Doping Epo - der Topseller

Die Produktion von Epo-Präparaten übersteigt den tatsächlichen therapeutischen Bedarf um ein Vielfaches. Das ist nur ein Indiz für die weite Verbreitung des Dopings mit der Wunderdroge. Doch wie kamen die früheren Ärzte des T-Mobile-Teams an Epo? Eine Spurensuche.
Von Mirjam Fischer

"Pillenfreunde" seien die Freiburger Telekom-Teamärzte Andreas Schmid und Lothar Heinrich nicht gewesen. Gut aufgehoben habe er sich bei ihnen damals gefühlt, hat Radprofi Jörg Jaksche im SPIEGEL gesagt. Sie hätten nur das empfohlen, "was etwas bringt": Epo. Als besonders praktisch erwies sich, dass die Ärzte laut Jaksche das Epo gleich selbst besorgten und bisweilen per Kurier an die Fahrer verschickten. Wie und wo sich Schmid und Heinrich jedoch mit dem Mittel eindeckten, darüber schweigen die Mediziner bislang beharrlich. Zwar lässt sich das begehrte Dopingpräparat relativ problemlos im Internet besorgen, doch es geht offenbar noch leichter.

Spritze: "Was nach dem Verkauf geschieht, interessiert uns nicht"

Spritze: "Was nach dem Verkauf geschieht, interessiert uns nicht"

Foto: DPA

"Es ist ganz einfach", sagt Peter Steffe vom SWR, der eine Möglichkeit im Selbstversuch durchgeführt hat: "Man geht mit einem Privatrezept in die Apotheke, legt Bares auf den Tisch und geht mit Epo wieder raus". Auch im Fall der Freiburger Ärzte soll dieser Weg beschritten worden sein. Schmid und Heinrich sollen sich laut Jaksche ihre Epo-Lieferungen bar bezahlt haben lassen. Über eine involvierte Apotheke hätten die Mittel besorgt werden können.

Der Freiburger Oberstaatsanwalt Wolfgang Maier sagte SPIEGEL ONLINE dazu: "Es ist eine Apotheke beteiligt, welche weiß ich noch nicht." Und Jürgen Walter, der für die Grünen im Stuttgarter Landtag sitzt, will "von mehreren Apotheken in Süddeutschland" wissen, "gegen die ein Ermittlungsverfahren läuft", weil Epo im großen Stil verkauft worden sein soll. Einzelheiten überprüfe derzeit die Landesregierung.

Die Klinikapotheke des Uniklinikums Freiburg soll nicht in die Dopingbeschaffung verwickelt sein. Weder Hans Joachim Schäfer, der Vorsitzende der Freiburger Dopingkommission, die den Fall Schmid/Heinrich untersucht, noch Rudolf-Werner Dreier, Sprecher der Universität, wollten eine Verwicklung der Apotheke offiziell bestätigen.

Die Untersuchungen laufen weiter. "Die Rezepte der zurückliegenden drei bis fünf Jahre sind online dokumentiert", sagte Martin Sutter, stellvertretender Direktor der Freiburger Klinikapotheke, SPIEGEL ONLINE. Zumindest für diesen Zeitraum wurde nichts gefunden, was die Klinikapotheke belastet, die den exklusiven Versorgungsauftrag für das gesamte Uniklinikum hat. Alles, was weiter zurück liegt, landet im Archiv, Rezepte auf Mikrofilm sind im Rechenzentrum gelagert, dazu kommt Handschriftliches. "Und wir hoffen sehr, dass unsere Apotheke damit nichts zu tun hat", sagt Sutter: "Wir hoffen, es wird bald aufgeklärt, über wen was gelaufen ist."

Dass Epo-Produkte mittlerweile über diverse Kanäle zu bekommen sind, liegt laut Alessandro Donati an einer gezielten Überproduktion von Epo-Präparaten, die eigentlich für Nierenkranke bestimmt ist. Der renommierte italienische Sportwissenschaftler will heraus gefunden haben, dass die jährlich produzierte Menge an Epo den tatsächlichen therapeutischen Bedarf um das Fünf- bis Sechsfache übersteigt, wie er im Frühjahr 2007 der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) berichtete. In amerikanischen Online-Apotheken gehört das Epo-Präparat Epogen zu den zehn am häufigsten verkauften Medikamenten .

Nach Donatis Auswertungen dopen sich weltweit schätzungsweise 500.000 Menschen mit Epo. Einer der größten Produzenten ist der Schweizer Pharma-Konzern Roche, dessen deutsche Niederlassung 75 Kilometer südlich von Freiburg in Grenzach-Wyhlen residiert. Nach einer Veröffentlichung in der Zeitschrift "Chemical & Engineering News" erzielte die US-Firma Johnson & Johnson im Jahr 2004 mit ihren Epo-Präparaten einen Jahresumsatz von 3,6 Milliarden US-Dollar, US-Konkurrent Amgen 2,6 Milliarden Dollar und Roche 1,7 Milliarden Dollar.

Bei Roche fühlt man sich nicht für die missbräuchliche Verwendung der eigenen Produkte zuständig. "Wir verkaufen unser Epo wie jedes andere Medikament an den Großhandel - was danach passiert, interessiert uns nicht", sagt Roche-Kommunikationsdirektor Hans-Ulrich Jelitto. Aktuelle Zahlen zur Epo-Produktion will der Konzernsprecher nicht herausgeben.

Wer zu viel Epo in den Umlauf bringt, handelt in jedem Fall verantwortungslos. Die US-Arzneimittelzulassungsbehörde FDA kennzeichnet Epo-Packungen inzwischen deutlich mit dem Hinweis, dass die Nebenwirkungen tödlich sein können. Vor allem dann, wenn das Mittel ohne eine medizinische Indikation eingenommen wird.

Jelitto will damit nichts zu tun haben: "Das ist ein tolles Medikament", so der Roche-Sprecher, "wir sind nicht schuld am Epo-Missbrauch, also sind wir auch nicht verantwortlich."

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