SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

11. August 2007, 19:03 Uhr

Deutschlandtour

Rundfahrt mit Anstandsdamen

Aus Bretten berichtet

Die Deutschland-Tour ist das größte Radrennen in Deutschland - und für die Fahrer ist sie eine willkommene Testfahrt für die WM. In Zeiten der Manipulation ist aber fast wichtiger, wie die verschäften Anti-Doping-Kontrollen funktionieren. Kernstück ist das Chaperon-System.

Wer sich heute vor dem Start des Teamzeitfahrens im Startbereich umhörte, bekam einen Eindruck von der Wertigkeit, die die Deutschlandtour mittlerweile unter den Radprofis hat. Sie ist günstig gelegen in diesem Jahr, so kurz vor der Rad-WM im September. Und so wird das wichtigste Rennen in Deutschland zur Testfahrt für die Weltmeisterschaft - sportlich und organisatorisch.

Etappensieger CSC-Team: Vorbereitung auf die WM
DDP

Etappensieger CSC-Team: Vorbereitung auf die WM

Ex-Weltmeister Paolo Bettini (Quick Step) ist einer der Profis, die die Rundfahrt für den Aufbau ihrer WM-Form nutzen wollen. "Natürlich würde ich gern eine Etappe gewinnen, schließlich steht in diesem Jahr bislang nur ein Etappensieg bei der Kalifornienrundfahrt zu Buche. Doch das Wichtigste ist die Weltmeisterschaft", sagt Bettini über seine Ambitionen.

Leipheimer plant den nächsten Coup

Dem Tour de France-Dritten Levi Leipheimer dient die Rundfahrt ebenfalls als Sprungbrett für Stuttgart. "Dieses Jahr ist das beste Jahr meiner Profikarriere. Ich möchte mein Hoch von der Tour mitnehmen und bis in den September verlängern", sagt er. Den Gesamtsieg in Hannover würde der Sieger von 2005 und Zweite des Vorjahres (damals noch für Gerolsteiner) dabei natürlich gerne mitnehmen.

Mit 26 Sekunden Rückstand auf Frank Schleck und 25 Sekunden auf den jetzt wieder in Gelb geschlüpften, insgesamt aber müde wirkenden Titelverteidiger Jens Voigt (beide CSC) hat Leipheimer beste Aussichten auf den nächsten großen Coup - auch wenn es für sein vor der Auflösung stehendes Discovery-Team heute nur zu einem zweiten Rang reichte. Dritter wurde Gerolsteiner, T-Mobile landete auf dem fünften Platz.

Wichtiger als das sportliche Abschneiden ist aus deutscher Perspektive gegenwärtig indes, wie gut das Dopingkontrollsystem funktioniert. Damit die WM überhaupt stattfinden kann, musste der BDR das - um die Politikersprache zu bemühen - brutalstmögliche Antidopingprogramm aller Zeiten versprechen.

Scharping ist zeitweilig im Urlaub

Die Aktivitäten sollen von einer Gruppe kontrolliert werden, die dem Namen nach ein bürokratisches Monster ist: der Antidopingsteuerungsgruppe - bestehend aus Stuttgarts Sportbürgermeisterin Susanne Eisenmann und Vertretern von UCI, Nada und Wada. Auch der Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer sitzt in diesem Gremium. Aber Rudolf Scharping befindet sich während der wichtigsten Sportveranstaltung im Verantwortungsbereich seines Verbandes für vier Tage im Urlaub.

Etwas besser funktionieren die Abläufe bei der Deutschlandtour selbst. Im Rahmen des ausgeweiteten Kontrollprogramms werden täglich mindestens sechs Fahrer von UCI-Dopingkommissar Jan van Gestel zur Abgabe der Probe gebeten. Das sind zwei mehr als noch im Vorjahr. Zwei Athleten - der Etappensieger und der Gesamtführende - sind automatisch zur Blut- und Urinabgabe verpflichtet, vier weitere bestimmt van Gestel. "Gewöhnlich lose ich die Fahrer aus. Manchmal ergeht aber auch eine Anweisung von der UCI, einen bestimmten Sportler zu testen", erklärt er.

Bei der Deutschlandtour setzt das Kölner Antidopinglabor im Auftrag der UCI nun erstmals die Isotopen-Massenspektrometrie (IRMS) ein. Diese Methode kann Testosterondoping präziser als jedes andere bislang bekannte Verfahren nachweisen. Nicht unwahrscheinlich, dass es deshalb bei der Deutschlandtour eine Fortsetzung der in Frankreich begonnenen Dopingkette gibt.

"Bislang ging alles glatt"

Kernstück der Neuerungen in Deutschland ist das "Chaperon-System". Sechs in weiße Leibchen gekleidete Anstandsherren (Chaperon ist Französisch und bedeutet ursprünglich Anstandsdame) empfangen an jedem Zielort der Deutschlandtour die zur Dopingprobe bestimmten Radprofis. Jeder Chaperon hält auf einer großen weißen Tafel die Nummer des Radsportlers hoch, den er zur Dopingkontrolle begleiten soll. Verschwindet ein Fahrer in den Teambus, haben die Chaperons das Recht, den Bus ebenfalls zu betreten.

Ein gutes Dutzend Mitarbeiter hat Melanie Trockel, Projektleiterin der Deutschlandtour, für den Chaperon-Einsatz ausgewählt. "Sie sind mit dem Radsport vertraut und kennen viele Gesichter der Fahrer. Das erleichtert die Arbeit", erläutert sie. Einer der Chaperons ist Robert Püstow vom Streckendienst. "Wir sind keine Polizeibeamten, die die Fahrer mit Handschellen erwarten. Wir begleiten sie nur und achten darauf, dass sie so schnell wie möglich zur Dopingkontrolle kommen", lautet sein Selbstverständnis. Und wenn die Fahrer sich seinen Anweisungen entziehen? "Dann protokollieren wir das", entgegnet er. Es sei Sache des Weltverbandes UCI, "für weitere Sanktionen zu sorgen".

"Bislang ging alles glatt", bilanziert Trockel. "Die Teams waren auf den Einsatz der Chaperons vorbereitet. Wir haben ihnen Bilder gezeigt, wie ein Chaperon aussieht. Betreuer und ausgeloste Fahrer sind teilweise von selbst auf die Chaperons zugegangen und haben gefragt, wer für sie zuständig sei." Dieses System, umgesetzt mit deutscher Gründlichkeit, funktioniert bislang gut. Ein Schlupfloch für potentielle Betrüger – die sich im Teambus zum Beispiel sauberen Fremdurin oder verschleiernde Medikamente zuführen konnten - ist geschlossen.

Wenn nun auch BDR-Präsident Scharping seine Steuerungstätigkeit als Dienstauftrag begreifen würde, könnte man sogar sagen: Die Generalprobe ist gelungen.

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung