Deutsche Fechter bei der WM Der Parade-Sport von früher

Der einst glorreiche deutsche Fechtsport ist nach harten Jahren erst langsam dabei, sich wieder aufzurappeln. Bei der WM in Budapest hofft man vor allem auf die Teamwettbewerbe. Und auf mehr Fernsehpräsenz.

Felix Kaestle DPA

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Für Sportfans in Ungarn sind es wahre Festtage derzeit. Die Weltmeisterschaften im Schwimmen und im Fechten beginnen in dieser Woche gleichzeitig - zwei Disziplinen, die zur ungarischen Sport-DNA gehören. Die Weltmeisterschaft der Fechter findet sogar daheim in Budapest statt, ein fachkundigeres Publikum als das ungarische können die Sportler auf der Planche lange suchen.

Schwimmen und Fechten - das waren auch mal deutsche Parade-Sportarten. Wenn man mit dem Aufzählen erfolgreicher deutscher Fechter und Fechterinnen anfängt, ist man eine ganze Weile beschäftigt und dann noch lange nicht fertig. Alexander Pusch, Mathias Behr, Elmar Borrmann, Britta Heidemann, Anja Fichtel, Conny Hanisch, Zita Funkenhauser, Sabine Bau, Imke Duplitzer. Ein gewisser Thomas Bach gehört auch in diese Reihe.

Bach ist mittlerweile zum obersten Sportfunktionär der Welt aufgestiegen, seit 2013 ist er Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Die deutschen Fechter dagegen sind erst dabei, sich mühsam wieder Richtung Weltspitze zu orientieren. Sie haben harte Jahre hinter sich, mit dem Tiefpunkt der WM vor einem Jahr, als man ohne jede Medaille aus China heimkehrte. Das war zuletzt 1971 passiert. Dazu kamen die Missbrauchsvorwürfe am Vorzeigestandort Tauberbischofsheim, dort wo über Jahrzehnte Olympiasieger und Weltmeister hervorkamen. Den Status als Olympiastützpunkt ist Tauberbischofsheim mittlerweile losgeworden.

Leitfigur Max Hartung

Wunderdinge sind auch in Budapest nicht vom 24-köpfigen Aufgebot des Deutschen Fechterbundes zu erwarten, aber die Europameisterschaft in Düsseldorf im Juni hat zumindest als leichter Stimmungsaufheller funktioniert. Die Säbelfechter um Leitfigur Max Hartung gewannen zum EM-Abschluss Teamgold, die Florettfechter errangen die Silbermedaille in der Mannschaft, dazu gab es Einzelbronze für Hartung und die routinierte Degenkämpferin Alexandra Ndolo.

Ndolo und Hartung sind auch in Budapest die Hoffnungsträger des Deutschen Fechterbundes - sie werden es wohl auch herausreißen müssen, Andere patzten schon am ersten Wettkampftag am Montag. Mannschafts-Europameister Matyas Szabo schied in der Qualifikation des Säbelwettbewerbs ebenso aus wie die drei Degen-Kolleginnen von Ndolo Beate Christmann, Ricarda Multerer und Alexandra Ehler.

Dass die Konkurrenz bei einer WM höher ist als bei europäischen Titelkämpfen, ist eine Binsenweisheit: Szabo scheiterte an einem Fechter aus Hongkong, Christmann an Eliana Lugo aus Venezuela. Fechten mag seine Heimat in den sportlichen Traditionsorten Europas haben, in Frankreich, Ungarn, Italien, Deutschland, aber erfolgreich gefochten wird heutzutage genauso auf Kuba, in China, in Korea, den USA und Weißrussland. Fechten ist längst ein globaler Sport geworden, das macht die Konkurrenz noch dichter.

