Deutschland-Tour-Chef Rapp "Wir sehen Astana nicht am Start"

Um seinen Job ist er derzeit nicht zu beneiden: Kai Rapp organisiert die Deutschland-Tour. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über das zweifelhafte Image von Andreas Klöden, den schwierigen Ausschluss des Astana-Teams und einen möglichen Ausstieg der ARD aus der TV-Übertragung.

SPIEGEL ONLINE: Herr Rapp, haben Sie nach dieser Tour de France überhaupt noch Lust, ein Radsportrennen in Deutschland zu veranstalten?

Rapp: Ich sehe es geradezu als Herausforderung, in diesem Jahr ein solches Rennen zu organisieren. Gerade in Deutschland – im wichtigsten Markt Europas - kann man eine Menge Dinge klarstellen. Hier wird entschieden, in welche Richtung der Radsport künftig fährt. So wie bisher kann es nicht weitergehen. Das System hat komplett versagt.

SPIEGEL ONLINE: Was werden Sie denn besser machen als die Veranstalter der Tour de France?

Fahrerfeld bei der Deutschland-Tour 2006: "110-prozentige Kontrollen"

Fahrerfeld bei der Deutschland-Tour 2006: "110-prozentige Kontrollen"

Rapp: Die Überwachung der zur Doping-Kontrolle ausgelosten Fahrer wird bei uns 110-prozentig konsequent durchgeführt. Und zwar von der ersten Etappe an. Im Übrigen muss das Haus komplett abgerissen und neu aufgebaut werden. Da können wir als Veranstalter alleine überhaupt nichts machen. Alles muss in Frage gestellt werden. Die Forderungen seitens der Zuschauer, der Sponsoren und der Medien nach einem sauberen Sport müssen eingeklagt werden. Dazu bietet die Deutschland-Tour eine optimale Bühne.

SPIEGEL ONLINE: Also haben die Organisatoren in Frankreich Ihrer Meinung nach nichts falsch gemacht?

Rapp: Sie sind geknebelt durch verbandsrechtliche Regeln. Und trotzdem lief nicht alles nachvollziehbar. Nehmen wir das Beispiel Astana. Die Tourveranstalter hätte das Team theoretisch nicht starten lassen müssen, da das Rennen keine ProTour-Veranstaltung ist. Astana starten zu lassen, war ein Kompromiss, um die ProTour nicht komplett zu zerstören. Und genau da ist das Vertrauen der Tour-Veranstalter missbraucht worden.

SPIEGEL ONLINE: Sie veranstalten ein ProTour-Rennen, haben also keinen Einfluss auf die Besetzung des Teilnehmerfelds.

Rapp: Richtig. Aber den Einfluss, den wir bis jetzt noch nicht haben, werden wir uns nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Aber es ist eine Vorgabe des Radsportverbandes, dass ProTour-Lizenzteams bei Rennen wie der Deutschland-Tour zum Start zugelassen werden müssen?

Rapp: Inwieweit wir uns daran halten können und werden, das klären wir zurzeit.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie schon einzelne Teams und Fahrer im Visier?

Rapp: Wir lassen jeden Fahrer, der gemeldet wird, von einem extra dafür abgestellten Mitarbeiter auf seine Vita scannen. Der macht den ganzen Tag nichts anderes. Wenn er Probleme findet, gibt es Ärger für den Fahrer.

SPIEGEL ONLINE: Im Astana-Team dürfte er schnell fündig werden.

Rapp: Astana wird ein Problem haben bei uns. Wir sehen sie nicht am Start.

SPIEGEL ONLINE: Dann geht Ihnen aber mit Andreas Klöden ein deutsches Zugpferd verloren.

Rapp: War er das letztes Jahr? 2006 wollte er lieber Kriterien fahren.

SPIEGEL ONLINE: Bleiben Sie bei dieser Haltung, wenn Klöden sich von den Machenschaften bei Astana distanziert?

