Deutsche Olympia-Pleiten Goldenes Mittelmaß

Hitze, Wind, Krach, Leute, fehlende Konzentration und starke Konkurrenten. Die Malaise des Sommers, die mit dem vorzeitigen EM-Aus der deutschen Kicker begann und sich in den Pyrenäen mit einem schlappen Ullrich fortsetzte, erfährt in Athen eine weitere Steigerung. Sind die Deutschen nur noch ein drittklassiges Sport-Volk?


Gescheiterter Ruderer Hacker: "Mental harter" Hoffnungslauf
DDP

Gescheiterter Ruderer Hacker: "Mental harter" Hoffnungslauf

Die anderen siegen, die Deutschen betreiben Ursachenforschung. Diese bewährte Aufteilung scheint sich auch bei den Olympischen Spielen von Athen wieder eindrucksvoll zu bestätigen. Franziska van Almsicks enttäuschender fünfter Platz im gestrigen Finale über 200 Meter Freistil, ihrer Königsdisziplin, war so etwas wie der symbolische Höhepunkt einer Niederlagenserie des deutschen Olympia-Teams, die womöglich nicht ausschließlich mit individuellen Schwächen und Fehlern zu tun hat.

"Ich fühle mich einfach nicht wohl im Wasser", sagte von Almsick heute Morgen im ZDF, nachdem sie in der langen Vorbereitungszeit auf ihren angepeilten Olympiasieg an die 10.000 Kilometer durchs Nass geschwommen ist. Anders als ein afrikanischer Olympiateilnehmer, der gezwungen war, zuhause im Fluss zu trainieren, musste sie dabei nicht einmal mit einem überhöhten Krokodil-Aufkommen rechnen.

"Die anderen waren schneller"

Aber es scheint überall das gleiche bei den deutschen Olympioniken zu sein, vom Fechten bis zum Kugelstoßen: Es hakt, es läuft nicht rund, man ist "nicht auf den Punkt fit" oder wie es gestern über die Schwimmstaffel der Männer hieß, die den sechsten Platz eroberte: "Mehr war heute einfach nicht drin."

Den Ruderern bleibt immerhin noch der "Hoffnungslauf", auch wenn der eine "mental harte" Sache ist. Auch sonst haben sie es wirklich schwer: die griechische Hitze, der Gegenwind, die Leute, der Krach, die Konkurrenten. Man kommt nicht zur Ruhe. Kein Wunder, dass die Konzentration fehlt.

Doch als der Ruderer Marcel Hacker heute Morgen nach seinem überraschenden Ausscheiden im Einer gefragt wurde: "Wie konnte das passieren?", antwortete er in geradezu unheimlicher Präzision und gnadenloser Offenheit: "Die anderen waren schneller."

Wie konnte es so weit kommen?

Hier hilft ein immer wunderbarer Standardsatz: "Vielleicht war der Erwartungsdruck zu hoch." Wir kennen das noch von der Mathe-Prüfung beim Abitur oder beim ersten Rendezvous im Restaurant. Im Fall von Olympischen Spielen, bei denen doch schon die pure Teilnahme einen Heidenspaß machen soll, mag diese Erklärung allerdings ein wenig überraschen.

Zwischen Hartz IV und neuem Familienglück

"Ich hab' meine Form einfach nicht gefunden" ist eine weitere schöne Formulierung, die den geplagten Verlierern noch am vermaledeiten Beckenrand, dem Ufer ihres Missvergnügens, inzwischen nicht einmal mehr aus der Nase gezogen werden muss. Nein, sie bekennen ganz freiwillig und ohne große Umschweife, dass jetzt "Ursachenforschung" betrieben werden müsse.

"Ursachenforschung" aber klingt irgendwie nach Hartz IV, Praxisgebühr und Zahnersatzversicherung. Da läuft es auch nicht rund. Das Volk protestiert, und der Kanzler fühlt sich auch nicht mehr richtig wohl in seiner Haut. Da hilft auch das neue Familienglück der Schröders nicht wirklich weiter. Vielleicht gibt es hier ja einen untergründigen Zusammenhang.

