"Die Finals" in Berlin Das war nett. Aber was bringt's?

Zehn Meisterschaften in zehn Sportarten zeitgleich in Berlin: "Die Finals" haben ihr Publikum gefunden - auch Trial und Bogenschießen bekamen die verdiente Aufmerksamkeit. Fragt sich nur, wie nachhaltig das Ganze ist.

Matthias Hangst Getty Images

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Man muss es nicht gleich übertreiben. "Die Bilder von Berlin gehen in die ganze Welt", schwärmte DOSB-Boss Alfons Hörmann, und ARD-Moderatorin Jessy Wellmer glaubte festgestellt zu haben: "Die mischen die ganze Stadt auf." Das galt vielleicht eher für den Christopher Street Day am Wochenende zuvor mit mehreren hunderttausend Zuschauern. Bei "den Finals", der Bündelung von zehn deutschen Meisterschaften zeitgleich in der Hauptstadt, ging es dagegen eher familiär zu. Was überhaupt nicht gegen die Veranstaltung spricht.

Niemand hätte im Vorfeld schließlich ernsthaft erwarten wollen , dass den Bogenschützen an diesem Wochenende die Türen eingerannt werden, nur weil die Verbände, gemeinsam mit ARD und ZDF, den Randsport mal ins Rampenlicht gestellt haben. Dennoch: Die Zuschauertribüne vor dem Olympiastadion war gut gefüllt, als die Bogenschützen ihre Titelträger ermittelten. So viele Besucher hätten sich bei den Olympischen Spielen von Pyeongchang Biathleten oder Nordische Kombinierer gewünscht.

Ähnliches galt für die Kanuten auf der Spree. Zahlreiche Besucher in der Stadt, die an der East Side Gallery vorbeipilgerten, schauten bei der Gelegenheit auch beim Stand-Up-Paddeln oder beim Kanu-Sprint vorbei. Ein Mitnahmeeffekt, der den Sportlern seltene und verdiente Aufmerksamkeit bescherte.

Tourismusbilder freuen vor allem den Senat

Fast 20 Stunden Liveübertragung im Fernsehen, dazu die Tourismusbilder aus Berlin mit den Triathleten am Strandbad Wannsee und im Grunewald, den Kanuten vor der Kulisse der Oberbaumbrücke - dass der Berliner Senat die Veranstaltung schon im Vorweg über den grünen Klee gelobt hat, ist nachvollziehbar. Die Finals haben schöne Bilder produziert, und die Fernsehzuschauer daheim haben viele neue Namen bisher unbekannter Athleten gelernt. Wer kannte zuvor Fabian Liebig (Moderner Fünfkampf), Sarah Scheurich (Boxen) oder Nina Eim (Triathlon)?

Die Leichtathleten und die Schwimmer sind dagegen sozusagen die Promis dieser Veranstaltung gewesen, sie lockten denn auch die meisten Zuschauer: Die Schwimmwettkämpfe waren sportlich angesichts der Nähe zur WM wenig bedeutsam, dennoch war die Halle an beiden Finaltagen ausverkauft. Bei den Leichtathleten im Olympiastadion war zwar nur der Unterrang in der großen Schüssel geöffnet, dort jedoch erfüllten die Stimmung und die Resonanz mit fast 30.000 Zuschauern pro Tag die Erwartungen.

Das galt vor allem bei dem fulminanten Rekordlauf von 5000-Meter-Star Konstanze Klosterhalfen. Der auch die ARD-Reporter so euphorisierte, dass sie vergaßen, auch auf den Argwohn hinzuweisen, der die außergewöhnlichen Leistungssprünge der Langstrecklerin und ihr Training im umstrittenen Oregon Project von Alberto Salazar begleitet. Interviewer Claus Lufen holte das dann anschließend nach, in dem er die Skeptiker als "Neider" bezeichnete.

ARD und ZDF mit ihrem personellen Großaufgebot verdichteten das Wochenende ohnehin ab und an zum Event, die Reporter betonten ein, zwei Mal zu häufig, wie wunderbar die Stimmung doch um sie herum sei - aber tatsächlich hatten die Finals an all ihren Standorten ihr Publikum, das über die übliche Fangemeinde hinausging. Beide TV-Anstalten hatten im Vorfeld allerdings regelmäßig auch den hohen Aufwand betont, den die Finals für sie mit sich gebracht hatten. Ein Aufwand, der eventuell zu groß sein könnte, um daraus mehr zu machen als eine singuläre Veranstaltung.

