Doping-Enthüllungen DDR-Sportler werfen Autor Köhler Verantwortungslosigkeit vor

Die Reaktionen von ehemaligen DDR-Sportlern auf das Doping-Geständnis des DDR-Funktionärs Thomas Köhler fallen heftig aus. Jens Weißflog und Ines Geipel werfen dem Autor Verantwortungslosigkeit, Verklärung und Verlogenheit vor. DOSB-Präsident Thomas Bach hingegen lobt die Aussagen.

Hamburg - Bei ehemaligen DDR-Athleten haben die Aussagen des ehemaligen Top-Sportfunktionärs Köhler unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Mit seinem Buch "Zwei Seiten der Medaille" hatte Rodel-Olympiasiegers von 1964 und 1968 das Staatsdoping im DDR-Sport und Doping von 16-Jährigen eingestanden.

Jens Weißflog, dreimaliger Olympiasieger und Weltmeister im Skispringen, war empört: "Wenn es Köhlers Meinung ist, dass alle gedopt und es gewusst haben, dann kann ich nur von mir sagen, dass ich davon nichts wusste. Ich habe zu DDR-Zeiten gewonnen und auch nach der Wiedervereinigung - und das immer ohne Doping. Das haben unzählige Tests bewiesen. Köhlers Aussagen hören sich so an, als wolle er sich aus der Mitverantwortung stehlen."

Auch die dreimalige Olympiasiegerin im Eisschnelllauf Gunda Niemann-Stirnemann kritisierte Köhler: "Wenn er denkt, dass alle Sportler über die verabreichten Mittel Bescheid wussten, dann ist das seine Meinung. Für mich ist das kein Thema. Ich habe vor und nach der Wende ohne Doping trainiert und gewonnen."

Dopingopfer Ines Geipel wirft Köhler Verantwortungslosigkeit vor. "Das Buch enthält absolut nichts Neues. Vor allem ist es eine Lüge und eine Verklärung seiner Verantwortung im DDR-Sport", so die ehemalige Sprinterin. "Wo war Thomas Köhler denn in den 20 Jahren der Aufarbeitung? Es deckelt die Rolle, die er selbst im DDR-Sport innehatte." Jetzt werde versucht, "die Geschichte zu drehen und die Geschädigten immer wieder neu zu diskreditieren".

Für den ehemaligen Radsportler Uwe Trömer hat Köhler zuviel im Unklaren gelassen: "Herr Köhler gibt einiges zu, er gibt aber nicht genug zu. Ich hätte den Hut vor ihm gezogen, wenn er all die Scheiße, die da gelaufen ist, benannt hätte."

DOSB-Präsident Bach begrüßt Köhlers Aussagen

Beifall kam von Thomas Bach, dem Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes. "Die Aussagen von Thomas Köhler bringen mehr Klarheit in die Aufarbeitung der Dopinggeschichte. Der DOSB hat bekanntlich die wissenschaftliche Aufarbeitung des Doping in Deutschland - und zwar ausdrücklich in Ost und in West - in Auftrag geben lassen. Weitere Aussagen wie die von Herrn Köhler könnten diese Aufarbeitung fördern."

Weil Anfang der Siebziger Jahre die Chancengleichheit für DDR-Sportler im Ost-West-Vergleich nicht mehr gewährleistet gewesen sei, "entschied sich die damalige Sportleitung für den Einsatz ausgewählter anaboler Substanzen in einer Reihe von Sportarten", schreibt Köhler, als ehemaliger Vizepräsident des Deutschen Turn- und Sportbundes zweithöchster DDR-Sport-Funktionär. "Wenn also die DDR weiterhin im internationalen Sportgeschehen erfolgreich mithalten wollte, blieb nichts weiter übrig, als den Einsatz von Dopingmitteln zu gestatten." Die DDR-Verantwortlichen hätten sich für eine "sachgerechte und medizinisch kontrollierte Anwendung ausgewählter Dopingmittel" entschieden.

luk/dpa
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