Deutscher Triumph bei Olympia Dank Horrorshow zum Hockey-Gold

Olympia-Triumph für Deutschland: Die Hockey-Herren haben gegen Spanien die Goldmedaille geholt. Den Sieg verdanken die Spieler nicht zuletzt einer psychologisch ausgefeilten Schocktherapie des Trainers - und einer verschwörerischen Teamsitzung in einer Pekinger Tiefgarage.


Dieses unbeschreibliche Gefühl kannten die sechs Frauen auf der Tribüne des olympischen Hockeystadions bereits. Vor vier Jahren haben sie es schon einmal erlebt, auch damals dank Markus Weise.

Jetzt standen sie wieder da und tanzten: Tina Bachmann, Mandy Haase, Natascha Keller, Marion Rodewald, Anke Kühn und Fanny Rinne – das muntere Sextett, das 2004 in Athen sensationell Olympiasieger geworden war. Gecoacht von dem kahlköpfigen Schachfreund Weise, der da unten zu ihren Füßen gerade wieder olympisches Gold gewonnen hatte.

Diesmal mit der Herren-Auswahl des Deutschen Hockey-Bundes.

Nie zuvor sei einem Trainer in Deutschland dieses Kunststück gelungen, wurde vor dem 1:0 Final-Sieg gegen die Spanier getrommelt. Dann war die historische Tat vollbracht, und der Held stand in einer dunklen Ecke vor der Pekinger Hockeyarena.

Um ihn herum qualmten die Motoren der Busse, gleich neben ihm steckten sich die ersten Goldmedaillengewinner genüsslich ihre Zigaretten an. Und Weise sagte betont lustlos: "Dass ich der Erste bin, der das geschafft hat – mein Gott. Das ist doch langweilig."

Denn als Trainer in seinem Element ist der 45-Jährige erst, wenn die Dinge nicht sportgeschichtlich glatt, sondern richtig krumm laufen. Das sind die Momente, in denen Mannschaften zusammenwachsen. Diesen Augenblick gab es bei den Gold-Damen von Athen, die nach dem dritten Gruppenspiel schon vor dem Aus standen. Und als die Verzweiflung im Team am größten war, winkte der Trainer nur kurz ab und überließ seine Spielerinnen vorübergehend ihrem Schicksal.

Der kurze Wink entpuppte sich später als die entscheidende Wende, hellwach ging es danach bis ganz hinauf aufs Treppchen.

"Markus hat uns besonders grausame Szenen gezeigt"

An diese Stunden hat sich Weise in Peking nun wieder erinnert. Diesmal veranlasste er den Bußgang seines Personals noch gezielter – und bereits nach dem zweiten Gruppenspiel, dem 1:1 gegen die Außenseiter aus Belgien. Er zeigte seinem Team ausgewählte Stückchen aus dem Belgien-Spiel. "Markus hat uns besonders grausame Szenen gezeigt", erzählte der Nürnberger Maximilian Müller nachher. Danach schickte der Trainer seine Spieler in Klausur.

Das reuige Team suchte sich im olympischen Dorf den unwirtlichsten Winkel aus, den es finden konnte. In einer tristen Tiefgarage gingen die strauchelnden Weltmeister in sich – und als die trainerlose Sitzung beendet war, traten sie bei ihren Partien auf dem Kunstrasen wie verwandelt auf.

Es war der entscheidende psychologische Kniff, den der Trainer im olympischen Turnier anwandte, kleinere folgten. Zum Beispiel, als Weise Keeper Maximilian Weinhold, den er vor den Spielen gegen viele Widerstände nominiert hatte, vor dem Siebenmeterschießen gegen die Niederlande im Halbfinale nicht die bevorzugten Ecken der holländischen Schützen nannte, sondern ihm einen einzigen Satz zuraunte: "Mach dich zur Legende."

Die Legende über die Hockey-Olympiasieger 2008 rankt sich aber nicht nur um chinesische Tiefgaragen und großartige Sätze, sondern auch um die EM 2007 in Manchester. Mit überheblichen Auftritten spielte sich die DHB-Auswahl am Ende nur auf Platz vier, verpasste die direkte Olympia-Qualifikation und musste in diesem Frühjahr eine mühsame Extraschicht im japanischen Kakamigahara einlegen.

"Nach Manchester gab es eine heftige Aussprache", erzählte Mittelfeldspieler Benjamin Wess mit der Goldmedaille um den Hals vom sagenumwobenen Kölner Donnerwetter kurz nach der EM – und den Folgen: "Dadurch haben wir die Olympischen Spiele erst richtig zu schätzen gelernt."

Erst recht seit Samstagabend, an dem Weltklasse-Angreifer Christopher Zeller ("Das war eine ganz normale Strafecke: Du haust halt drauf, und die Kugel ist drin") seinen entscheidenden Treffer locker analysierte und Bruder Philipp zwei Meter neben ihm rasch zwei hübsche olympische Kränze flocht. Einen für den Doppel-Weltmeister-Trainer Bernhard Peters – und einen für den Doppel-Olympiasieger Markus Weise. "Bei Bernhard Peters", erklärte der Verteidiger von Rot-Weiß Köln, "haben die meisten von uns die grundsätzlichen Sachen gelernt. Und Markus Weise hat jetzt eben noch das Sahnehäubchen drauf gesetzt."

Wenn auch mit manchmal grausamen Stilmitteln.

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