Doping bei den Olympischen Spielen Jagd auf die Hormonsünder

Viele Bestleistungen in Peking lösen Zweifel aus. Die Dopingkontrolleure liefern sich hinter den Kulissen einen Wettlauf mit den Betrügern. Entgegen bisherigen Ankündigungen wird vielleicht doch schon auf Insulin getestet. Der Nachweis für andere Hormone wurde verbessert.

Aus Peking berichtet


Wenn Michael Phelps, mit derzeit elf Goldmedaillen erfolgreichster Olympiateilnehmer aller Zeiten, nach dem Geheimnis seiner fantastischen Leistungen gefragt wird, zuckt er meist mit den Schultern. In der Regel erzählt er dann, dass er in Bob Bowman den besten Trainer der Welt habe, außerdem könne er wunderbar schnell regenerieren.

Dopingkontrolle in Peking: Keine Tipps für Betrüger
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Dopingkontrolle in Peking: Keine Tipps für Betrüger

Tatsächlich ist Phelps' Fähigkeit, in Windeseile Belastungen wegzustecken und die Körperspeicher aufzufüllen, außergewöhnlich. Der 23-Jährige hat schon binnen einer Stunde zwei Einzel-Weltrekorde aufgestellt. In Peking gewann er innerhalb einer knappen Stunde Gold mit Weltrekord über 200 Meter Schmetterling und mit der Freistilstaffel – ebenfalls mit Weltrekord.

Michael Phelps hatte nie einen positiven Dopingtest. Es empfiehlt sich dennoch, derlei Fabeltaten kritisch zu hinterfragen. Zumal etliche hochwirksame Drogen im Umlauf sind, die von den Dopingfahndern nicht nachgewiesen werden können. Dazu zählen beispielsweise der Wachstumsfaktor IGF-1 (insulin-like growth factor) und Insulin. "Die Kombination von Wachstumshormon mit Insulin optimiert die Energiebereitstellung", sagte der Münchner Endokrinologe Martin Bidlingmaier SPIEGEL ONLINE: "In kurzer Zeit werden Speicher gefüllt und an der richtigen Stelle bereit gestellt. Obwohl eigentlich keine Speicher mehr da sein dürften." Ein Traum für jeden Sportler.

Wer zudem genug Geld investierte und die trickreiche Kombination aus IGF-1 und Insulin verwendete, lief bisher nicht Gefahr, erwischt zu werden. Im Dopingkontroll-Labor der Sporthochschule Köln wurde unter Leitung von Mario Thevis zwar längst eine Nachweismethode für Insulin entwickelt, mit der man in diesem Jahr Betrüger hätte entdecken können. Doch die Weltantidoping-Agentur Wada lehnte es zunächst ab, den Test einzuführen.

Der Kölner Laborchef Wilhelm Schänzer sagte zu SPIEGEL ONLINE: "Ich bin der Meinung, der Insulin-Test könnte und sollte eingesetzt werden." In Peking haben Wada-Präsident John Fahey und sein Generalsekretär David Howman auf die Frage, ob nicht doch schon heimlich auf Insulin getestet werde, nur mitgeteilt: Man wolle Betrüger im Unklaren lassen und ihnen keine Tipps geben. Schänzers Kollege Thevis arbeitet bei Olympia im Pekinger Labor. Möglich, dass manche Athleten eine böse Überraschung erleben - auch jene, die auf das in der Doper-Szene beliebte Wachstumshormon setzen.

Bislang kann nur die Variante des Human Growth Hormone (HGH) nachgewiesen werden. Die Methode wurde von einem Team der TU München unter Leitung von Christian Strasburger entwickelt. In Peking wird zum ersten Mal bei Olympischen Spielen großflächiger auf HGH getestet. Bei den Sommerspielen 2004 in Athen und den Winterspielen 2006 in Turin wurden je etwa 150 Blutproben analysiert. In Peking werden es etwa 4500 sein.

