"Die Finals" - Leistungsshow der Randsportarten Wer gewinnt, ist fast egal

Von Leichtathletik bis Triathlon, von Bogenschießen bis Boxen - in Berlin präsentieren sich zehn Sportarten mit ihren Meisterschaften. Das Besondere: Laufzeiten und Leistungen sind nicht so wichtig - es geht um etwas anderes.

Bogenschützin Lisa Unruh kämpft im Olympiapark um Meisterehren
Srsjan Suki DPA

Bogenschützin Lisa Unruh kämpft im Olympiapark um Meisterehren

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Das wird "ein Wochenende der Superlative", jubiliert ZDF-Moderator Rudi Cerne: "So etwas hat es noch nie gegeben." Und Berlins Innensenator Andreas Geisel stößt in die Trompete: "Es wird Bilder von Berlin geben, die man noch nie so gesehen hat." Geisels Botschaft: "Berlin kann Großveranstaltungen." An Vorschusslorbeeren ist jetzt schon genug geerntet, bevor "Die Finals" überhaupt so richtig losgehen.

Zehn Deutsche Meisterschaften parallel an einem Ort, von Leichtathletik über Kanu bis zum Bahnradsport, von den Schwimmern über die Bogenschützen zu den Boxern, und das alles fast rund um die Uhr begleitet von ARD und ZDF - das kommende Wochenende soll die Großattacke der Olympischen Traditionssportarten auf die Allgegenwart des TV-Sports Fußball werden. Die Sportarten, die sich seit Jahren an den Rand gedrängt fühlen, kommen auf den Präsentierteller.

Es ist eine Art Joint Venture, das hier entstanden ist. Die öffentlich-rechtlichen Sender, der Berliner Senat und die Sportverbände, und alle drei erhoffen sich, als Gewinner dazustehen. Die Fernsehpräsenz, genauer gesagt die Fernsehpräsenz von ARD und ZDF, ist immer noch das Gemüse der Sportverbände, ein Wochenende 19 Stunden lang live von ARD und ZDF präsentiert zu werden - davon soll Breitenwirkung ausgehen.

"Man braucht Helden": Gina Lückenkemper böte sich dafür an
DPA

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"Man braucht Helden, denen man als junger Mensch nacheifern kann", sagt Geisel, und daher müssen die Schwimmstars Florian Wellbrock und Sarah Köhler wenige Tage nach dem Saisonhöhepunkt, der WM in Südkorea, gleich wieder ins Becken.

"Natürlich ist die Motivation nicht mehr ganz so groß", sagt Köhler, "normalerweise haben wir nach einer so großen Meisterschaft Urlaub", ergänzt Brustschwimmerin Jessica Steiger. Aber auch der Schwimmverband will das Eisen schmieden, solange es heiß ist. Die WM hat für Aufmerksamkeit gesorgt, die Schwimmwettbewerbe in der Halle im Europasportpark sind schon ausverkauft. So müssen die Athleten versuchen, ihren Jetlag im Wasser loszuwerden.

"Die Zeiten sind vollständig irrelevant"

Präsenz zeigen, das ist wichtiger als der sportliche Wert einer Deutschen Meisterschaft. "Die Zeiten sind vollständig irrelevant", sagt Schwimm-Teamchef Bernd Berkhan ganz freimütig. Und das gilt nicht nur für die Sportler im Becken.

Die Kanuten paddeln die Spree zwischen Oberbaumbrücke herunter, für sie wurde extra die Strecke auf 160 Meter verkürzt, eigentlich keine übliche Wettkampfdistanz. Und Olympiasieger Sebastian Brendel hat schon gesagt, dass "das nicht so meine Strecke ist". Die schönen Bilder an der East Side Gallery, übertragen mit einer Schienenkamera, die die Strecke entlang führt, sind in diesem Fall wichtiger.

Strecke verkürzt: Sebastian Brendel und Jan Vandrey
Sören Stache DPA

Strecke verkürzt: Sebastian Brendel und Jan Vandrey

Die Leichtathleten und die Schwimmer, sie sollen die noch kleineren Sportarten wie Trial und Bogenschießen mitziehen.

