Doping bei Olympia "So viel Chemie war nie"

Wie sauber waren die Spiele von Peking? Trotz einer Rekordanzahl an Tests wurden nur wenige Betrüger entlarvt. Doch Grund zur Entwarnung gibt das keineswegs - wenn Athleten plötzlich Fabelrekorde in Serie aufstellen, ist eher ein Totalversagen des Testsystems zu vermuten.

Eine Sportart ohne Dopingproblem? Vor wenigen Wochen hätten selbst kritische Betrachter auf diese Frage schnell eine Antwort gefunden. Doch dann wurde im Vorfeld der Olympischen Spiele Andrea Baldini positiv getestet. Der Italiener ist Weltranglistenerster. Und Fechter.

Als die Spiele eine Woche alt waren, wurde dann Kim Jong-Su des Dopings überführt. Der Nordkoreaner hatte zuvor Silber und Bronze gewonnen. Als Schütze.

Olympische Ringe in Peking: Dunkle Wolken über dem Sport

Olympische Ringe in Peking: Dunkle Wolken über dem Sport

Foto: DDP

Nach diesen Spielen von Peking ist auch einer der letzten Dopingmythen des Sports entzaubert: Unerlaubte Leistungssteigerung ist kein Problem einzelner Athleten, es ist kein Problem einzelner Ausdauer-, Sprint- und Kraftsportarten. Die vergangenen Wochen haben vielmehr bewiesen, was lange befürchtet wurde: Dopingfreie Zonen gibt es im Sport höchstwahrscheinlich nicht mehr.

Die zweite Erkenntnis nach 16 Tagen Peking: Der Sport verliert dadurch seine Glaubwürdigkeit.

Wenn die Leistungen der Besten in ihrer Unglaublichkeit Züge einer Zirkusveranstaltung tragen, fehlt den Siegern das Identifikationspotential. Der Zuschauer lässt sich nicht mehr für dumm verkaufen. Selbstverständlich werden die Dominatoren dieser Spiele, der US-Schwimmer Michael Phelps und Jamaikas Sprinter Usain Bolt, in ihrer Heimat gefeiert. Doch sie sind nur die Stars dieser Spiele. Weltweite Idole, wie es ihre Vorgänger waren, weil einzigartige Leistungen damals weit weniger kritisch hinterfragt wurden - das sind sie nicht.

Die Begeisterung über sportliche Höchstleistung war 2008 stets gepaart mit Skepsis - selbst wenn es einzelne Journalisten während der Weltrekordläufe des dreimaligen Goldgewinners Bolt vor Begeisterung von den Sitzen riss. Meist dominierte der Zweifel, dass das alles doch nicht mit rechten Dingen zugehen könne.

Der 23-Jährige Phelps verfügt über den perfekten Körper für schnelle Zeiten im Wasser: eine Spannweite von über zwei Metern, große Füße (Schuhgröße 48,5), flexible Gelenke, einen langen Oberkörper, dazu einen revolutionären Delphin-Beinschlag. All das hilft ihm dabei, ein Ausnahmeschwimmer zu sein.

Doch reicht das aus, um achtmal olympisches Gold zu gewinnen und sieben Weltrekorde zu brechen? In acht Tagen? Die Zweifel sind groß, auch unter den Athleten. "Ich glaube an Wunder, aber hier gibt es zu viele", sagte die deutsche Schwimmerin Anne Poleska. Ines Geipel, Autorin des Buches "No Limit - wie viel Doping verträgt die Gesellschaft?", drückt sich drastischer aus: "Wir erleben eine neue Dopingära", sagt sie SPIEGEL ONLINE.

Und auch die deutschen Leichtathleten fühlen sich angesichts zunehmender Chancenlosigkeit nicht mehr wohl. Die Geherin Melanie Seeger war nach ihrem 23. Platz im Wettbewerb über 20 Kilometer verzweifelt: "Wir müssen überlegen: Lohnt sich das alles noch überhaupt?" Der Sprinter Tobias Unger klagte in "Sport-Bild" über die Freiheit eines Usain Bolt, der Doping-Jäger nur alle paar Wochen zu Gesicht bekommt. "Ich habe langsam keine Lust mehr", zeigte sich auch Unger wenig optimistisch, dass in der Leichtathletik faire Wettkämpfe möglich sind.

