Deutsches Gold im Diskuswurf Dann eben der andere Harting

Robert Harting verletzt? Dann schreibt eben Bruder Christoph die Olympia-Familiengeschichte weiter. Über seinen Erfolg wollte der Diskuswerfer aber nur ungern sprechen - und dann wurde er auch noch verwechselt.

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Aus Rio de Janeiro berichtet


Robert Harting hatte es als Erster gewusst. Als der Diskus-Star Anfang des Jahres über seinen Bruder Christoph sprechen sollte, war seine Analyse eindeutig: "Er ist in allen Bereichen besser als ich." Bei den Olympischen Spielen, davon waren alle ausgegangen, sollte es also zum großen Brüderduell kommen. Doch welches Drama sich in Rio de Janeiro für die Familie Harting abspielen sollte, hatte sich auch der 31-Jährige nicht vorstellen können.

Es begann schon am Mittwochabend, als Harting im Bett liegend mit dem Fuß versuchte, den Lichtschalter zu betätigen - und sich dabei einen Hexenschuss zuzog. Der Olympiasieger von London ließ sich behandeln, versuchte für die Qualifikation fit zu werden, trat auch an, konnte sich aber nicht für das Finale qualifizieren.

Der Trauer im Hause Harting folgte einen Tag später der große Jubel: Roberts Bruder Christoph, 25 Jahre alt, gewann mit einer persönlichen Bestleistung von 68,37 Metern die Goldmedaille - vor dem eigentlichen Favoriten Piotr Malachowski aus Polen (67,55 Meter), der bereits 2008 Silber gewonnen hatte, und dem deutschen Teamkollegen Daniel Jasinski (67,05 Meter). Er übertrumpfte sogar seinen Bruder Robert, der bei seinem Triumph in London 68,27 Meter weit geworfen hatte.

"Ich bin kein PR-Mensch"

Christoph statt Robert also, doch obwohl das Talent für den Diskuswurf beide Hartings verbindet, gibt es sonst eher wenige Ähnlichkeiten. "Die beiden sind zwei völlig unterschiedliche Typen. Völlig unterschiedliche Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Sichtweisen, Herangehensweisen", hat Harting-Trainer Torsten Lönnfors einmal gesagt. "Christophs Art ist es halt, das Ganze etwas als Spaß zu sehen."

Wie groß die Unterschiede zwischen den beiden Top-Athleten sind, konnte man direkt nach dem Wettkampf sehen. Während Robert nach dem Goldgewinn 2012 sein Jersey zerrissen hatte, verbeugte sich Christoph elegant vor jeder Tribüne. Auch der Umgang mit den Medien unterscheidet die Brüder: Robert ist ein medienaffiner Athlet, der gerne und oft seine Meinung kundtut - Christoph hatte nach seinem Triumph hingegen nicht die geringste Lust, mit den wartenden Journalisten zu reden. Grinsend und schnellen Schrittes, aber ohne einen Kommentar huschte er durch die Mixed Zone.

Später musste Harting dann doch reden: Auf der offiziellen Pressekonferenz, die für die Medaillengewinner verpflichtend ist, scherzte er erst mit seinen Diskus-Kollegen, wurde dann aber ernst: "Ich bin kein PR-Mensch, ich habe in den vergangenen Jahren schlechte Erfahrungen gemacht, deshalb beantworte ich keine Fragen."

Harting tanzt vor dem Wettkampf

Er fühle sich einfach unwohl, vor den Journalisten zu sitzen: "Ich bin eine introvertierte Person. Außerdem bin ich der Meinung, dass man nach einem Olympiasieg die Möglichkeit haben sollte, zuallererst mit seiner Familie zu feiern. Und ich habe das bis jetzt, zwei Stunden nach dem Wettkampf, noch nicht gemacht. Deshalb fühle ich mich hundeelend."

Für ihn als Athlet sei das Stadion die Bühne: "Was dort passiert, kann ich genießen." Und dass er sich in der Arena deutlich wohler gefühlt hatte als im kargen Presseraum, war schon vor seinem ersten Wurf zu sehen gewesen. Zur Einstimmung war eine Trommlergruppe am Rande der Wurfzone aufgetreten. Während die anderen Athleten den Auftritt ignorierten, konnte sich Harting gar nicht mehr einkriegen. Er klatschte, tanzte, grinste in die Kamera. Der Mann genoss jeden Augenblick, das war deutlich zu spüren.