"Angespannt, aber hoffnungsvoll"

"Wir haben auf mehr gehofft", bilanzierte Frauen-Bundestrainer Dominik Csobo den ersten Wettkampftag, zuvor hatte Sportdirektor Sven Ressel die Atmosphäre im deutschen Lager noch als "angespannt, aber hoffnungsvoll" bezeichnet. Zwei Adjektive, die den Spagat im deutschen Fechten widerspiegeln. Es gibt wieder ein paar herausragende Talente wie Leonie Ebert im Florett, Hartung und seine Säbel-Jungs sind auch immer für vordere Plätze gut, aber es ist ein langer und mühseliger Weg zurück ins Rampenlicht. Verbandspräsidentin Claudia Bokel spricht von einem Zehnjahresplan, um das deutsche Fechten wieder international ganz nach vorne zu bringen. Und das ist vermutlich noch kleinräumig gedacht.

Der Sport war immer in der Nische, auch wenn er dort jahrelang blühte. Das Fernsehen macht meistens einen großen Bogen um die Planche, Fechten ist trotz all der optischen Hilfsmittel, die über die Jahre eingeführt wurden, immer noch ein eher sperriger Zuschauersport. Manchmal ist es nur an der emotionalen Entladung der Athleten zu erkennen, ob und wer getroffen wurde. Eine der Sportarten, die fast weihevoll Tradition ausatmen, die Ruhe im Saal, das Dunkel im Publikum, das elegante Weiß der Fechtanzüge, das Geräusch der Schritte, das Klirren der Waffen, die aufeinanderprallen. Ein Sport wie ein Bühnenstück. Das macht den Reiz aus, das wirkt zuweilen allerdings auch wie aus der Zeit gefallen.

Die WM in Budapest ist auch daher richtungsweisend für eine deutsche Sportart im Umbruch. In Budapest werden wichtige Vorentscheidungen für die Olympia-Qualifikation fallen, die Sommerspiele sind immer noch das wichtigste Schaufenster für die Fechter. In Rio 2016 erlebten sie ein Desaster, es waren ohnehin nur vier deutsche Starter angereist, auf dem Podest standen am Ende andere. Wenn die Teams im Säbel und Florett jedoch jetzt ihre Erfolge von der Heim-EM in Budapest bestätigen können, dann wäre das auch für die Spiele 2020 in Tokio extrem bedeutsam: Denn die Fechter der Teams, die die Olympia-Qualifikation schaffen, sind dann auch im Einzel in Tokio startberechtigt. Je mehr Einzelplätze bei Olympia, desto mehr TV-Präsenz. Desto mehr öffentliche Aufmerksamkeit.