Die Bogenschützen haben ihren Wettkampf direkt in Nachbarschaft der Leichtathleten im Olympiapark, hier gibt es zudem ein großes Familiensportfest, veranstaltet vom Landessportbund. Dorthin wären auch die Schwimmer gern gegangen, schließlich gibt es auch ein Freibad direkt neben dem Olympiastadion, stattdessen bestreiten die Schwimmer weitab in Friedrichshain ihre Rennen, ebenso wie die Radsportler, die im Velodrom ihre Runden drehen.

Die Triathleten springen in den Wannsee, die Turner sind in der Max-Schmeling-Halle in Mitte zu besuchen. Insofern ist das Konzept "Alles an einem Ort" eigentlich mehr ein Konzept "Alles in einer Stadt".

"Höherer Aufwand als bei Olympischen Spielen"

Die öffentlich-rechtlichen Sender drehen seit Tagen an der Werbeschraube, ob im Radio oder im Fernsehen, für ARD und ZDF sind die Finals ein Großprojekt. Im Unterschied zu Olympia oder einer Fußball-WM kann man nicht auf eine Weltregie setzen, alle TV-Bilder müssen selbst produziert werden, die Sender sind insgesamt mit mehreren Hundert Mitarbeitern vor Ort. ARD-Koordinator Axel Balkausky spricht von einem "höheren Aufwand als bei Olympischen Spielen".

Die finden in einem Jahr in Tokio statt, bis dahin müssen sich die deutschen Athleten noch durch zahlreiche Qualifikationen quälen. Normalerweise sind Deutsche Meisterschaften im vorolympischen Jahr eine gute Standortbestimmung. In diesem Jahr aber geht es um anderes.

Der olympische Sport zeigt sein Fernsehgesicht, und er tritt dabei gleich in einen Wettstreit, wie das ist mit der öffentlichen Wahrnehmung und der TV-Quote: Am Samstagabend treffen im Fußball-Supercup Bayern München und Borussia Dortmund (20.30 Uhr) aufeinander. Live im ZDF.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
gral59 31.07.2019
1. Sehr gut
Klingt doch gut. Freue mich auf die Triathleten. Allerdings ist Triathlon nach mehreren Jahren deutscher Hawaiisieger längst keine Randsportart mehr. Aber mehr Fernsehpräsenz kann letztendlich nicht schaden.
sh.stefan.heitmann 31.07.2019
2.
Zitat von gral59Klingt doch gut. Freue mich auf die Triathleten. Allerdings ist Triathlon nach mehreren Jahren deutscher Hawaiisieger längst keine Randsportart mehr. Aber mehr Fernsehpräsenz kann letztendlich nicht schaden.
Alles außer Fußball sind in Deutschland Randsportarten. Fragen sie doch mal 100 Leute in der Fußgängerzone ob sie 5 deutsche Triathleten kennen. Oder Handballspieler. Oder aus irgendeiner anderen Sportart.
frühlingsrolle 31.07.2019
3. Was bitte...
...ist das für ein deutsch? Die Finals - ehrlich? Ist es echt schon so weit das wir jeden angliismus plump eindeutschen müssen? "Macht das Sinn"?
hardeenetwork 31.07.2019
4. Man muss die Sportler nicht kennen
Sondern einfach Spass am zuschauen haben. Ich finde die Idee sehr gut und werde es mir definitiv auch anschauen. Eine breite Sportpalette ohne Fussball, einfach Klasse!
quark2@mailinator.com 31.07.2019
5.
Manche Sportart könnte halt auch überlegen, etwas attraktiver für die Zuschauer zu werden. Warum schießt man mit Pfeil und Bogen nicht auf bewegliche Videoprojektionen ? Warum nicht "gegeneinander", d.h. wer zuerst trifft, kommt weiter, etc. Man könnte sich schon ein paar Wettkampfmodi einfallen lassen, die bischen mehr Spannung erzeugen oder die Phantasie anregen. Eine indianische Kombination aus Pfeil, Bogen und Pferd wäre witzig. Usw.
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