Es folgte ein spannender Wettkampf, in dem sich Harting bereits im zweiten Durchgang auf den Silberrang geschoben hatte, dicht gefolgt vom späteren Bronzemedaillengewinner Jasinski. Bis zum entscheidenden sechsten Durchgang lauerten die beiden hinter dem Polen, dann wurde es richtig spannend.

"Das ist meine Bühne"

Als Jasinski zu seinem finalen Wurf ansetzte, war er auf den vierten Rang abgerutscht - doch mit seiner besten Weite an diesem Tag sprang er wieder auf Rang zwei, schob Harting zwischenzeitlich vom Podest. Doch Harting hielt dem Druck stand, mehr noch: Sein entscheidender letzter Wurf war nicht nur der beste des Wettkampfs, sondern gar der beste seiner bisherigen Karriere. Malachowski konnte diese Weite nicht mehr toppen, die Überraschung war perfekt.

Ein paar Fragen beantwortete Harting nach dem Sieg doch noch. Warum er denn auf dem Podest bei der Siegerehrung nicht stillstehen konnte? "Ich bin ein Mensch, der gute Musik und Rhythmus liebt. Es ist übrigens schwer, auf die Nationalhymne zu tanzen." Was er vor dem letzten Wurf gedacht habe? "Das ist meine Bühne, das ist mein Stadion, den Sieg nimmt mir keiner weg."

Doch dann schnappte sich ein englischsprachiger Journalist das Mikrofon und begann seine Frage mit "Mr Robert Harting…". Christoph Harting lachte laut auf und sagte: "Nein, nein, nein. Du kannst gehen." Damit war die Pressekonferenz beendet - und Harting konnte endlich zu seiner Familie.



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Seite 1
arrache-coeur 13.08.2016
1.
Da wurde in den Anfangstagen über die schlechte Medaillenausbeute der deutschen Sportler gemosert, und nun sind sie bereits auf dem vierten Platz. Typisch;-) Immer wieder erstaunlich ist allerdings der Vorsprung der USA...
JoachimFranz 13.08.2016
2.
Ach muss der Sieg von Christoph Hartung hier bei allen gut ankommen, die über Robert Hartung wegen seinem Ausscheiden hämisch gelästert haben. Zu früh gefreut :-)
gibmichdiekirsche 13.08.2016
3. Nicht erstaunlich
Zitat von arrache-coeurDa wurde in den Anfangstagen über die schlechte Medaillenausbeute der deutschen Sportler gemosert, und nun sind sie bereits auf dem vierten Platz. Typisch;-) Immer wieder erstaunlich ist allerdings der Vorsprung der USA...
Wenn man bedenkt, dass in den Staaten Colleges und Unis absolute Kaderschmieden mit jeder Menge Dollars im Rücken sind und dort z.B. Schwimmen höchste Wertschätzung genießt, dann erstaunt das schon weniger. Da braucht es keine viel andeutenden 3 Pünktchen in Ihrem Schlußsatz. Olympische Sportarten genießen nun mal in den USA höchste Priorität in der Förderung, während sie anderen Orts (z.B. hierzulande) oft eher stiefmütterlich unterstützt werden.
p-h-a-t-e 13.08.2016
4.
Der Malachowski muss sich doch wie im falschen Film vorkommen, nach diversen Klatschen, endlich Bahn frei und dann kommt der nächste Harting...
Grorm 13.08.2016
5. Erstaunlich? Wirklich?
Zitat von arrache-coeurDa wurde in den Anfangstagen über die schlechte Medaillenausbeute der deutschen Sportler gemosert, und nun sind sie bereits auf dem vierten Platz. Typisch;-) Immer wieder erstaunlich ist allerdings der Vorsprung der USA...
In den Staaten werden gute Sportler gehätschelt und getätschelt, man schleift sie durch die Highschools und mit zig Stipendien versehen durch die Colleges, bis auch ein sportlich sehr begabter Analphabet seinen College Abschluss bekommt. Dann folgt die Profikarriere ...
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