Dopingexperte Sörgel "Doper sind heute viel vorsichtiger"

Schwere Vorwürfe an die Leichtathletik: Ein Drittel aller Medaillen in Ausdauerdisziplinen holten zuletzt Sportler mit verdächtigen Testergebnissen. Biomediziner Fritz Sörgel spricht über hemmungslose Doper und Pauschalurteile in Deutschland.

5000-Meter-Läufer: "Natürlich ist nicht jeder Top-Athlet gedopt"
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5000-Meter-Läufer: "Natürlich ist nicht jeder Top-Athlet gedopt"


Die Ergebnisse sind alarmierend: Journalisten von ARD und "Sunday Times" haben eine Liste mit 12.000 Bluttests von 5000 professionellen Leichtathleten aus den Jahren 2001 bis 2012 auswerten lassen. 1400 Tests von 800 verschiedenen Athleten haben Blutwerte aufgewiesen, "die sehr stark auf Doping hindeuten oder zumindest abnormal sind", so die Analyse.

Betroffen sind die Ausdauersportarten, angefangen beim 800-Meter-Lauf bis hin zum Marathon. Ein Drittel aller Leichtathletik-Medaillen, die bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften in diesen Disziplinen vergeben wurden, holten Sportler mit verdächtigen Testergebnissen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Sörgel, erst der Radsport, nun die Leichtathletik: Gibt es überhaupt noch sauberen Ausdauer-Spitzensport?

Sörgel: Natürlich, nicht jeder Top-Athlet ist gedopt. Ich hatte Zugang zu einem Teil der Liste mit den 12.000 Bluttests der Leichtathleten, die untersucht wurden. Und da waren viele Werte dabei, die komplett unverdächtig sind. Der Pauschalvorwurf, dass alle Spitzensportler dopen würden, ist falsch.

SPIEGEL ONLINE: Rund 1400 der Tests, also mehr als zehn Prozent, waren aber auffällig und legen Doping nahe. Waren Sie von diesen Werten überrascht?

Sörgel: Wenn man sich den Zeitraum anschaut, aus dem die Blutproben stammen (2001 bis 2012, Anm.d.Red.), kann man nicht wirklich überrascht sein. Bis etwa 2009 wurde Blutdoping relativ hemmungslos betrieben, weil die Athleten sich ziemlich sicher waren und auch sein konnten, nicht erwischt zu werden. Wenn man deren Blutbild von damals mit den heutigen Analyseverfahren untersucht und die Grenzwerte des Blutpasses als Grundlage nimmt, ergeben sich so viele Auffälligkeiten fast zwangsläufig.

SPIEGEL ONLINE: Wird heute weniger gedopt als noch vor fünf, sechs Jahren?

Sörgel: Lassen Sie es mich so sagen: Wer so etwas behauptet, ist ein Optimist.

Zur Person
  • DPA
    Fritz Sörgel, 64, ist studierter Biomediziner und Pharmakologe. Er leitet das Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg. Sörgel gilt als einer der führenden deutschen Dopingexperten.
SPIEGEL ONLINE: Womit dopt denn die aktuelle Athletengeneration?

Sörgel: Es ist eine Kombination verschiedener Substanzen, die schwer oder womöglich noch gar nicht nachweisbar sind. Die Top-Sportler haben auch die finanziellen Möglichkeiten dazu. Aber generell gilt: Die Doper sind heute viel vorsichtiger geworden.

SPIEGEL ONLINE: Von den auffälligen Bluttests stammen besonders viele von Athleten aus Russland und Kenia. Beide Länder stehen seit Jahren unter dem Verdacht, dass dort flächendeckend gedopt wird.

Sörgel: Deshalb ist das auch nicht sonderlich überraschend. Dass es in Kenia und zum Beispiel auch in Jamaika keine großen Tests der dortigen Nationalen Anti-Doping-Agenturen gibt, ist ja bekannt. Von daher kann man davon ausgehen, dass dort Doping im größeren Stil stattfindet.

SPIEGEL ONLINE: Sind auch Deutsche unter den 1400 Athleten, deren Test auffällig war?

Sörgel: Natürlich. Es ist illusorisch anzunehmen, in jedem Land der Welt werde gedopt, nur in Deutschland nicht. Die Intensität der Dopingdiskussion und das Misstrauen hierzulande überraschen mich aber immer wieder.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Sörgel: In Deutschland heißt es beim Thema Ausdauersport ständig: Ach, sowieso alle gedopt. So einen Generalverdacht hören Sie in kaum einem anderen westlichen Land.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht liegt das unter anderem Jan Ulrich, der erst ein großer deutscher Held war und tief gefallen ist.

Sörgel: Lance Armstrong war in den USA ein noch größerer Held, trotzdem ist die Dopingdiskussion dort bei Weitem nicht so ausgeprägt wir hier. Was seltsam ist, schließlich sind die amerikanischen Nationalsportarten wie Baseball und American Football geradezu dopingverseucht.

SPIEGEL ONLINE: Also sollten wir uns in Deutschland nicht zu sehr über Doping aufregen?

Sörgel: Mich stört der pauschale Vorwurf, es gäbe keinen sauberen Sport mehr. Daher würde ich mir weniger Generalkritik wünschen sondern mehr eine inhaltliche Debatte über konkrete Fälle.

Das Interview führte Birger Hamann

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insgesamt 39 Beiträge
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noalk 03.08.2015
1. Schade
Anita Wlodarczyk hat gerade den Hammerwurf-Weltrekord für Frauen auf 81,08 m verbessert. Der erste Wurf einer Frau über 80 m und dann gleich mal einen Meter weiter als nötig. Schade, dass - nicht nur bei mir - Zweifel aufkommen, ob das mit rechten Dingen zuging.
felidae1970 03.08.2015
2. Vor diesem Hintergrund.....
.....sind Großveranstaltungen wie Olypische Spiele oder Weltmeisterschaften schlichtweg ein Witz. Die Masse an Geld, die man für so eine mittlerweile aberwitzige Veranstaltung benötigt, könnte weitaus sinnvoller eingesetzt werden.
Zaunsfeld 03.08.2015
3.
Die Rechnung ist eigentlich ganz einfach: Man kann wohl davon ausgehen, dass Doping tatsächlich leistungssteigernd wirkt. Wenn es dann heute weniger Doping geben würde als früher, dann müssten zwangsläufig die durchschnittlich erzielten Leistungen und vor allem auch die Spitzenleistungen zurückgehen. Das tun sie aber nicht. Im Gegenteil. In den letzten Jahren wurden in immer kürzeren Abständen immer mehr immer neue Weltrekorde aufgestellt. Und wenn ein Zurückgehen des Dopings keinen Leistungsverlust zur Folge hätte, wozu hätte man dann überhaupt die ganze Zeit dopen sollen? Klar kann man das Training hier und da ein bisshen verbessern, aber das würde bei weitem nicht ausreichen, um diesen Effekt zu erklären. Und irgendwo sind dem menschlichen Körper nunmal auch natürliche Grenzen gesetzt. Die Tatsache, dass die erreichten sportlichen Leistungen heute noch genauso hoch und sogar höher liegen als in den vergangenen 20 Jahren zeigt mir, dass das Doping heute genauso in aller Breite weitergeht wie früher. Das gilt sowohl für den Radsport als auch Leichtathletik und die meisten anderen Ausdauersportarten. Und ich gehe auch fest davon aus, dass es im Fußball genauso gelebt wird.
eimer-gelbwurst 03.08.2015
4. Wieso
erlaubt man nicht offiziell Doping? Dann gewinnt halt immer der der das beste Dopingmittel hat. so läuft es bei der Tour de France inoffiziell ja auch.
parsimony 03.08.2015
5. Nach heutigem Kenntnisstand
sind also höchstwahrscheinich ein Drittel der Medaillengewinner überführte Dopingsünder. Da kann man natürlich kein Pauschalurteil abgeben sondern muss diese wenigen Einzelfälle debattieren. Dabei darf man natürlich nicht vergessen, dass die Dopingmethoden den Kontrollen voraus sind. Mit den Nachweistechniken, die es vielleicht in zehn Jahren gibt, kann man von den noch nicht überführten zwei Dritteln wohl auch noch den ein oder anderen "Dopingsünder" überführen. Mein sarkastischer Lösungsvorschlag ist schon seit einiger Zeit, dass es wie z.B. in der Formel 1, wo alle die gleichen Reifen fahren, so sein müsste, dass alle Athleten das gleiche Blut benutzen müssen.
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