zu eigenen Erkenntnissen kommen, die andere Länder vielleicht noch nicht haben. Aber man hört immer wieder: Das dauert viel zu lange. Dabei stammt das aus den Zeiten, als eine Forschung mehrere Jahre dauerte. Heute kann das alles viel schneller gehen.

SPIEGEL ONLINE: Ist aber dennoch nicht gefragt.

Mester: Natürlich will man am Ende des Tages Kochrezepte. So einfach ist es aber nicht immer. Man braucht mehr Verständnis, Interesse und Offenheit gegenüber der Forschung anstatt nur fertige Anleitungen zu suchen. Es geht um den Hunger nach neuen Ideen und Erkenntnissen. Dieser Hunger war bei uns offenbar nicht groß genug. Die schwachen Ergebnisse im Schwimmen, Rudern und in der Leichtathletik können ja in dieser Breite kein Zufall sein.

Das Interview führte Frieder Pfeiffer