Bei der EM in Düsseldorf erzählte Bokel, Kollegen aus anderen Verbänden hätten ihr gegenüber gelobt, Deutschland sei "wieder da im Fechten", erzählte die Präsidentin. Ob das nur eine Höflichkeitsfloskel gut erzogener Funktionäre war, wird man in dieser Woche sehen können.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
jujo 16.07.2019
1. ....
Wäre ich verantwortlich bei den ÖR würde ich die sogenannten Randsportarten fördern und die Mafiösen, jeden vernünftigen finanziellen Rahmen sprengenden Sport so wie Fußball oder doping verseuchte Sportarten, wie Radsport, nicht(!) mehr übertragen. Keine Verträge mehr mit FIFA, IOC und anderen.
grandma_moses 16.07.2019
2. Fechten ist wie Eishockey ohne Action
Damit meine ich nicht, dass beide Sportarten auf sportlicher Ebene etwas gemein hätten. Vielmehr kann man ( bzw ich ) beiden Sportarten nur mit im Sekundentakt eingespielter Zeitlupe folgen. Und diese Nicht-Telegenität führt in unserer Medienwelt nunmal zu geringerem Interesse - verständlicherweise! Liebes Fechten, daran wird sich nichts ändern - bitte fordert nicht mehr Übertragungszeit für euch, denn euer Sport ist sehr anstrengend anzusehen und selbst im besten Falle nicht wirklich spannend auf dem Bildschirm. Es ist eine Sache, wenn telegene Sportarten mehr Übertragungszeiten fordern, weil sie davon ausgehen, dass es ein Mehrgewinn für das Publikum wäre. Es ist eine völlig andere Sache, wenn nicht telegene Sportarten mehr Übertragungszeit fordern - da gehts es nur um Exposition, nicht um eine Verbesserung der Programmqualität für den Zuschauer. Somit kann man es unter 'eigennützig' zu den Akten legen. Kleiner Tipp an die Funktionäre des Fechtens, die sicher auf Höhe der Zeit sind ( oyveh! ): Die wenigsten interessieren sich überhaupt noch fürs Fernsehen - Schachturniere als Beispiel erreichen auf Twitch 100 000 Zuschauer. Warum nicht mal die neuen Möglichkeiten nutzen, anstatt alles auf die Fernsehsender zu schieben? Oder will man doch eher das Geld für die Übertragungsrechte als eine Exposition für neue Zielgruppen?
flyingsquirrel 16.07.2019
3.
@grandma_moses Das ist absolut richtig. Ich habe selbst jahrelang gefochten und kann bei den Übertragungen von den olympischen Spielen höchstens die Hälfte erkennen. Leute, die diese Sportart nie kennengelernt haben, dürften große Probleme haben diesen Sport am Fernseher zu verfolgen. Vor allem, wenn man die Regeln nicht kennt und so die Entscheidungen nicht nachvollziehen kann.
sarang he 16.07.2019
4.
Die international hohe Leistungsdichte macht es nicht einfach Vorhersagen zu treffen. Auch die Favoriten aus Italien, Frankreich, Russland haben keine grosse Medaillengarantie. Ähnliches gilt auch für die Fechter aus China und Südkorea. Ohne bekannte Favoriten, wo man bei Sieg oder Niederlage als Zuschauer teilhaben kann, ist so ein Sport ausserhalb eines Fachpublikums uninteressant.
benmartin70 16.07.2019
5.
Zitat von grandma_mosesDamit meine ich nicht, dass beide Sportarten auf sportlicher Ebene etwas gemein hätten. Vielmehr kann man ( bzw ich ) beiden Sportarten nur mit im Sekundentakt eingespielter Zeitlupe folgen. Und diese Nicht-Telegenität führt in unserer Medienwelt nunmal zu geringerem Interesse - verständlicherweise! Liebes Fechten, daran wird sich nichts ändern - bitte fordert nicht mehr Übertragungszeit für euch, denn euer Sport ist sehr anstrengend anzusehen und selbst im besten Falle nicht wirklich spannend auf dem Bildschirm. Es ist eine Sache, wenn telegene Sportarten mehr Übertragungszeiten fordern, weil sie davon ausgehen, dass es ein Mehrgewinn für das Publikum wäre. Es ist eine völlig andere Sache, wenn nicht telegene Sportarten mehr Übertragungszeit fordern - da gehts es nur um Exposition, nicht um eine Verbesserung der Programmqualität für den Zuschauer. Somit kann man es unter 'eigennützig' zu den Akten legen. Kleiner Tipp an die Funktionäre des Fechtens, die sicher auf Höhe der Zeit sind ( oyveh! ): Die wenigsten interessieren sich überhaupt noch fürs Fernsehen - Schachturniere als Beispiel erreichen auf Twitch 100 000 Zuschauer. Warum nicht mal die neuen Möglichkeiten nutzen, anstatt alles auf die Fernsehsender zu schieben? Oder will man doch eher das Geld für die Übertragungsrechte als eine Exposition für neue Zielgruppen?
Blödsinn, Eishockey hat viel Zuschauer, die Stadien sind voll. Und die können alle nicht folgen...? Nicht immer von sich auf andere schliessen. Klar Fussball ist so lahm da kann man auch nach 10 Bier noch folgen, bzw da ist es eh egal weil's totlangweilig ist.
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