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Offen schwuler Footballspieler: Michael Sam macht Pause

Foto: GM Andrews/ AP

Homosexueller Footballer Sam Schlachtplan für das Coming-out

Die Nachricht machte weltweit Schlagzeilen: Michael Sam könnte der erste offen homosexuelle Footballspieler in der US-Profiliga NFL werden. Sein Coming-out wurde penibel geplant und choreografiert - von einem Hollywood-Publizisten.

Selbst Barack Obama war begeistert. "Glückwunsch, du machst es vor", twitterte der US-Präsident. "Das ist wahrer Sportsgeist." First Lady Michelle Obama stimmte zu: "Du bist eine Inspiration für uns alle."

Der junge Mann, der da so hochgelobt wurde, tauchte danach trotzdem ab. Und zwar an einen "privaten Ort", wie seine Betreuer es ausdrückten, wo er "nicht abgelenkt wird" von dem, worauf es wirklich ankommt: Football.

Das Coming-out des US-Footballers Michael Sam, 24, hat weltweit Wellen geschlagen. Der hünenhafte College-Star gilt als eines der besten US-Nachwuchstalente auf seiner Position. Sollte er demnächst tatsächlich in die Profi-Liga NFL aufsteigen, wäre er ihr erster offen schwuler Spieler - ein Meilenstein für diesen oft als homophob verschrieenen Macho-Sport.

"Es ist eine große Sache", sagte Sam dem TV-Sportsender ESPN : "Das hat noch keiner getan." Es war eines von nur zwei Interviews, bevor er sich zurückzog, um für seinen nächsten Einsatz zu trainieren, die Scouting Combine am Wochenende in Indianapolis. Und auch dort stellte er sich den Fragen der Reporter nur kurz, etwa der nach der Adrenalin-Atmosphäre der NFL: "Ich habe keine Angst vor diesem Klima."

Seitdem kennt die US-Sportszene fast kein anderes Thema. Das Magazin "Sports Illustrated" hob Sam im letzten Moment aufs Cover: "Amerika ist soweit." Die Meldung verdrängte zeitweise selbst die Olympischen Winterspiele in Sotschi aus den Schlagzeilen - und zeigte offenbar bereits Wirkung: Wenige Tage später unterzeichnete der homosexuelle Basketballer Jason Collins einen Vertrag bei den Brooklyn Nets und absolvierte am Wochenende als erster homosexueller Spieler eine Partie in einer großen nordamerikanischen Profiliga.

Hollywood-Publizist Bragman: Regisseur von Sams Coming-out

Hollywood-Publizist Bragman: Regisseur von Sams Coming-out

Foto: Nick Ut/ AP

Was in dem ganzen Trubel unterging: Sams Offenbarung ("Ich bin ein offener, stolzer schwuler Mann") wurde mit geradezu militärischer Präzision geplant, eingefädelt, inszeniert, choreografiert und nun vermarktet. Nichts war Zufall, von den handverlesenen Medien, an die die Nachricht lanciert wurde, über das Timing bis zu Sams Wortwahl.

Detaillierter Schlachtplan

Der Regisseur dieser Show heißt Howard Bragman. Der gewiefte Hollywood-Publizist, der selbst mit einem Mann verheiratet ist, gilt als Experte für Promi-Coming-outs: "Call Howard", lautet der Rat an Stars, die ihre Gefühle nicht länger verheimlichen wollen. Zu Bragmans Klienten zählten Chaz Bono, der transsexuelle Sohn der Pop-Diva Cher, sowie Sportler wie die Golferin Rosie Jones und der frühere Basketball-Profi John Amaechi.

Wie Amaechi wagten die meisten homosexuellen US-Athleten diesen Schritt bisher erst im Ruhestand. Gerade im Football: Ex-Runningback David Kopay hatte 1975 als Erster sein Coming-out, drei Jahre nach Karriereende. Wade Davis wartete sogar acht Jahre, bis er 2012 bestätigte, was seine Freunde längst wussten. Beide gehören jetzt zu Sams Unterstützerkreis.

Schon vorab war den Eingeweihten klar, dass dies in den USA die bedeutendste Sportstory des Jahres werden würde. Sie betreffe "die ganze Nation, jeden Umkleideraum, jede NFL-Geschäftsführung, jede Sport-Talkshow, jedes Sport-Blog", schreibt Sam-Berater Cyd Zeigler, Mitbegründer der Website "Outsports.com".

Bereits im Januar tüftelte Bragman den detaillierten Schlachtplan aus. "Früher wies der Sport bei sozialen Fragen den Weg", sagt Bragman zu SPIEGEL ONLINE: "Heute hinkt er total hinterher." Zwar sei es im amerikanischen Sport längst "nicht mehr okay", rassistisch zu sein - "aber immer noch okay, schwulenfeindlich zu sein".

Magazin schätzt Sams Karrierechancen schlecht ein

Am wichtigsten war das Timing. Bragman wollte den Super Bowl abwarten, danach aber rechtzeitig zuschlagen, damit die NFL-Teams die Nachricht verdauen konnten, bevor sie bei der Draft im Mai neue Spieler anheuern. Auch sollte Sam dann möglichst schnell wieder aufs Feld.

Die andere Frage: Welche Reporter sollten den "exklusiven" Scoop bekommen? Bragman wählte ihm vertraute Medien, die mit solchen Themen Erfahrung haben: ESPN, um das Fernsehen abzudecken, die "New York Times"  für die Print-Flanke und "Outsports.com" für die Online-Hintergrundstory.

Ex-Basketballer John Amaechi: Coming-out erst im Ruhestand

Ex-Basketballer John Amaechi: Coming-out erst im Ruhestand

Foto: Seth Wenig/ AP

Doch selbst der beste Plan hilft oft nichts. Sam hatte seinen Mitspielern und Trainern an der University of Missouri schon im August alles erzählt. Die nahmen es gelassen und hielten dicht. Bald aber fragten Reporter nach Sams "Privatleben", "Sports Illustrated" drohte mit einer eigenen Enthüllungsstory. "Sams sexuelle Orientierung wurde schnell zum schlechtest gehüteten Geheimnis der Sportmedien", berichtet Zeigler.

Also zogen sie die Interviews mit der "New York Times" und ESPN vor. Die Reaktion war "zu 99,9 Prozent positiv", so Bragman. Zahllose NFL-Spieler stellten sich hinter Sam, Fans in Missouri gaben ihm eine stehende Ovation. "Michael hat das Drehbuch für zahllose junge Athleten neu geschrieben", sagt Sarah Kate Ellis, die Präsidentin der schwul-lesbischen Aktivistengruppe GLAAD: "Amerika ist bereit für einen offen schwulen Football-Star."

Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. "Sports Illustrated" konterte sein eigenes Cover mit einem - durchgehend auf anonymen Zitaten beruhenden - Bericht: Sam stünden auf dem Weg zum Profi-Footballer "geringe Aussichten und eine einsame Reise bevor".

Fest steht: Wenn die NFL-Teams Anfang Mai nach New York kommen, um sich bei der Draft die besten neuen Profi-Spieler zu schnappen, wird nur ein einziger Name herausstechen - Michael Sam.

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