Ex-Festina-Trainer Antoine Vayer "Ich will Doping töten"

Antoine Vayer glaubt, dass Tour-Spitzenreiter Christopher Froome gedopt ist. Der Sportwissenschaftler war früher beim skandalösen Festina-Team, heute kämpft er gegen Doping und plädiert für Lance Armstrong als UCI-Präsidenten. Besuch bei einem der ungeliebtesten Männer im Radsport.

Radprofi Froome: Gesamtführender bei der Tour
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Radprofi Froome: Gesamtführender bei der Tour

Aus Pordic berichtet


Auf der Fahrt zu Antoine Vayer geht das Herz auf. Die Abendsonne lässt die hügelige Landschaft der Bretagne goldgrün leuchten, manchmal taucht dahinter der blaue Atlantik auf. Am Ende der vielen schmalen Straßen, direkt an der Steilküste, liegt Pordic: kleine Steinhäuser mit rostigen Gartentoren, ein paar Katzen, eine Dorfbar. Das Auto kann man offen stehen lassen.

"Warum haben die Bretonen nicht die Welt erobert?", fragt Vayer, den Blick über das Meer in Richtung England gerichtet. "Weil Gott ihnen Wein schenkte!" Er löscht seine Marlboro-Zigarette zwischen den Fingern und steigt in einen alten Renault. "Jetzt essen wir", sagt er. "Ihr mögt doch Austern? Frisch aus der Bucht?"

Der Besuch bei Vayer, in dem umgebauten Bauernhaus, in dem er mit seinen fünf Kindern lebt, beginnt wie ein Ausflug in eine andere, eine schönere Welt. Es ist schwer vorstellbar, dass dieser friedliche Ort Schauplatz eines der erbittertsten Kämpfe im Radsport ist.

Sportwissenschaftler Vayer (1999): "Wir befinden uns im Krieg"
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Sportwissenschaftler Vayer (1999): "Wir befinden uns im Krieg"

Von 1995 bis 1998 war Antoine Vayer, 50, Trainer des Festina-Teams, er arbeitete mit gefallenen Stars wie Richard Virenque zusammen. Von dieser Zeit zeugen heute nicht viel mehr als ein paar Hobby-Rennräder neben dem Haus - und ein schwarzes Blackberry-Handy, das dieser Tage ununterbrochen klingelt. "Wir befinden uns im Krieg", sagt Vayer und zündet die nächste Marlboro an. Seine Feinde, wie er sie nennt, sieht er sonst nur selten hier draußen in Portic. Doch gerade macht die Tour de France ganz in der Nähe Halt. Der Feind ist nah, Vayer wird ihm sogar ins Gesicht schauen können.

Doping-Prognosen anhand von Wattzahlen

Es gibt wenige Namen, die die Radsportszene bei dieser 100. Tour derart in Unruhe versetzen wie der des Sportwissenschaftlers Vayers. Am 7. Juni dieses Jahres veröffentlichte er im Magazin "Not normal" seine Studie über die Leistungsdaten der Tour-de-France-Sieger seit 1982. Er hat Wattzahlen anhand der im Gebirge erbrachten Energie in Relation zum Körpergewicht der Sportler berechnet. Auf diese Weise kann Vayer seiner Ansicht nach die Grenze der menschlichen Leistungsfähigkeit bestimmen - und nachvollziehbar machen, wann in den vergangenen 30 Jahren Doping im Spiel war.

Auch bei der diesjährigen Tour de France hat Vayer seine Methode schon angewandt, er behauptet indirekt, dass der Gesamtführende Christopher Froome gedopt sei. "Froomes Leistung ist physiologisch nicht erklärbar", sagt er. Mit der rechten Hand macht Vayer eine Bewegung, als gebe er auf dem Moped Gas: "Das, was in Ax 3 Domaines passiert ist, war nicht normal." Froome hatte die erste Pyrenäen-Etappe vor einer Woche im Alleingang entschieden. Beweisen kann Vayer seine Anschuldigungen nicht, auch wenn sich die Werte seiner Berechnungen mit den bekannten Dopingfällen der vergangenen Jahrzehnte decken.

Es sind nicht nur seine Rechenergebnisse, die Vayer in den Kampf gegen Doping getrieben haben. Während seiner Arbeit für Festina hat er genau mitbekommen, was in dem dopingverseuchten Team passierte. "Natürlich wusste ich Dinge", sagt er, "aber ich war nur der Trainer. Das Medizinische fiel nicht in meine Zuständigkeit." Vayer hat damals geschwiegen, wie so viele Mitwisser. Erst mit dem Ende der Festina-Zeit begann er zu sprechen, obwohl in der Szene noch das Gesetz der Omertà, das Gesetz des Schweigens, galt. Der Krieg begann.