In Jamaika gibt es keine unabhängige Anti-Doping-Agentur. Nur viermal wurde Bolt im vergangenen Jahr im Training kontrolliert; ob dies auch in der dopingrelevanten Zeit in den Wintermonaten geschah, ist unklar. Das ist nur ein Grund, warum Geipel, die mit der DDR-Staffel 1984 Weltrekord über 4x100 Meter lief und diesen 2005 aus Dopinggründen zurückgab, das derzeitige Testsystem "einen Schmarrn" nennt.

Während der Spiele gab es rund 4500 Kontrollen. Neun davon waren positiv, neun Betrüger wurden also entdeckt. Aber das heißt natürlich nicht, dass nur neun Betrüger bei diesen Spielen am Start waren.

Viel näher liegt Geipels These vom schwachen Testsystem: Unzählige Substanzen wie verschiedene Epo-Mimetika - Mittel, die die Wirkung von Epo nachahmen - sind nicht nachzuweisen.

Und auch wenn es einen Test für Insulin gibt: Angewandt wurde er in Peking offenbar nicht. "Wir müssen davon ausgehen, dass einige Betrüger nicht auffliegen", hatte der ehemalige Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur Richard Pound während der Spiele auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE gesagt.

Der mexikanische Drogendealer Angel Heredia, Kronzeuge im Balco-Prozess, hatte zuvor im SPIEGEL-Interview beschrieben, wie verbreitet Doping in der Sprinter-Szene ist. Noch ist keiner der schnellen Sportler überführt.

Auch in Bezug auf Gendoping laufen die Athleten voraus und die Kontrolleure hinterher. Tests gibt es nicht, aber: "Gendoping ist schon Realität", sagt Geipel. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht, der Höhepunkt gerade erst erreicht. Die Dopingexpertin vermutet: "So viel Chemie wie in diesem Jahr war nie."

Und selbst wenn sich Deutschland immer gerne als Vorreiter im Anti-Doping-Kampf geriert, auch hierzulande gibt es genug aufzuarbeiten. Die erfolgreichste Deutsche der Spiele in Peking, Doppel-Goldmedaillengewinnerin Britta Steffen, arbeitet mit Trainer Norbert Warnatzsch zusammen, dessen mögliche Dopingvergangenheit gerade den Deutschen Olympischen Sportbund beschäftigt. Auch zwei weitere deutsche Trainer sind verdächtig. Der Springreiter Christian Ahlmann wird von den Spielen suspendiert, nachdem bei seinem Pferd eine unerlaubte Substanz nachgewiesen wurde - der zweite olympische Dopingfall nach 2004, als Ludger Beerbaum Gold zurückgeben musste.

Laut Autorin Geipel herrscht in Deutschland ein "fataler Patriotismus, der Leistungen deutscher Athleten selten gezielt hinterfragt". Zu wichtig ist das gute Gefühl. Kritisch wird es erst, wenn die Ergebnisse nicht stimmen, wie beispielsweise bei den Ruderern (einmal Silber, einmal Bronze) oder Straßenradsportlern (keine Medaille). Dass dabei eventuell saubere Leistungen negativ bewertet werden, wird nicht bedacht.

Der kritische Blick geht ansonsten in Richtung chinesisches Team, in dem die Gewichtheber in einer dopingverseuchten Sportart über acht Goldmedaillen jubeln und die Turner neun von 14 Wettbewerben gewinnen. Erstmals in der olympischen Geschichte führt China den Medaillenspiegel an - mit deutlichem Vorsprung vor den USA.

Einen chinesischen Dopingbetrüger hat es bei diesen Spielen trotz aller Mutmaßungen nicht gegeben. Das Internationale Olympische Komitee verweist auf die Möglichkeit der späten Überführung. Acht Jahre sollen die Dopingproben noch aufbewahrt werden.

Zu viel Hoffnung ist dennoch nicht angebracht. Standort der Kühlschränke mit dem heiklen Inhalt und rechtliche Fragen sind nicht abschließend geklärt. Und bei Gefahr für die Sünder würde schon ein Stromausfall helfen - denn ungekühlte Proben sind unbrauchbare Proben.

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