Franziska van Almsick: "Fühle mich nicht wohl im Wasser"
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Franziska van Almsick: "Fühle mich nicht wohl im Wasser"

Vielleicht ist eben auch die anhaltend miese Stimmung in Deutschland schuld und nicht nur Franzis Trainer oder Jan Ullrichs mangelnde Fahrpraxis (oder war es das Gegenteil?).

Apropos und erinnern Sie sich: Die Malaise dieses Sommers fing ja schon mit der Fußballeuropameisterschaft in Portugal an, als die tschechische B-Mannschaft Rudi Völlers Krampftruppe ("Sie hat ihr Bestes gegeben") ganz entspannt ins Aus beförderte; sie setzte sich bei der Tour de France fort, auf der Jan Ullrich immer wieder am Berg abgehängt wurde und Erik Zabel sein geliebtes grünes Trikot verpasste.

In Realismus und Bescheidenheit üben

Könnte es sein, dass in einer Gesellschaft, die sich voller Zukunftsangst noch ins letzte absurde Detail einer Sozialreform verbeißt - muss ich um meine Datsche fürchten, werden jetzt die Sparschweine der Kinder geschlachtet? - keine Begeisterung mehr aufkommt, kein Optimismus und schon gar keine Lockerheit? Könnte es sein, dass die deutsche Lust zur krampfhaften Selbstbeschäftigung sich auch in einer sportlichen Bewegungsstarre niederschlägt, in einer stets akribischen Vorbereitung auf alles und jedes, die im Augenblick der Entscheidung dann aber ergebnislos verpufft?

Können die deutschen Sportler womöglich deshalb nicht einfach "frei aufschwimmen", wie ZDF-Moderator "Poschi" Poschmann unnachahmlich formulierte, der seinerseits nicht gerade ein strahlender Olympiasieger des gesprochenen Wortes ist?

Man sollte mal darüber nachdenken und sich ansonsten in Realismus und Bescheidenheit üben. "Davon geht die Welt nicht unter" äußerte gestern in der Berliner "Abendschau" (RBB) der Vorsitzende der "Schwimmgemeinschaft Neukölln", Heimatverein von Franziska van Almsick, frei nach Zarah Leander und begann seinerseits mit der Ursachenforschung. Deren Resultate werden dann bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking zu besichtigen sein.

Altstar Anja Fichtel, einst vierfache Olympiasiegerin im Fechten, hatte schon ein Forschungsergebnis parat. Spätabends in "Beckmanns Olympia Nacht" sagte sie über ihre jungen, deutlich weniger erfolgreichen Nachfolgerinnen: "Die bestreiten einfach zu wenig Kämpfe."

Montagsdemonstration und Humor

In zwei Disziplinen jedoch sind die Deutschen jetzt schon Olympiasieger und Weltmeister zugleich: Montagsdemonstration und Humor. Da lassen sie nichts anbrennen, da wird aus dem Vollen geschöpft. In Beckmanns spätolympischer ARD-Plauderstunde traten gestern Abend zwei deutsche Humorfacharbeiter auf, um die geschundene Seele der Nation mental aufzumöbeln. Motto: Mal wieder richtig ablachen.

Sie nennen sich Mikis Zementidis und Yannis Komplicis, zwei fürchterlich lustige Kerle, denen man beim deutsch-griechischen Radebrechen noch stundenlang zuhören könnte, wenn man nicht schon nach zwei Minuten den Verdacht hätte, hier läge ein klarer Fall von Hartz IV vor. Vielleicht sollte der Kanzler noch mal persönlich über die entsprechende Regelung drüberschauen: Muss wirklich jede Arbeit angenommen werden?

Dann lieber doch Beachvolleyball für alle. Wir sind das Volk.

P.S.: Nun hat auch das Polit-Fernsehen auf die deutsche Olympia-Krise reagiert und Maybrit Illners Sendung "Berlin Mitte" mit dem Thema beauftragt. "Vom Jammertal auf den Olymp. Deutschland sucht Sieger" heißt die Sendung am Donnerstag. Als Gäste sind Katrin Krabbe, Marcel Reif, Michael Stich, Harry Valerien, Jürgen Hingsen eingeladen - und aus Athen ist Otto Rehhagel zugeschaltet.

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