"Meine Studien sind nicht neu, ich mache seit 15 Jahren die gleiche Arbeit", sagt er, "aber mir hat niemand zugehört. Ich sagte: Die nehmen Epo, Clenbuterol, keiner wollte es wissen." Erst sein Engagement in der Anti-Doping-Gruppe Change Cycling now im vergangenen November und Lance Armstrongs Beichte im Januar hätten ihm die gewünschte Aufmerksamkeit verschafft. Vayer löffelt einige Tropfen Balsamico-Essig auf eine Auster, in seinem eigenartigen französischen Englisch sagt er: "Ihr müsst mehr Austern essen, die sind unheimlich gesund, die machen stark." Dann lacht er: "Vielleicht schlürft Froome auch einfach ganz viele Austern, vielleicht ist das sein Geheimnis!"

"Armstrong wäre der beste UCI-Präsident"

Vayer weiß genau, wie er die Menschen auf seine Seite bekommt. Er weiß auch, dass er polarisiert, dass er vieles überspitzt. "Natürlich übertreibe ich", sagt er, "das ist so bei einer Revolution, das geht nicht ohne Gewalt. Ich will Doping töten." Es sei heutzutage für Radsportler nicht mehr obligatorisch, zu dopen, trotzdem fehle noch immer vielen die Überzeugung. Vor allem dem Präsidenten des Weltsportverbands UCI, Pat McQuaid. Und plötzlich sagt Vayer etwas, womit keiner gerechnet hat, wie ein kleines Kind freut er sich über die ungläubigen Gesichter: "Lance Armstrong wäre der beste UCI-Präsident von allen."

Er habe Armstrong im Februar überzeugen wollen, für das Amt zu kandidieren, "aber Lance möchte sich auf sein Leben nach dem Radsport konzentrieren", sagt er. Wie man auf so eine verrückte Idee kommen könne? "Lance weiß genau, wie der Radsport funktioniert. Um dein Firmennetzwerk vor Hackern sicher zu machen, engagierst du den besten Hacker, oder? Außerdem will Lance seine Fehler wieder gutmachen", sagt Vayer. "Wollen wir ihn fragen?" Er holt sein Blackberry raus und tippt etwas.

Spätestens jetzt wird deutlich, dass sich die Linie zwischen den Fronten nicht so einfach ziehen lässt. Wer ist böse? Wer ist gut? Etwa der größte Dopingsünder von allen: Lance Armstrong? Nicht alle Rollen sind in dieser Schlacht klar verteilt, Vayer kämpft deshalb um die wichtigsten Protagonisten, auch um Armstrong.

Das Handy klingelt wieder, es ist nicht der Texaner. Vayer verabredet sich für den nächsten Morgen mit einem seiner Feinde. Mittlerweile ist es Nacht in Pordic, Vayer stellt Kaffee auf den Tisch und nimmt einen großen Schluck. "Wenn ihr weg seid, muss ich noch ein paar E-Mails beantworten", sagt er. Die große PR-Kriegsmaschine will am Laufen gehalten werden.



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
janne2109 13.07.2013
1. ??
Hat er das sooo gesagt?? wie kann man Doping töten??
saba1 13.07.2013
2. Warum nicht Papst?
Lance Armstrong, größter Radsport-Betrüger aller Zeiten, soll Rad-Präsident werden? Besserer Vorschlag: Schafft diesen Sport einfach ab!
oswin82 13.07.2013
3.
"Ex-Festina-Trainer Antoine Vayer: "Ich will Doping töten"" Der war gut !
clausde 13.07.2013
4. Völlig egal
Ob gedopt oder nicht. Die Wahrheit interessiert niemanden mehr. Dem Radrennsport wird für lange Zeiten der Nimbus des mafia-ähnlichen Dopings anhängen. Das schon im privaten Bereich mit diversen Präperaten nachgeholfen wird, erzeugt inzwischen auch schon keinen Aufschrei mehr. Es ist und bleibt ein Geschäft in dem es um sehr, sehr viel Geld geht. Selbst aufrechte Leute wie der BDR-Präsident Rudolf Scharping haben es da schwer etwas zu verändern. Schade für den Sport, aber Radrennsport und Doping sind leider in den Köpfen der Menschen als ein Zusammenhang verankert.
n.flanders 13.07.2013
5. ...warum immer nur der Radsport?
wann kümmert sich jemand um die anderen Sportarten? Was ist mit den 200 Namen auf der Fuentes Liste? Wer glaubt, dass jemand ungedopt schneller rennen kann als jemand dem man Doping nachgewiesen hat??? Es ist so einfach immer auf den Radsport einzudreschen. Da hat auch die Presse immer etwas zu schreiben. Zuerst werden Stars gemacht und dann ein Skandal daraus produziert. Warum berichtet keiner über die Doping Vergangenheit von Guardiola?
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