Wada-Boss Fahey betonte zudem auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE, der HGH-Test sei in den vergangenen Jahren verbessert worden. Dabei hat sich das Strasburger-Verfahren nicht geändert. Probleme gab es in den vergangenen Jahren allerdings, weil nacheinander drei Firmen als Wada-Partner absprangen, die mit der Herstellung der Test-Sets beauftragt waren. "Das hatte juristische Gründe", sagt Martin Bidlingmaier, der zum Team von Strasburger gehört: "Die Firmen fürchteten sich vor Schadensersatzklagen überführter Athleten, besonders in den USA."

Inzwischen werden diese Test-Sets, zu denen auch die Antikörper für das eigentliche Messverfahren gehören, von einer Berliner Firma hergestellt. "Für Athen 2004 haben wir die Reagenzien noch in unserem Labor quasi selbst gekocht", sagt Bidlingmaier: "Jetzt läuft das professioneller. Und mit dieser standardisierten Produktion verbessert sich automatisch das Testverfahren. Es wird genauer und empfindlicher."

Die Wada will HGH bald zeitnah in allen 33 bei der Agentur akkreditierten Kontroll-Laboren nachweisen lassen. Derzeit sind nur die Labore in Peking, Lausanne, London und Salt Lake City dazu in der Lage. Andere, wie Köln, haben die Unterlagen eingereicht und warten auf die Bestätigung.

Das Grundproblem aber bleibt: HGH entfaltet seine Wirkungen zwar über einen Zeitraum von mehreren Wochen, es ist nach der Strasburger-Methode aber nur maximal 48 Stunden zu entdecken. Werden also in Peking nur Idioten erwischt, die HGH nicht rechtzeitig absetzen? "Das glaube ich nicht", sagt Strasburger, "denn es werden ja nicht nur Wettkampf-, sondern auch gezielte Trainingskontrollen vorgenommen." Der Abschreckungseffekt sei nicht zu unterschätzen.

Richard Pound, früherer Weltklasse-Schwimmer und Wada-Präsident, der jetzt für Kanada im IOC sitzt, ist weniger optimistisch. Er sagte SPIEGEL ONLINE: "Grundsätzlich ist alles, was sich nicht lange nachweisen lässt, eine große Gefahr. Das ist sicher eines der großen Risiken hier: Wir müssen davon ausgehen, dass einige Betrüger nicht auffliegen."

Schwimmerinnen unter Verdacht

Pound hat sicher Recht. Der mexikanische Drogendealer Angel Heredia, Kronzeuge im Balco-Prozess, hat gerade im SPIEGEL-Interview beschrieben, wie weit verbreitet Wachstumshormone oder Insulin auch bei Leichtathleten und anderen Sportlern seit Jahren sind.

Auf der langen Liste der Balco-Kunden stand auch eine amerikanische Schwimmerin: die sechsmalige Olympiasiegerin Amy van Dyken. Deren einstiger Teamkollege Gary Hall jr. hat kürzlich kritisiert, dass van Dyken noch der Hall of Fame des US-Schwimmsports und des amerikanischen Olympiakomitees USOC angehört, während die von Heredia versorgte Sprinterin Marion Jones wegen Meineids im Doping-Prozess im Gefängnis sitzt und ihre Olympiasiege aberkannt wurden. "Beide sind aber auf derselben Liste", rügte Hall. Van Dyken, die ebenfalls nie positiv getestet wurde, empörte sich über Halls Äußerungen.

Mit Wachstumshormonen wurde vor einigen Jahren auch US-Schwimmerin Dara Torres in Verbindung gebracht, die in Peking im Alter von 41 Jahren Staffelsilber gewann. Sie soll im Jahr 2000 vom umstrittenen Onkologen Glen Luepnitz aus Austin/Texas mit Meditropin versorgt worden sein. Torres hat das stets bestritten.

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