Deutsche Profirennställe Beinahe radlos

Erstklassiger Profiradsport in Deutschland könnte bald Geschichte sein. In der Pro-Tour steht der deutsche Rennstall Milram vor einer ungewissen Zukunft. Das Magazin "SPONSORS" beschreibt Risiken und Chancen eines kompletten Neuanfangs der Sportart in Deutschland.
Von Steffen Guthardt
Milram-Profi Gerdemann: Zittern um die Zukunft

Milram-Profi Gerdemann: Zittern um die Zukunft

Foto: Christof Koepsel/ Bongarts/Getty Images

An einem friedlichen Morgen kam eine Lawine ins Rollen, die den deutschen Radsport zunehmend unter sich begrub. Es war der 30. Juni 2006. Das Aushängeschild schlechthin, Jan Ullrich, wurde zum Startschuss der Tour de France wegen mutmaßlichen Dopings aus dem T-Mobile-Team ausgeschlossen. "Dieser Tag versetzte den Profiradsport in eine Schockstarre, von der er sich bis heute nicht erholt hat", blickt Christian Toetzke zurück, Geschäftsführer der Agentur Upsolut Sports.

In den Jahren darauf folgte ein wohl nicht für möglich gehaltener Abstieg einer Sportart, die früher noch Millionen Zuschauer an Strecken und Bildschirme gelockt hatte. 2007 beendete die Deutsche Telekom ihr jährlich rund zehn Millionen Euro schweres Engagement mit dem einstigen Ullrich-Team T-Mobile. Auch der Sportartikelhersteller Adidas stieg aus. Ein Jahr später folgte dann noch das deutsche Team Gerolsteiner.

Entsprechend wenig ist den Fans der Cyclisten hierzulande geblieben. Seit der vergangenen Saison hält allein das vom Molkerei-Konzern Nordmilch gesponserte Team Milram bei den Radrundfahrten der Männer die deutsche Fahne hoch. 7,5 Millionen Euro lässt sich das Unternehmen den eigenen Profirennstall pro Jahr kosten, der damit in der bevorstehenden Saison als letztes deutsches Profi-Team um Etappen- und Gesamtsiege im weltweiten Radsportzirkus kämpft.

Milram-Ausstieg ein offenes Geheimnis?

Ein Kampf der bald zu Ende sein könnte. Gerüchte um einen Ausstieg von Nordmilch kursieren seit mehreren Jahren in der Branche, doch nun verdichten sich die Hinweise. In einem ersten Schritt stellte Milram zumindest sein Sponsoring als einer der Hauptpartner des prestigeträchtigen Sechstagerennens in Bremen ein. Dessen Veranstalter Frank Minder verriet im Gespräch mit "SPONSORS", dass "es in Insiderkreisen ein offenes Geheimnis ist, dass Nordmilch Ende 2010 sein Engagement in Straßenradsport einstellen wird".

Derweil glauben Radsport-Experten wie Upsolut-Mann Toetzke, der mit seiner Agentur unter anderem das Eintagesrennen Vattenfall Cyclassics umsetzt, dass bei Nordmilch selbst noch keine Entscheidung gefallen ist und diese vom Saisonverlauf abhängen könnte. Dafür spricht auch die jüngste Aussage von Gerry van Gerwen, Generalmanager des Teams Milram, der eine Bekanntgabe zur Frage, wie es künftig mit dem Radsportteam weitergeht, vor der Tour de France offiziell ausschließt.

Ein Indiz, dass die Milram-Zukunft noch nicht besiegelt ist, sind die Aussagen des Nordmilch-Konzerns selbst. "Eine Verlängerung des Sponsoringengagements steht zurzeit nicht zur Disposition. Wir sind offen für Denkansätze, ob und wie man mit dem Team über 2010 hinaus zusammenarbeiten könnte", so Godja Sönnichsen, Leiterin der Unternehmens- und Markenkommunikation bei Nordmilch, im Gespräch mit "SPONSORS".

Milram schöpft den Werbe-Rahm ab

Gegen einen bevorstehenden Ausstieg von Nordmilch könnte auch der Werbeeffekt sprechen, den das Milram-Team nach eigenen Aussagen mit dem Engagement im Profiradsport erzielt. "Im Jahr 2009 konnten wir dank attraktivem Radsport unseren Mediawert um 20 Prozent steigern", erklärte der Konzern im Rahmen seiner Teampräsentation Anfang des Jahres in Dortmund.

Eine beeindruckende Aussage. Schließlich habe Nordmilch mit dem Team Milram bereits 2008 "einen Werbeeffekt erzielt, für den auf herkömmlichem Weg bis zu 60 Millionen Euro hätten aufgewendet werden müssen". Das erklärte damals zumindest der Marketing- und Vertriebsvorstand Martin Mischel, der kurz darauf den Nordmilch-Konzern "in beiderseitigem Einvernehmen" verließ.

Dennoch lässt sich der Nordmilch-Ausstieg allein schon wegen des Risikofaktors Doping nicht kategorisch ausschließen. Der deutsche Radsport stünde dann ohne Profiteam da. Was das für die Branche bedeuten würde? Darüber gehen die Meinungen auseinander. Berufsoptimisten wie Toetzke sehen darin gar "eine Chance für neue Unternehmen, in das derzeit günstige Produkt Radsport zu investieren. Es bedarf nur etwas Zeit, bis sich der Sport erholt", wirbt der Agentur-Mann.

Dramatischer Quotenverlust bei den Öffentlich-Rechtlichen

Einen großen Schaden befürchtet dagegen Martin Wolf, Generalsekretär des Bundes Deutscher Radfahrer. "Wir sehen die Entwicklung im deutschen Radsport mit großer Besorgnis und haben jetzt mit den Folgen der Vorkommnisse in den letzten Jahren zu kämpfen", so seine Einschätzung. Wolfs Kritik zielt dabei vor allem auf die Medienlandschaft ab: "Wir haben mit teilweise sehr einseitiger Berichterstattung in den deutschsprachigen Medien zu kämpfen."

Ein Fingerzeig auf die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF. Denn diese wenden sich mittlerweile selbstgerecht von Radsport ab und erklären die Pedaltreter anscheinend zum Sportfeind Nummer eins. Dabei wurden von den Sendern gerade die Übertragungen der Tour de France bis vor einigen Jahren noch als absoluter Quotengarant gefeiert. Bis zu zehn Millionen Zuschauer versammelten sich hierzulande in der Spitze vor den Bildschirmen. Derweil kratzten ARD und ZDF mit ihren halbstündigen täglichen Live-Übertragungen 2009 im Schnitt nur noch an der Marke von einer Million Zuschauer (ARD: 1,04 Mio./ZDF: 0,98 Mio.).

Welche Konsequenzen der Ausstieg des einzigen deutschen Pro-Tour-Teams für die TV-Präsenz der Sportart hätte, dazu schweigen sich die Sender noch aus: "Derzeit möchte ich mich zu diesem Thema nicht äußern", erklärt ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky auf Nachfrage. Klingt irgendwie ratlos.

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