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18. August 2007, 16:42 Uhr

Deutsche Radsport-Teams

Sauber ins Mittelmaß

Von , Hannover

Titelverteidigung und Prinzipien: Der fast 36-jährige Jens Voigt gewinnt zum zweiten Mal in Folge die Deutschlandtour. Die beiden großen deutschen Rennställe, T-Mobile und Gerolsteiner, sind nur hinterhergefahren. Das wird sich in den kommenden Jahren ob ihrer Fahrerpolitik auch nicht ändern.

Als Jens Voigt auf die letzten Kilometer dieser Deutschlandtour in Hannover einbiegt, den Maschsee links liegen lässt, da hat er das geschafft, was vor ihm noch keiner hinbekommen hat: Er ist der erste Fahrer, der dieses Rennen zweimal hintereinander für sich entscheidet. Voigt wird nächsten Monat 36, er fährt in der Form seines Lebens, lässt selbst auf schweren Bergetappen die Konkurrenz hinter sich und braust auch in Zeitfahren wie dem gestrigen allen davon. Schon bei der Auflage im vergangenen Jahr gewann er drei Etappen und setzte damit die Liste der bekannten Sieger fort. 2005 hatte der US-Amerikaner Levi Leipheimer gewonnen. Der letzte Überraschungssieger stammt aus dem Jahre 2004. Damals fuhr ein gewisser Patrik Sinkewitz im Gelben Trikot durchs Ziel.

Radprofi Voigt: Vom Tour-Sieg geküsst
AP

Radprofi Voigt: Vom Tour-Sieg geküsst

Jener Sinkewitz, der vor zwei Monaten bei einer Trainingskontrolle des Testosterondopings überführt wurde. Sein Team T-Mobile entließ ihn daraufhin, verkündete in der vergangenen Woche die Fortsetzung des Sponsorings bis 2010 und einen noch strikteren Anti-Doping-Kurs. Fahrer, die fürs Team interessant sind, müssen schon weit vor ihrem Amtsantritt die umfangreichen Tests über sich ergehen lassen und ihre Blutprofile offen legen. Sie werden mehr als gewissenhaft überprüft, ob sie es nicht nur in den Beinen, sondern auch im Kopf haben.

Dass saubere Radfahrer nicht unbedingt auch gleich die besten sind, musste das T-Mobile-Team nun bei der Deutschlandtour erfahren. Der Teamsponsor unterstützt auch die Rundfahrt als Co-Sponsor, in den Etappenorten kann man kaum einen Schritt machen, ohne dass einem ein aufblasbarer, magentafarbener Winkhandschuh im Gesicht hängt. Mit dem Gesamtsieg hatten die Mobilfunker jedoch nichts zu tun. Linus Gerdemann legte noch ein couragiertes Zeitfahren hin, mehr als Platz 14 war jedoch nicht drin. Er war allerdings auch mit einer Erkältung in die Rundfahrt gegangen. Zweitbester T-Mobiler ist der Routinier Giuseppe Guerini auf Rang 34.

Immerhin holte Gerald Ciolek in den vergangenen Tagen zwei Etappensiege und triumphierte heute ein drittes Mal. Er hat es, wie auch die Team-Verantwortlichen bestätigen, im Kopf, im Herz und in den Beinen, doch mangelndes taktisches Geschick verhinderte, dass er noch mehr Erfolge für sich verbuchte. Um den Sieg in der Sprintwertung kämpfte bis zuletzt Milram-Profi Erik Zabel, der sogar eine Etappe gewann und viel für seine angeschlagene Reputation tun durfte. Er ist 37 und kämpft noch um einen Platz im Kader für die WM in Stuttgart. Um Leistung geht es dabei weniger, eher um seine Vergangenheit.

"Ehrgeiz auch mal zurückstellen"

Wenig Grund zur Freude hatte auch der andere Anti-Doping-Rennstall, Gerolsteiner. Er sei zufrieden, sagte zwar Teamchef Hans-Michael Holczer, der sich einen Etappenerfolg von Roberrt Förster zum Auftakt in Saarbrücken auf die Fahnen schreiben konnte. Mit dem Gesamtsieg (den der Rennstall 2005 mit Leipheimer holte) hatte seine Mannschaft jedoch nichts zu tun. Die besten Akteure landeten auf den Rängen zehn (Davide Rebellin) und zwölf (Ronny Scholz). Die letzte Hoffnung auf einen Tageserfolg schwand beim Zeitfahren, als Spezialist Sebastian Lang schon früh auf dem Parcours stürzte und alle Chancen einbüßte.

So spielen sowohl T-Mobile als auch Gerolsteiner mit dem Gedanken, für die kommende Saison der jungen Garde vielleicht noch den einen oder anderen erfahrenen Akteur an die Seite zu stellen - wenn Gerolsteiner denn überhaupt weitermacht. Genug Fahrer sind auf dem Markt, doch nicht nur Holczer warnt vor "Rosinenpickerei". Man dürfe nicht die eigenen Prinzipien und Grundsätze für die Aussicht auf Erfolg über den Haufen werfen, "da muss man seinen Ehrgeiz auch mal zurückstellen".

Vor Andreas Klöden hüten

Holczer bezog sich explizit auf Leipheimer, der 2005 und 2006 für Gerolsteiner fuhr und ein Mann ist, der sogar für den Gesamtsieg bei der Tour de France in Frage kommt. Doch er ist auch ein Fahrer, der mit dem italienischen Doping-Arzt Michele Ferrari zusammengearbeitet haben soll, mit Lance Armstrong zusammenfuhr und derzeit noch für das Team Discovery Channel in die Pedale tritt. Ausgerechnet das Team, das vor der Saison auf sämtliche Ethik-Regeln pfiff und Profis wie Ivan Basso unter Vertrag nahm, der nachweislich Kunde des spanischen Doping-Mixers Eufemiano Fuentes war.

Auch T-Mobile wird sich vor Fahrern wie Andreas Klöden hüten, der es zwar in den Beinen hat, klare Statements zum Ant-Doping-Kampf in den vergangenen Jahren aber vermissen ließ. Dann werden sie bei den Bonnern lieber darauf hoffen, dass sich die jüngeren Fahrer nach und nach steigern. Nicht zu plötzlich, das macht wieder verdächtig. Es muss ja auch nicht direkt ein Sieg bei der Tour de France oder der Rundfahrt in Deutschland rausspringen. Manchmal dauert es, bis man den anderen Fahrern auf Bergetappen endlich die Hacken zeigt. Jens Voigt musste auch erst Mitte dreißig werden, bis er das schaffte. Und dann zweimal hintereinander.

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