Rapp: Kann er sich davon distanzieren? Die überführten Alexander Winokurow und Matthias Kessler sind seine Freunde. Die brauchen Freunde wie ihn jetzt auch. Seine Loyalität haben wir zu respektieren. Das Problem ist, dass es einfach nicht überzeugend herüberkommt, wie er sich inhaltlich von diesen Dingen distanziert.

SPIEGEL ONLINE: Sind diese Maßstäbe auch auf T-Mobile übertragbar?

Rapp: Da sind die Überlegungen komplett anders. Bei Cofidis übrigens auch. Wir werden jetzt ganz genau prüfen, wie die Teams auf die Vorfälle reagiert haben. Haben sie versucht, zu vertuschen? Welche Konsequenzen haben sie gezogen? Der freiwillige kollektive Ausstieg der Mannschaft nach dem Doping-Fall des Cofidis-Fahrers Moreni überzeugt mich beispielsweise.

SPIEGEL ONLINE: Und das Geld, das T-Mobile in den Radsport steckt, überzeugt Sie auch?

Rapp: Wir behandeln keinen bevorzugt, nur weil er die Sportart unterstützt. Für mich geht es um die Glaubwürdigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Also nehmen Sie T-Mobile die Kriegserklärung an das Doping ab.

Rapp: Absolut. Ich gehe sogar so weit, dass ich Bjarne Riis vom CSC-Team in gewisser Weise glaube. Nicht, weil ich glaube, dass er vom überzeugten Doper zum Anti-Doping-Messias geworden ist, sondern weil er intelligent genug ist zu wissen, dass er Sponsoren so nicht mehr halten kann.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Angst vor einem Ausstieg T-Mobiles aus dem Radsport?

Rapp: Die Auswirkungen wären zumindest tragisch. Mit dem deutschen Markt im Hintergrund können T-Mobile und Gerolsteiner im Dopingkampf unheimlich viel bewegen. Denn dieser Markt ist für alle Beteiligten im Radsport extrem wichtig. Ein Ausstieg wäre daher eine Katastrophe.

SPIEGEL ONLINE: Steigt die ARD aus der Deutschland-Tour aus?

Rapp: Die ARD teilte heute mit, dass in der kommenden Woche eine Entscheidung über Art und Umfang der Fernsehberichterstattung von der Deutschland-Tour fallen wird.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem möglichen Ausstieg der Öffentlich-Rechtlichen aus dem Radsport bahnt sich das nächste Unheil an.

Rapp: Da soll man den Entscheidungen nicht vorgreifen. Wichtig ist es, dass man das Problem nicht über die Landesgrenzen abschiebt. Das Problem bleibt dort bestehen. Und in Deutschland wird derzeit der effektivste Anti-Doping-Kampf geführt. In Belgien freut man sich bestimmt, wenn man den Termin für eine eigene ProTour-Rundfahrt von der Deutschland-Tour übernehmen kann. Da stehen die ehemaligen "ehrwürdigen" Radprofis als Veranstalter Schlange.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben also kein Verständnis für den Ausstieg?

Rapp: Es war sicherlich eine schwierige Entscheidung. Ich kann es schon verstehen, dass die ständigen Dopingmeldungen die Entscheider entmutigt haben. Ich habe die Berichterstattung aber als kritisch und aufschlussreich empfunden. Das kann man von Sat.1 so nicht behaupten.

SPIEGEL ONLINE: Der Privatsender wäre für Sie also keine Alternative für die Übertragung der Deutschland-Tour?

Rapp: Das Thema ist für uns nicht aktuell.

SPIEGEL ONLINE: Gucken Sie sich das Ende der Tour de France überhaupt noch an?

Rapp: Klar, der Fernseher läuft nebenbei. Ich hätte sie allerdings lieber live in der ARD gesehen.

Das Interview führten Mike Glindmeier und Frieder Pfeiffer

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.