Deutschlandtour Die Kurve gekriegt

Live-Bilder statt schwarzer Mattscheibe, Chaperon statt Dopingsünder: Auf den ersten Blick hat die Deutschlandtour ihre Bewährungsprobe bestanden. Doch das Fundament ist brüchig. Einen weiteren Alleingang wollen die Veranstalter nicht mehr starten.

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Wenn Not am Mann ist, muss auch der Chef mal ran. Die ersten Profis sind beim Zeitfahren in Fürth einen Tag vor Ende der Deutschlandtour schon auf der Strecke, da spannt Tour-Direktor Kai Rapp noch die letzten Absperrbänder. Später sichert sich der in dieser Woche erstaunlich starke und konstante Jens Voigt den Etappensieg vor dem Ungarn Laszlo Bodrogi und damit den Gesamterfolg, Rapp sitzt derweil auf einem Podium und zieht ein Fazit der Tour. Er hat prominente Verstärkung mitgebracht, Thomas Bach ist an seiner Seite, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und Vize des IOC. Bach ist ein höflicher Gast, er lobt die Veranstalter für ihre Bemühungen, "dem Radsport wieder zu mehr Glaubwürdigkeit" zu verhelfen. "Der feste Wille ist da, ein neues Kapitel aufzuschlagen", so Bach.

Deutschlandtour-Führender Voigt, Radsport-Maskottchen Senft: Keine Zeit zum Luftholen
DPA

Deutschlandtour-Führender Voigt, Radsport-Maskottchen Senft: Keine Zeit zum Luftholen

Ein Eindruck, den sich Bach bei seiner Stippvisite verschafft hat. Andere sind seit zehn Tagen dabei und können tiefer blicken. "Ich habe letztens im Zuge eines freudschen Versprechers von der Deutschland-Kurve gesprochen. Ich meinte natürlich, sie hat die Kurve gekriegt", sagt Hans-Michael Holczer SPIEGEL ONLINE. Holczer ist Teamchef bei Gerolsteiner, der Sponsor will sich in drei Wochen entscheiden, ob er über diese Saison sein Engagement fortsetzt. Holczer hofft darauf, dass diese Tage zwischen Saarbrücken und dem Abschluss morgen in Hannover auch den Konzern hinter dem Rennstall erreicht haben: "Die Entscheidung des Sponsors hängt nicht hauptsächlich von der Doping-Diskussion ab, aber diese Tour könnte die Meinung zum Guten beeinflusst haben", so Holczer. Den Geldgeber zu halten, das kann in diesen Zeiten das einzige Ziel sein, einen neuen zu finden ist fast unmöglich, wie schon viele Teamchefs feststellen mussten.

Es sind noch kleine Schritte, die die Tour gemacht hat, manchmal mit eher symbolischem Wert, wie der Entzug der Wild Card für das österreichische Elk-Haus-Team. Seht her, wir trauen uns, Mannschaften auszuladen, die unsere Auflagen nicht erfüllt haben. Der Rennstall startete trotzdem, das Gericht entscheidet erst am Montag nach der Tour über die Rechtmäßigkeit des Ausschlusses. Aber immerhin zeigten die Veranstalter den Willen. Einen Vergleich hatten die Veranstalter abgelehnt, wie Rapp stolz berichtete.

Von einer positiven Dopingprobe verschont

In die Köpfe - nicht nur in die der Fahrer - hat sich auch das schöne Wort "Chaperon" gebrannt, diese Doping-Anstandsdamen in den schönen weißen Westen, die die betroffenen Fahrer direkt nach dem Ziel in Empfang nehmen und bis zur Urinprobe nicht mehr aus den Augen lassen. Bei der Tour de France vor ein paar Wochen wurde das noch mit fragwürdiger französischer Lässigkeit gehandhabt, sodass alle Möglichkeiten zur Manipulation blieben, bei der Deutschlandtour blieb den Fahrern kaum Zeit zum Luftholen. Als "durchaus angenehm" empfindet Holczer diese Vorgehensweise. "Da läuft man als Team auch nicht Gefahr, dass irgendwann mal einer die Dopingkontrolle vergisst, weil er zu schnell im Bus sitzt." Selbst einige ausländischen Teams, "von denen man es nicht unbedingt erwarten musste", hätten sich einsichtig gezeigt, so Rapp.

Von einer Sache wurde die Tour bis zu ihrem letzten Tag verschont, die all die Ansätze wieder hinfällig gemacht hätte: eine positiven Doping-Probe. Das Fernsehen hätte die Übertragung eingestellt, kein Etappensieger wäre mehr bejubelt worden, Chaperon wäre wieder ein Fremdwort und Tour-Direktor Rapp hätte die Absperrbänder nicht um die Strecke, sondern um den Bus des betroffenen Teams ziehen müssen.

Doch der Blick geht schon voraus. Gerade weil diese Tour "die schwerste seit der ersten Wiederauflage 1999" gewesen sei, so Rapp, laufen schon die Planungen für 2008. Dann soll die Rundfahrt wegen Olympia Ende August starten, erste Etappenorte sollen sich schon wieder für Start und Ziel beworben haben, Sponsoren wollen gar ihr Engagement ausweiten, verkündet Michael Hinz, Vorstand der Agentur Upsolut, die zu 75,1 Prozent Anteile an der Deutschlandtour hält. Gespräche mit dem Fernsehen stehen dann allerdings auch noch an, und die dürften entscheidend werden.

Als Alleingänger wollen Hinz und Rapp ihre Tour im nächsten Jahr nicht mehr bestreiten. "Dieses Jahr mussten wir das Heft selbst in die Hand nehmen", sagt Hinz, "es gab keine andere Möglichkeit." Bis zur nächsten Auflage soll die Koordination stehen, zwischen dem Weltverband UCI, der Tour-de-France-Organisation Aso und all den anderen Veranstaltern, gerade im Anti-Doping-Kampf. Vielleicht muss dann auch Deutschlandtour-Direktor Rapp nicht mehr selbst die Absperrbänder ziehen.

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