Deutschlandtour Vabanque-Spiel mit großer Fallhöhe

Die Sponsoren-Rückzüge im Radsport haben auch eine gute Seite: Viele Fahrer sind auf dem Markt. Bei der Deutschland-Tour werden die Kandidaten unter die Lupe genommen, selbst Andreas Klöden, der nicht mal am Start ist. Doch die Teams sind vorsichtig: Der nächste Fehlgriff könnte der letzte sein.

Von , Sölden


In 2671 Metern Höhe ist die Luft verdammt dünn. Jens Voigt reißt den Mund weit auf und quält sich die letzten Kilometer hoch zum Ziel der heutigen Etappe der Deutschland-Tour von Sonthofen nach Sölden. Am Ende muss er sich mit dem zweiten Platz im Ziel begnügen, verteidigt aber das Gelbe Trikot des Spitzenreiters. Ein Deutscher in Gelb, das weckt Erinnerungen und Hoffnungen. Vielleicht könnte ja bald mal wieder ein Deutscher bei der Tour de France ganz oben auf dem Podium stehen. Voigt wird es sicherlich nicht sein. So ist bei der Rundfahrt oft die Rede von einem, der gar nicht am Start ist: Andreas Klöden.

Radprofi Klöden: Nicht klar positioniert
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Radprofi Klöden: Nicht klar positioniert

Denn Sieganwärter für die Tour de France sind schwer zu finden dieser Tage, gerade in Deutschland. Klöden gehört sicherlich zu dieser Kategorie. Er landete bei der Tour de France 2004 auf Rang zwei und 2006 auf Platz drei. In diesem Jahr hatten ihm viele Experten den Sieg prophezeit, doch nachdem er sich in die Helferdienste seines Kapitäns Alexander Winokurow gestellt hatte, flog ausgerechnet dieser mit Fremdblutdoping auf, für das Team Astana und Klöden war die Rundfahrt beendet. Schon im April wurde Klöden-Kumpel Matthias Kessler des Testosterons-Doping überführt, in der vergangenen Woche durfte in Andrej Kaschetschkin ein weiterer Astana-Fahrer eine positive Probe sein Eigen nennen.

Nach dieser Welle von Dopingfällen macht sich selbst ein loyaler Fahrer wie Klöden seine Gedanken. "Ich muss mich mit meinem Management über meine Zukunft verständigen", sagte er. Was nichts anderes heißt als: Selbst wenn das Team Astana über diese Saison hinaus weitermacht, Klöden wird demnächst woanders fahren. Schon schossen die ersten Spekulationen ins Kraut: Warum nicht zurück zu T-Mobile? Schließlich ist der 32-Jährige neun Jahre für den Rennstall gefahren, auch wenn die Trennung Ende vergangenen Jahres "nicht gerade einvernehmlich" verlief, wie T-Mobile-Kommunikationschef Christian Frommert sagt. Und bei all den jungen Fahrern und neuen Wegen könnte es doch auch nicht schaden, wenn T-Mobile nicht nur mit reinem Gewissen hinterherfährt, sondern im nächsten Jahr um den Toursieg kämpft.

Über die sportlichen Qualitäten von Klöden gibt es keine Zweifel. Er sei "ein hervorragender Rennfahrer", sagt T-Mobile-Sportdirektor Rolf Aldag, und auch seine Doping-Akte ist trotz aller Verdächtigungen noch rein: Er wurde nie positiv getestet und auch nie in Verbindung mit den Akten der Ermittlungen gegen den spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes genannt. Die Erfolge in den vergangenen Jahren sprechen für sich, auch bei der Tour 2007 hätte er gute Chancen auf einen Podiumsplatz gehabt, wenn er nicht durch Sturz und Helfer-Rolle und schließlich dem Team-Ausschluss zurückgeworfen worden wäre.

Unzureichende Distanz

Aber da ist die andere Seite des Andreas Klöden, die er oft zeigt, wenn er nicht auf dem Rad sitzt. Dann schweigt er gerne, gerade zu Fragen in Sachen Doping, distanziert sich nicht oder nur unzureichend von Freunden, die gedopt haben wie Kessler oder zumindest unter Verdacht stehen wie Jan Ullrich. Kurzum: Seine Außendarstellung ist für Rennställe in heutiger Zeit ungefähr so nützlich wie ein Funkloch für Handynutzer. "Es ist wichtig, sich klar zu positionieren", sagt Frommert, "Andreas kann das, auch während einer Tour. Er hat es aber nicht gemacht." Das könne man "nicht so einfach ignorieren".

Auch der Weggang von Klöden hat Spuren hinterlassen. "Es gebe auf jeden Fall viel Gesprächsbedarf", sagt Aldag, falls es doch noch zum Kontakt komme. Er glaube zwar nicht, dass Klöden nicht in eine Mannschaft zu integrieren sei, so Aldag, doch schon Klödens Statement, dass sein Manager sich um die sportliche Zukunft kümmern solle, sieht Aldag als Problem: "Ich will doch zuerst mit einem Fahrer sprechen, über unsere Ideen und seine Einstellung dazu, nicht zuerst mit dem Manager."

"Man darf nicht leichtsinnig werden"

Die Verpflichtung neuer Fahrer ist nicht nur für T-Mobile ein Drahtseilakt. Gerade jetzt, wo viele Fahrer wie Tour-Sieger Alberto Contador oder der Dritte Levi Leipheimer nach dem Aus ihres Discovery-Rennstalls neue Arbeitgeber suchen. Ist jemand schon verdächtig, wenn er in einem Team mit vielen Dopingfällen fährt wie Klöden? Oder wenn sein Name auf der Fuentes-Liste gestanden haben soll wie bei Contador? Wie sieht es aus mit Fahrern, die gestanden haben, vor zehn Jahren gedopt zu haben? Sind die jetzt sauber?

Fingerspitzengefühl ist deshalb gefragt, gerade bei T-Mobile. Sportliche Klasse, die richtige Einstellung, die Überzeugung zum Anti-Doping-Programm und der Charakter seien die wichtigsten Kriterien, sagt Aldag. Einerseits sei das Geschäft für die Rennställe einfacher geworden, weil viele Fahrer auf dem Markt seien und der Zeitdruck für die Verpflichtungen nicht mehr so groß sei. Andererseits gleicht es nun einem Vabanque-Spiel. "Man darf nicht leichtsinnig werden", so Aldag. Einen weiteren Fall Sinkewitz darf sich das Team nicht leisten. "Dann war es das für alle."



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