Wobei die Frage der Nachhaltigkeit angesprochen ist. Was nützt es den Bogenschützen, den Kanuten und Fünfkämpfern wirklich, für dieses eine Wochenende in den Lichtkegel gestellt zu werden? Was bedeutet es für Förderung, für Nachwuchs, für Relevanz? Haben jetzt mehr junge Leute Lust, ins Kanu zu steigen oder in den Boxring? Oder ist das erst der Fall, wenn auch an anderen Wochenenden über Leichtathletik-Meetings, über Turn-Weltcups und Box-Länderkämpfe berichtet wird?

Die Finals hätten sich "wie kleine Olympische Spiele angefühlt", sagt Triathlon-Ironman Patrick Lange. Und der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, Jürgen Kessing, fiel gleich ein, Deutschland könne ein "hervorragender Gastgeber Olympischer Spiele sein". Dies hier waren jetzt allerdings erst einmal nur die Deutschen Meisterschaften im Kanu, Trial, Kunstturnen und Moderner Fünfkampf. Eine zarte Pflanze, es muss nicht gleich schon wieder der ganz dicke Baumstamm sein. Man muss es ja nicht gleich übertreiben.



insgesamt 40 Beiträge
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mens 04.08.2019
1. Schrecklich
Bitte, lieber Gott, warum wird für diese Veranstaltung der englische Plural von final DEUTSCH ausgesprochen. Finaals. Wo es doch hier die Finale heißt. Oder eben Fainals. Da bekommt man Lust statt hin in die entgegengesetzte Richtung zu laufen. In Rekordzeit. Oder habe ich wieder einen Eindeutschungsmist verpasst? Finaaals.
freizeitsportler55 04.08.2019
2. Olympisch
Die Finals 2019 haben sich für mich tatsächlich angefühlt wie kleine olympische Spiele. Und ich liebe diese Sportarten, die sonst immer nur zu Olympia ihr breites deutsches Publikum im Fernsehen funden.
bajanibash 04.08.2019
3. Der Beitrag nervt.
Es muss immer alles irgendwie infrage gestellt und madig gemacht werden. Es kann nicht einfach mal eine echt gute Idee gewesen sein. Die sich in guten Wettkämpfen, super Leistungen, guter Resonanz bei einem breiten Publikum (ja, manche waren einfach nur Touristen, für die man zur richtigen Zeit am richtigen Ort war und die den Athleten eine tolle Kulisse waren) widerspiegelte. Die Randsportarten ein Podium bot und mal nicht Fussballmillionären hinterherweinte, die sich kurz vor Saisonbeginn um ihre Transferplätze oder Knieprobleme sorgen. Eine Idee, die Spaß brachte und hoffentlich wiederholt wird! Aber nein. 'Was bringt's?" So eine Frage kann echt nur jemand stellen, der vermutlich sauer ist, weil er für diese tollen Wettkämpfe auf seinen ZDF- Fernsehgarten verzichten musste.
Objectives 04.08.2019
4. Sport overkill
Ich habe bewusst nur die Zusammenfassungen am Abend in den Nachrichtensendungen angeschaut. Wer tut sich bitte schon 10 Stunden Livesport am Tag an? Am Ende schaut man sich halt sowieso nur das an, was einen interessiert. Die Nachhaltigkeit wird nahe bei Null liegen. Für die TV-Sender ein nettes Event, für Berlin gute Werbung. Die Sportler werden aber schnell wieder in Vergessenheit geraten.
aliof 04.08.2019
5. was bringt's
.. viele Leute haben sich Monate lang darauf vorbereitet. .. Und alle haben riesiges Glück mit dem Wetter gehabt. Und viel Spaß. Nur eine, oder zwei hatten so gute Leistungen gebracht, daß sie sofort und öffentlich als Doper verdächtigt, und immer wieder damit konfrontiert wurden. Die kommen sicher gern wieder. Was ich davon gesehen hatte, erinnerte mich im positiven Sinn an meine früheren Bundesjugendspiele. So könnte Sport sein! Alle machen mit. - Nicht nur 20 oder 30 , die einen einzigen Ball herumkicken, während manchmal 50.000 zuschauen, grölen, essen und trinken. Raten Sie mal, was der Verfasser dieser Zeilen besser findet!
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