Deutschland gegen Argentinien Tor-Tango nach dem Samba-Sieg

Halle ist aus dem Häuschen: Die deutschen Handballer treffen heute in Westfalen auf Argentinien. Die Südamerikaner sind in Gedanken allerdings schon bei einem anderen Gegner. Trotzdem fordert Bundestrainer Brand volle Konzentration gegen das Team, das kaum einer kennt.

Von , Halle


Die Ruhe nach dem Sturm ist ganz im Sinne Heiner Brands. Nach stürmischen Tagen in Berlin und dem von Nervosität geprägten Auftaktsieg gegen das Samba-Team aus Brasilien (27:22) hofft der Bundestrainer, dass seine Akteure nach dem Spiel gegen Argentinien den Tor-Tango tanzen. "Wir müssen konzentrierter als gegen Brasilien spielen", fordert Brand. "Wenn alle Spieler zuviel Risiko eingehen, ist die Gefahr groß, technische Fehler zu machen", sagte der 54-Jährige rückblickend auf das Auftaktmacht.

Nationalspieler Kraus, Hens, Baur (v.l.): Favorit gegen Argentinien
DDP

Nationalspieler Kraus, Hens, Baur (v.l.): Favorit gegen Argentinien

Im Gerry-Weber-Stadion wird sich das Brand-Team heute (17.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) mit der zweitbesten Mannschaft Südamerikas messen. Noch nie zuvor hat eine DHB-Auswahl gegen Argentinien gespielt. Die Gelassenheit und Beschaulichkeit im westfälischen Halle soll ihren Teil zum ersten Erfolg beitragen.

21.283 Einwohner leben in der Stadt, die sportlich sonst nur mit einem jährlichen Tennisturnier für Schlagzeilen sorgt. 745 Menschen sind laut Arbeitsagentur ohne Job, mit knapp vier Prozent liegt die Quote damit deutlich unter dem Bundesdurchschnitt (10,2 Prozent im Dezember 2006).

Ursprünglich war das Stadion als reine Tennis-Arena konzipiert, doch nach mehreren Umbauten in den vergangenen Jahren hat es seine Handballtauglichkeit unter Beweis gestellt. Davon hätte sich auch der Weltranglistenerste Roger Federer am liebsten live überzeugt, wie er das Publikum über das Programmheft wissen lässt: "Gerne hätte ich die Stimmung erlebt, gehe aber zeitgleich bei den Australien Open an den Start", erklärte der Tennisprofi.

Mittlerweile dient die Arena mit einer Kapazität für 11.000 Besucher dem Bundesligisten TBV Lemgo bei Spitzenspielen als Ausweichstätte für die nur halb so große Lipperlandhalle. Dies könnte sich gerade im letzten Gruppenspiel morgen gegen Polen (17 Uhr in Halle, Liveticker SPIEGEL ONLINE) als psychologischer Vorteil für Deutschland im Kampf um den Gruppensieg auswirken. Schließlich stellt Lemgo mit Florian Kehrmann, Markus Baur, Sebastian Preiß nicht nur die meisten Nationalspieler, sondern mit Baur und Kehrmann auch noch zwei Spieler, die neben dem Hamburger Pascal Hens gegen Brasilien die meisten Treffer erzielten (je sechs) und zu den besten Akteuren gehörten.

Kretzschmar warnt

Auf der Zugfahrt von Berlin nach Bielefeld studierte Brand den heutigen Gegner per Video, viel schlauer war er anschließend allerdings nicht: "Ich kann Argentinien schwer einschätzen, glaube aber, dass sie ein bisschen europäischer Spielen als die Brasilianer", so Brand. Das würde besonders die Angreifer freuen, denen in diesem Fall eine weitere "verrückte offensive Abwehr" (Michael Kraus) erspart bliebe. Während Torsten Jansen noch weniger über den Gegner weiß ("Argentinien kenne ich nicht") als sein Trainer, warnt ein ehemaliger Kollege vor Leichtfertigkeit: "Alle Südamerikaner spielen unorthodox. Das ist unangenehm und macht keinen Spaß", sagte Ex-Nationalspieler Stefan Kretzschmar: "Und manchmal kann es sogar richtig weh tun." Schmerzhaft war allerdings der erste Auftritt der Gauchos nur für die wenigen argentinischen Fans, die die Reise nach Halle angetreten haben: Gestern wurde das Team bei der 15:29-Niederlage gegen Polen regelrecht vorgeführt.

Dieses deutliche Resultat wird sich nicht gerade förderlich auf die ohnehin angegriffene Moral der Mannschaft auswirken. Ständige Stänkereien zwischen den Spielern und Trainer Mauricio Torres haben das Klima schon weit vor der WM nachhaltig vergiftet. Die logische Folge war eine 23:28-Niederlage im Panamerikacup-Finale gegen den Erzfeind Brasilien. Ohne den erfolgreichsten Torjäger Eric Gull sind die Chancen auf den Einzug in die Zwischenrunde gleich Null. Der rechte Rückraumspieler wurde von Torres aus disziplinarischen Gründen nicht für die WM in Deutschland berücksichtig. "Er hat Probleme mit dem Trainer - wie andere auch. Er ist ein ganz wichtiger Spieler für uns, denn er ist einer der besten Torjäger in Spanien", sagt Argentiniens deutschstämmiger Torhüter Matias Schulz über den Profi, der beim spanischen Spitzenclub BM Valladolid spielt.

Ein weiterer Vorteil für die deutsche Auswahl: Die Argentinier sind mit ihren Gedanken schon beim letzten Gruppenspiel morgen gegen Brasilien. "Da geht es darum, wer die Nummer eins ist. Im Südamerika- Derby stehen die Chancen 50:50. Wir müssen gewinnen", sagt der 24-jährige Schulz. Für das Team von Torres ist die Neuauflage des Panamerikacup-Endspiels von 2006 so etwas wie eine Generalprobe für die bevorstehenden Südamerika-Meisterschaften im Juli, bei denen sich der Sieger automatisch für die Olympischen Spiele 2008 in Peking qualifiziert. "Da ist Brasilien wieder unser stärkster Gegner. Da wird es richtig hart zur Sache gehen", so Schulz. Vieles spricht dafür, dass Deutschland heute in aller Ruhe einen Pflichtsieg einfahren wird.



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