Trotz Funktionärskritik Spitzensportler gründen eigene Interessenvertretung

Es knirscht im deutschen Sport: In Köln haben Spitzenathleten eine vom Deutschen Olympischen Sportbund unabhängige Interessenvertretung gegründet. Dessen Präsident und Vorstandsvorsitzender reagieren pikiert.

Die Athletensprecher Max Hartung und Silke Kassner
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Die Athletensprecher Max Hartung und Silke Kassner


Die deutschen Spitzensportler haben eine eigenständige Interessenvertretung ins Leben gerufen. Trotz der Kritik des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) gründeten die Athletenvertreter in ihrer Vollversammlung in Köln den unabhängigen Verein "Athleten Deutschland". Er soll die DOSB-Athletenkommission professionell unterstützen und den Sportlern mehr Gehör verschaffen.

"Wir haben einstimmig beschlossen, diesen Weg einzuschlagen", berichtete Athletensprecher Max Hartung, Mannschaftsweltmeister 2014 im Fechten: "Der Sport wird professioneller, die Themen werden komplizierter. Um da richtig dabei sein zu können, reicht die ehrenamtliche Struktur nicht. Wir wollen die Interessenvertretung der Spitzenathleten im DOSB stärken und erhoffen uns durch diese ergänzende Struktur die Rückendeckung dafür."

Mit einer Geschäftsstelle und drei hauptamtlichen Mitarbeitern soll der Verein die operativen Aufgaben für die DOSB-Athletenkommission übernehmen. Er soll Sprachrohr sein und helfen, dass Spitzensportler in Zukunft besser gefördert und abgesichert werden. Zum Vereinszweck gehören auch der Kampf gegen Doping und sexualisierte Gewalt im Sport. Der neue Verein mit Sitz in Köln hat 45 Gründungsmitglieder.

DOSB-Vorstandsvorsitzender Michael Vesper äußerte sich kritisch: "Wir haben bereits eine gut funktionierende Athletenvertretung, die alle Freiheiten hat. Eine solche Parallelstruktur wirft Fragen auf."

Alfons Hörmann (rechts) und Michael Vesper (Archiv)
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Alfons Hörmann (rechts) und Michael Vesper (Archiv)

Für die Finanzierung in Höhe von jährlich 300.000 bis 400.000 Euro hat die Politik Unterstützung in Aussicht gestellt. Der DOSB fürchtet, dass dieser Betrag an anderer Stelle in der Sportförderung fehlen könnte.

DOSB-Präsident Alfons Hörmann und Vesper hatten in einem Brief an die Mitgliedsverbände den Sinn der Vereinsgründung generell infrage gestellt. Siegfried Kaidel, der Sprecher der DOSB-Spitzenverbände, unterstützte dagegen "eine professionelle Aufstellung" der Athleten, auch Leichtathletik-Präsident Clemens Prokop äußerte "große Sympathie".

mfu/sid/dpa



insgesamt 7 Beiträge
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BettyB. 15.10.2017
1. Hoffnung
Hoffentlich setzen sich die Sportler endlich für die Unterstützung des Schulsports ein und dieses auch zu finanziellen Lasten des Spitzensports, ist doch die Gesundheit der Kinder wesentlich wichtiger als Medaillen von Spitzensportlern.
Lankoron 15.10.2017
2. Komisch, dass die
aus Fördermitteln gut bezahlten Funktionäre es nicht so toll finden, dass sich die dirigierten, kontrollierten, gemassregelten Sportler selber organisieren wollen. Arbeitgeber finden Gewerkschaften doch auch toll....
srbler 15.10.2017
3. klasse!!
ich finde diesen schritt richtig und gut- respekt das sich sportler gefunden haben die trotz aller einschränkungen , auch noch zeit dafür verwenden ihre interessen unabhängig zu vertreten.wir sitzen alle stets bei wm oder olympia vor der glotze und erwarten viel aber was die athleten an zeit, karriere usw einbüßen wird viel zu wenig honoriert!!- und es geht ja nicht um die wenigen die im tv eh immer präsent sind- viel erfolg!!! - und thema schulsport- gehört nicht primär dahin
dt1700744 15.10.2017
4. Richtig so! Und an BettyB.
Die bisherige Athleten-"Vertretung" versagt völlig, insofern ist die Gründung einer neuen Interessenvereinigung mehr als zu begrüßen und ein längs überfälliger Schritt. Die Athleten erhalten bislang eine lächerliche Fördersumme, wenn man die monatlichen Beträge auf die Trainingsstunden umrechnet, liegt er deutlich unter dem Mindestlohn! Aber die Öffentlichkeit und der Herr Innenminister (deMist) erwarten jede Menge Medaillen bei Olympia und den Weltmeisterschaften. Zu BettyB.'s Kommentar: Ja, Sie haben Recht, der Schulsport muss wesentlich mehr gefördert werden. Hierzu gehört aber folgender Schritt: Wieder getrennter Sportunterricht von Männlein und Weiblein. Warum? Sowohl die Mädels als auch die Jungs haben dann wieder einen SportlehrerIn, die individuell mit der jeweiligen Schülergruppe Sport unterrichten können. Denn wissen Sie, wie der heutzutage aussieht? EIN SportlehrerIn für alle, also für 30 - 34 SchülerInnen -> völlig unzumutbar für die SchülerInnen als auch für die LehrerInnen. Was wird denn gemacht? Es werden überwiegend Spiele gespielt, kein individuelles Turnen, bei dem man Interesse an dem Sport wecken kann, kein Unterrichten in einer kleinen Gruppe, bei der man einzelne Talente fördern kann, bspw. Speerwerfen, kein neugierig machen auf Taktik beim Volleyball und so weiter und so fort. Und noch eins zu meinem Plädoyer zur Trennung: kein Mädchen, keine Teenagerin braucht Angst zu haben, sich zu blamieren und von den Jungs ausgelacht zu werden. Und noch eins: Warum wurde das gemeiname Sport unterrichten von der Politik wohl eingeführt? Die Antwort ist simpel: Man spart eine SportlehrerIn-Stelle ein. Um nichts anderes geht es. Schade - zu lasten der SchülerInnen.
mats73 16.10.2017
5. Bisherige Athletenvertretung
Man muss an der Stelle noch mal eine Lanze für die bisherige Athletenvertretung brechen - sie hat nicht versagt, wie 4. einwirft, sondern ist gar nicht dafür aufgestellt sich gegen andere Interessengruppen zu verteidigen. Wer die hälfte des Jahres in Trainingslagern oder Wettkämpfen "reisend" ist, oder den Rest 2-4x am Tag trainiert kann keine Zeit aufbringen, um gegen "hauptamtliche" Funktionäre Interessen wirklich stark zu vertreten. Im Zweifelsfall befindet man sich bei wichtigen Entscheidungen gerade in Übersee und kann nicht mitmischen. Mehr als kurz eine Meinung einzubringen zu ausgewählten Themen bleibt nicht. Interessenvertretung ist aber "Politik" und erfordert Strategie Ausdauer und Stärke - letzteres können Sportler zwar sehr gut, müssen das aber in ihre Sportart selbst einbringen - Politik muss man lernen und können - da sind aktive Sportler oft einfach nicht gut drin, da der Leistungsgedanke schwer mit politischen Prozessen zusammenzubringen ist. Kurz: Die Athletenkommission wie bisher hat kaum eine Chance die eigenen Interessen wirklich - gegen professionelle Strukturen bei allen vielen der anderen Interessengruppen - adäquat einzubringen und zu vertreten!
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