Deutschland gegen Niederlande Klassiker mit Adrenalin-Garantie

Die Niederlande wollen Hockey-Weltmeister werden. Nach der bitteren Auftaktpleite gegen Korea wird dies schwer, denn heute trifft die Mannschaft auf Gastgeber Deutschland. Das Ziel beider Teams ist klar: ein Sieg muss her gegen den Erzrivalen.

Von , Mönchengladbach


Die Niederländer haben sich im Hockeypark Mönchengladbach breit gemacht. Noch weit vor dem Spielfeld kommt für die Zuschauer das holländische Haus in Sicht: Vorne locken knallige Shirts, hinten brutzeln Kroketten, und auf den Fernsehern flimmern die Bilder vergangener Heldentaten. Fans und Mannschaft sind nach Deutschland gekommen, um den WM-Titel zu gewinnen: Das wird beim Besuch dieser Stätte klar - auch wenn die 2:3-Auftaktpleite gegen Korea so schwer zu verdauen war wie eine tief gefrorene Frikadelle. Heute bangt eine ganze Nation wieder mit ihrem Hockey-Team, dann steht der ewige Klassiker gegen den Gastgeber an.

Weißenborn, de Noojier: 70 Minuten die Freundschaft vergessen
Getty Images

Weißenborn, de Noojier: 70 Minuten die Freundschaft vergessen

Deutschland gegen die Niederlande: Da steigt nicht nur bei Fußballfans der Adrenalinspiegel. "Das ist immer das Spiel des Jahres, egal wann und wo wir auf sie treffen", sagt Deutschlands Mittelfeldspieler Tibor Weißenborn, der zum Auftakt mit seinem Team einen 3:2-Sieg gegen Indien feierte, "das macht am meisten Spaß. Es herrscht der meiste Kampf, die Aggressivität ist um 20 Prozent höher." Der 25-Jährige kennt sich aus in diesen Duellen: Er absolvierte sein erstes Länderspiel 1999 bei einem 4:4 gegen die Nachbarn und war beim EM-Triumph gegen die Niederlande im gleichen Jahr ebenso dabei wie bei der bitteren Halbfinal-Niederlage bei den Olympischen Spielen in Athen 2004.

Vor einem Jahr wagte sich Weißenborn sogar in die "Höhle des Löwen" und spielt seitdem für den HC Bloemendaal. Der Club in der beschaulichen Provinz Noord-Holland gilt als das Real Madrid der Hockey-Welt, dank der Finanzspritzen von Sponsoren und privaten Gönnern leistet sich Bloemendaal viele niederländische Nationalspieler und einige internationale Stars. Im Frühjahr vergangenen Jahres erhielt Weißenborn ein Angebot, nach einigen Wochen Bedenkzeit sagte der Berliner zu: "Ich wollte sowieso mal was anderes machen und ins Ausland, da kam das Angebot gerade richtig."

Sportlich tauchte er in eine völlig neue Welt ein. "In Berlin war ich die Führungsfigur, in Bloemendaal nur einer unter vielen. Aber da macht plötzlich jedes Trainingsspiel Spaß, wenn man so viele Weltklasseleute um sich hat", berichtet Weißenborn. Hockey ist in den Niederlanden Sportart Nummer drei hinter Fußball und Eisschnelllauf, dementsprechend groß ist das Interesse: Pro Wochenende werden zwei Ligaspiele live im Pay-TV gezeigt, dazu zwei als Zusammenfassung im Sportfernsehen.

Alte Fußballklischees gelten auch im Hockey

Auch an das Zuschauerinteresse bei den Partien musste sich Weißenborn erst gewöhnen. "Bei ganz normalen Spielen kommen 2000 Fans, bei Spitzenduellen sicherlich mal 7000 oder 8000", sagt er. Um Anfeindungen ist er trotz der Rivalität der beiden Nationen bislang herumgekommen. "Mir kam sicherlich zugute, dass ich eigentlich kein typisch deutscher Spieler bin, sondern technisch sehr stark", sagt Weißenborn und bestätigt, dass die alten Fußballklischees zumindest im Hockey noch gelten: Auf der einen Seite die feinen niederländischen Techniker, auf der anderen die deutschen Kämpfer, die ihre Spiele zur Not noch mit reiner Willenskraft in den letzten Minuten gewinnen.

Höhepunkt dieser Pauschalisierung ist die bei fast allen Akteuren gefürchtete inoffizielle Fan-Wahl zum "deutschesten aller niederländischen Spieler". Wer nicht so gut mit Stock und Ball umgehen kann und stattdessen eher seine läuferische Klasse in die Waagschale wirft und mehr als resolut in den Zweikämpfen agiert, rangiert in dieser Liste meist ganz oben. Weißenborn wäre aufgrund seiner technischen Klasse auch dann kein Favorit, wenn er einen niederländischen Pass hätte, "aber wenn einer unserer robusteren Verteidiger hierhin wechseln würde, müsste der sicherlich einigen Spott ertragen. Die niederländischen Fans können dann sehr höhnisch werden."

Weißenborn bekommt demnächst in Bloemendaal Verstärkung aus Deutschland: Die beiden Zeller-Brüder Christopher und Philipp wechseln ebenfalls zum niederländischen Meister. Ein Zeichen, sagt Weißenborn, dass sich die beiden Nationen im Hockey bei aller Rivalität näher gekommen sind. "Die wissen mittlerweile auch, dass wir nicht so spießig sind, wie sie vielleicht immer gedacht haben, sondern auch mal gerne nach Spielen noch im Clubhaus einkehren."

Weißenborns Gegenspieler in der Partie morgen ist niemand geringeres als Welthockeyspieler Teun de Nooijer. Beide stehen in Bloemendaal unter Vertrag und teilen sich sogar das Zimmer bei Auswärtsspielen. Für 70 Minuten wird der 25-Jährige die Nächte neben de Nooijer vergessen, auf ein von ihm sonst gerne verwendetes Mittel wird er jedoch verzichten: die verbalen Scharmützel oder den "Trash Talk". "Einerseits habe ich zu viel Respekt", sagt Weißenborn, "außerdem ist Teun so ein krass lieber Mensch, dass der danach wahrscheinlich kein Wort mehr mit mir spricht."



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.