Doping-Abschlussbericht Klöden und Kessler schwer belastet

Systematisches Doping, lebensgefährliche Praktiken und zwei weitere beschuldigte Radprofis: Der Abschlussbericht zur Dopingaffäre an der Universitätsklinik Freiburg zeichnet ein erschreckendes Bild vom ehemaligen Erfolgsteam T-Mobile.

Hamburg - Die Expertenkommission - bestehend aus dem Juristen Hans Joachim Schäfer, Dopingforscher Wilhelm Schänzer und dem Pharmakologen Ulrich Schwabe - ist zu dem Ergebnis gekommen, dass im Radrennstall T-Mobile, früher Team Telekom, mehr als zehn Jahre lang manipuliert wurde. Dies hatte der SPIEGEL bereits vor zweieinhalb Wochen berichtet. "Die Untersuchungskommission hat ermittelt, dass im Team Telekom/Team T-Mobile von 1995 bis 2006 durch die beiden Ärzte Dr. Heinrich und Prof. Schmid systematisch gedopt wurde", heißt es in dem 63-seitigen Abschlussbericht. "Das systematische Dopen unter ärztlicher Kontrolle wurde perfektioniert", sagte der Kommissionsvorsitzende Schäfer bei der Vorstellung des Berichts am Mittwoch in Freiburg.

Neben zahlreichen geständigen Dopingsündern wurden die Radprofis Andreas Klöden und Matthias Kessler namentlich erwähnt und damit schwer belastet. Die drei Kommissionsmitglieder kamen zu dem Schluss, dass "neben dem geständigen Fahrer Patrik Sinkewitz während der Tour de France 2006 zumindest zwei weitere Radfahrer mit Hilfe der beiden Ärzte Eigenblutdoping betrieben haben: Matthias Kessler und Andreas Klöden." Belastende Indizien gegen den Tour-de-France-Gewinner von 1997, Jan Ullrich, entdeckte die Kommission nicht.

Kessler, noch bis zum 26. Juli wegen Testosteron-Dopings gesperrt, und Klöden haben bislang alle Dopingvorwürfe bestritten. Schmid und Heinrich verweigerten aufgrund laufender staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen jegliche Erklärung.

"Ein Rhein-Konvoi mit mehreren Fahrzeugen hat sich nicht erweisen lassen. Aber es war in jedem Fall ein Fahrzeug mit Sinkewitz, Klöden und Kessler", sagte Schäfer. Die drei Radprofis sollen sich am 2. Juli 2006 während der Tour Eigenblut-Transfusionen unterzogen haben. Sinkewitz' frühere Freundin habe sie im Auto von Straßburg nach Freiburg gefahren - und wieder zurück.

Im Fall Sinkewitz gefährdete der behandelnde Sportmediziner Andreas Schmid laut Bericht durch eine verpatzte Bluttransfusion sogar das Leben des Sportlers. Offenbar war das Blut bakteriell verunreinigt oder fehlerhaft abgenommen worden. Schmid schickte Sinkewitz jedoch ohne Warnung wieder fort und setzte ihn damit nach Ansicht der Kommission "besonders verantwortungslos" dem "Risiko schwerster Komplikationen" aus. Sinkewitz hätte einen septischen Schock oder eine tödliche Lungenembolie erleiden können. "Das wurde in Kauf genommen und ist ein schlimmer Verstoß gegen die Regeln bei Transfusionen", sagte Schäfer.

Epo und Epo-Doping

Dem Dokument zufolge begann das systematisches Epo-Doping des Rennstalls unter Anleitung der Teamärzte Schmid und Heinrich im Januar 1995 während eines Trainingslagers auf Mallorca. Schon 1994 seien Glucocorticoide und Wachstumshormone im Team Telekom eingesetzt worden. Der Bericht listet verschiedene Indizien auf, "die in Verbindung mit weiteren Erkenntnisquellen der Kommission auf Doping mit Epo-Präparaten oder Blutdoping bis einschließlich 2006 hindeuten".

Für seinen Bericht hat das Gremium insgesamt 77 Zeugen, viele aus dem Bereich des Profi-Radsports, befragt. Zudem wurden zahlreiche Quittungen und Kontobewegungen ausgewertet und nachträglich mehrere tausend Blutproben analysiert. "Mühsam war es", sagte Schäfer, der im März 2008 einen Zwischenbericht präsentiert hatte.

Zugleich entlastete die Kommission die Bonner Unternehmen Telekom und T-Mobile. Es gebe keine Anhaltspunkte dafür, dass die früheren Hauptsponsoren "in die Aktivitäten der dopingbelasteten Ärzte verwickelt waren". Auch die Uniklinik habe demnach keine Kenntnis von den Dopingvorgängen in ihrem Haus gehabt. "Ein Ergebnis des Kommissionsberichts ist, dass die maßgeblich für die Betreuung von Profiradsportlern verantwortlichen Ärzte ohne Kenntnis und ohne Nebentätigkeitsgenehmigung des Universitätsklinikums zusätzliche persönliche Einkünfte erzielten", hieß es.

Auch die Apotheke der Uniklinik sei "zu keiner Zeit in die Beschaffung von Dopingmitteln durch die beiden Ärzte" involviert gewesen: "Vielmehr konnte aus Sicht der Kommission eine Apotheke in Elzach als einer der Hauptlieferanten ermittelt werden." Neben den beiden maßgeblich beschuldigten Medizinern Schmid und Heinrich hätten drei weitere Ärzte ungenehmigte Nebeneinkünfte erhalten.

Zur Verfeinerung des Systems wurde offenbar Geld des Hauptsponsors Telekom missbraucht. Das Unternehmen hatte unter dem Vorsitz des früheren Institutsleiters Joseph Keul bereits 1998 den Arbeitskreis "Dopingfreier Sport" gegründet. Konsultierendes Mitglied war Heinrich, und so war es dessen Kollege Schmid, der einen großen Teil der insgesamt fast 800.000 Euro aus Bonn für seine Forschungen erhielt.

Heinrich und Schmid waren 2007 von der Klinik fristlos entlassen worden. Gegen die Mediziner läuft ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Freiburg, zudem verlangt das Land Baden-Württemberg die Einnahmen, die sie für die unerlaubte Nebentätigkeit für die Radprofis erhielten. Darüber hinaus droht beiden der Entzug ihrer ärztlichen Approbation sowie möglicherweise sogar ihrer akademischen Titel.

wit/dpa/sid