Deutscher Schwimm-Verband "Planung? Fehlanzeige!"

Aufruhr im Deutschen Schwimm-Verband: Aktive des DSV-Teams haben Organisation und Struktur im Verband kritisiert. Trotz eines noch laufenden Vertrags steht Bundestrainer Dirk Lange vor dem Aus. Mögliche Nachfolger werden bereits gehandelt - doch sie haben derzeit gar kein Interesse an dem Job.

DSV-Bundestrainer Lange: Offenbar kurz vor dem Aus
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DSV-Bundestrainer Lange: Offenbar kurz vor dem Aus


Hamburg - Der Weltcup in Berlin steht an, doch der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) macht wieder einmal Schlagzeilen außerhalb des Beckens. Der DSV befindet sich derzeit in sogenannten "Abstimmungsgesprächen" mit Bundestrainer Dirk Lange, die eine Trennung noch vor der Kurzbahn-EM im polnischen Stettin (8. bis 11. Dezember) zur Folge haben könnten. "Ich habe einen gültigen Arbeitsvertrag mit dem DSV bis zum 31. Dezember 2012. Im Verband gibt es das Bestreben, daran etwas zu ändern", sagte Lange und kündigte juristische Schritte an.

Mögliche Nachfolger und aktive Sportler aus dem Nationalteam haben sich nun zu Wort gemeldet und Probleme im Verband angeprangert. "Ich bin enttäuscht von der Organisation und den Strukturen im DSV, intern läuft längst nicht alles rund. Ich würde mir wünschen, dass sich alle an einen Tisch setzen und das Kompetenzgerangel weglassen, um endlich einmal etwas im Sinne der Sportler zu entscheiden", sagte der WM-Bronzemedaillengewinner Benjamin Starke. "Wir haben in der Olympiasaison bis September vom Verband noch keinen detaillierten Trainingsplan. Planung? Fehlanzeige!" Bis auf wenige Ausschläge nach oben wie bei Britta Steffen oder Paul Biedermann gehe es "seit der Wende bergab", kritisierte Starke.

Vize-Europameisterin Silke Lippok kritisierte zudem den Zeitpunkt der sogenannten "Abstimmungsgespräche". "Ich finde, dass der Zeitpunkt ein wenig komisch gewählt ist. Ich kann mir vorstellen, dass dadurch noch mehr Unruhe in den DSV kommt", sagte Lippok. "Ich hoffe, dass das keinen schlechten Einfluss auf die Leistung der Sportler hat."

Im Falle einer vorzeitigen Trennung zwischen Lange und dem DSV will der als möglicher Nachfolger gehandelte Bundesstützpunkttrainer Henning Lambertz das Amt noch nicht übernehmen. "Ich betreue fünf Sportler, die aussichtsreiche Chancen haben, bei den Olympischen Spielen in London dabei zu sein. Die lasse ich jetzt nicht im Stich", sagte Lambertz. Nach den Sommerspielen im August 2012 könne er sich jedoch sehr gut vorstellen, das Schwimm-Nationalteam zu führen.

Unabhängig von seiner Person fordert Lambertz für den neuen Bundestrainer mehr Kompetenzen, als Lange sie zurzeit besitzt. "Wir würden uns alle einen Gefallen tun, wenn wir die Strukturen, die es ja auf dem Papier gibt, auch mit Leben füllen", sagte Lambertz: "Es muss künftig einen Cheftrainer geben, der die gesamte Sparte Schwimmen führt. Damit wäre auch Lutz Busckow (DSV-Leistungssportdirektor, Anm.d.Red.) entlastet."

In der Vergangenheit war Lange wegen Kompetenzfragen immer wieder mit Buschkow aneinander geraten. Exemplarisch dafür war das Kommunikationsdesaster bei der WM in Shanghai mit der Flucht der Doppel-Olympiasiegerin Britta Steffen. Während Lange den Pressevertretern zunächst erklären wollte, er habe von Steffens Abreise nichts gewusst, plauderte Buschkow genau diesen Fakt aus.

Nach Steffens vorzeitiger Abreise hatte der DSV angekündigt, die Schwimmerin unter Umständen bestrafen zu wollen. Steffen zeigte sich zunächst wenig einsichtig: "Ich bin gespannt, was da noch kommt. Ich weiß aber nicht, welchen Schaden ich angerichtet haben soll." Inzwischen ist der Konflikt beigelegt.

Derweil ist mit Frank Embacher, Heimtrainer des WM-Dritten Paul Biedermann, auch ein weiterer Nachfolgekandidat anscheinend nicht an einer sofortigen Beförderung interessiert. "Nein, ich bin nicht das Trumpf-Ass, das der Verband im Ärmel hat", sagte Embacher der "Mitteldeutschen Zeitung". Wenn es tatsächlich zur Trennung von Lange kommen sollte, wird sich der DSV wohl auf die Suche nach einer Übergangslösung begeben müssen. Nach den Olympischen Spielen könnte dann ein neuer Mann übernehmen.

mib/sid



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