Doping-Fall "Operation Aderlass" Blutauftauen im Waschbecken

Die Staatsanwaltschaft München hat Details des jüngsten Dopingskandals vorgestellt. Ärzte und Sportler gingen demnach äußerst leichtsinnig mit ihrer Gesundheit um. Und weitere Enthüllungen sind abzusehen.

Transfusionsbeutel
Zollfahndungsamt Muenchen

Transfusionsbeutel

Von , München


Dunkelrot, fast schwarz, schimmert das Blut der Spitzensportler. Abgefüllt in zwei Transfusionsbeuteln schwimmt es im Wasserbad eines Waschbeckens. Selten sehen Tatorte so banal aus. Am Rand der Porzellanschüssel steht eine elektrische Zahnbürste.

Es sind erstaunliche Bilder, die die Münchner Schwerpunktstaatsanwaltschaft zur Bekämpfung der Doping-Kriminalität bei einer Pressekonferenz am Mittwochmorgen präsentierte. Bei einer Razzia Ende Februar, die während der Nordischen Ski-WM in Österreich und zeitgleich in Thüringen stattfand, hatten die Ermittler Langläufer beim Eigenblutdoping auf frischer Tat ertappt. Fünf Sportler und zwei Tatbeteiligte wurden festgenommen. Einem österreichischen Athleten steckte die Nadel noch im Arm, als die Beamten des Bundeskriminalamts Wien das observierte Appartement im österreichischen Seefeld betraten. Auf einem der Fotos sieht man eine gelbe Couch, auf der Spritzen, Kompressionspflaster und ein offenbar frisch angezapfter Blutbeutel liegen.

Die "Operation Aderlass" ist der größte Schlag gegen Dopingsünder im Spitzensport, der deutschen Ermittlern in den vergangenen zehn Jahren gelungen ist. Entsprechend groß war der Andrang auf der Pressekonferenz und der Stolz des ermittelnden Münchner Oberstaatsanwalts Kai Gräber: "Wir haben eine spannende Geschichte mit vielen Wendungen, bei der die letzten Kapitel längst noch nicht geschrieben sind."

"Learning by doing"

Was bislang klar ist: 21 Athleten aus acht europäischen Ländern sollen mutmaßlich Eigenblut-Doping betrieben haben. Ob deutsche Sportler darunter sind, wollte Gräber aus ermittlungstaktischen Gründen nicht verraten. Die Verdächtigen "kommen aus fünf verschiedenen Sportarten, darunter sind drei Wintersportarten", sagte Gräber. Die Bluttransfusionen seien weltweit vorgenommen worden - unter anderem in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Finnland, aber auch in Südkorea und auf Hawaii.

Drahtzieher soll der Erfurter Sportmediziner Mark S. sein. Er sitzt seit drei Wochen in Untersuchungshaft und will, so hat sein Anwalt mitgeteilt, umfassend aussagen. Gräber teilte zudem mit, dass eine fünfte Person aus dem Doping-Netzwerk des Hauptbeschuldigten am Montag festgenommen wurde. Sie habe mutmaßlich Blutdoping transportiert und auch Blutabnahmen und Blutrückführungen bei Athleten vorgenommen - das Spritzensetzen habe sich der Mann "learning by doing" angeeignet.

Medizintechnisch waren die Doping-Organisatoren professionell ausgerüstet: 40 tiefgefrorene Blutbeutel konnten die Ermittler in einem "High Efficiency Freezer" beschlagnahmen. Er stand in einem Holzverschlag in einer Garage in Erfurt. Außerdem ein Gerät zur Sammlung von Blutkomponenten im Wert von 50.000 Euro.

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"Operation Aderlass": Bilder vom Tatort

Offenbar wähnten sich der Erfurter Sportmediziner Mark S. und seine Helfer in Sicherheit. Und das, obwohl der österreichische Ski-Langläufer Johannes Dürr im Januar in der ARD-Sendung "Die Gier nach Gold - Der Weg in die Dopingfalle" ausführlich Dopingpraktiken im modernen Leistungssport offengelegt hatte. Dürr war einer der Kunden von Mark S. und soll andere Sportler an den Erfurter Mediziner vermittelt haben.

Dass Dürr der Staatsanwaltschaft seinen Namen verraten würde, damit rechnete Mark S. sogar. Staatsanwalt Gräber erzählte auf der Pressekonferenz von einem überwachten Telefonat des Verdächtigen, in dem er Dürr seinem Gesprächspartner gegenüber als "Umfaller" bezeichnete, der ihn garantiert verpfeifen werde. Deswegen habe er alle belastenden Unterlagen geschreddert. Mit seinem Doping-Geschäft machte der Arzt aber munter weiter, buchte Appartements in Seefeld, machte Termine mit Athleten aus - während die Ermittler ihn längst observierten.

Oberstaatsanwalt Gräber zeigte sich am Mittwochvormittag nicht nur erstaunt über die Leichtsinnigkeit des Arztes. Er sagte, er sei vor allem fassungslos darüber, welches Gesundheitsrisiko die Spitzensportler offenbar bereit waren, auf sich zu nehmen. Manche Kunden von Mark S. ließen sich vor dem Abflug zum Wettkampfort einen Liter Blut zusätzlich in die Adern spritzen. Statt mit fünf Litern Blut im Körper saßen die Athleten mit sechs Litern im Flieger - und mussten Thrombosemedikamente nehmen, damit der unnormal große Druck im Blutkreislauf keinen Schaden anrichtet.

Bayerischer Justizminister verlangt "goldene Brücke" für Kronzeugen

Die Doping-Ärzte experimentierten offenbar auch mit Hämoglobin-Pulver. Das hatte allerdings unangenehme Nebenwirkungen. Einer der Probanden, berichtet Oberstaatsanwalt Gräber, rannte nach der Behandlung an die frische Luft und steckte seine Arme tief in den Schnee. Offenbar war sein Kreislauf heiß gelaufen.

Georg Eisenreich, der bayerische Staatsminister für Justiz, war auf der Pressekonferenz ebenfalls anwesend, weil die Bayerische Schwerpunktstaatsanwaltschaft zur Bekämpfung vom Doping-Kriminalität in diesem Monat ihr zehnjähriges Jubiläum feiert. Sie ist die einzige ihrer Art in Deutschland. Eisenreich nutzte den aktuellen Fall, um für eine Verschärfung der Anti-Doping-Gesetzgebung im Bund zu werben.

Bayern setzt sich schon lange für eine Kronzeugenregelung ein, die den Kampf gegen Sportbetrug noch effektiver machen könnte. Der CSU-Politiker verlangte, aussagewillige Sportler sollten "mit einer goldenen Brücke" zurück in die Legalität weitgehend von Strafverfolgung befreit werden können, wenn sie "den Ermittlern von irregulären Machenschaften berichten".

Die Nervosität im internationalen Spitzensport dürfte derzeit enorm hoch sein. Oberstaatsanwalt Gräber sagte: "Es ergeben sich täglich neue Ansatzpunkte für weitere Ermittlungen."

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NinaNina 20.03.2019
1. Nicht nur eine Schwerpunktstaatsanwaltschaft
Es ist richtig, dass Bayern die erste Schwerpunktstaatsanwaltschaft in Deutschland gegründet hat. Seit rund sechs Jahren besteht eine weitere in Freiburg (BaWü). Ein weiteres Bundesland denkt über die Einrichtung nach. Von einem Organ vom Kaliber des Spiegel erwarte ich sorgfältige Recherche.
zoon.politicon 20.03.2019
2. Bis 20% mehr Ausdauerleistung, die armen Konkurrenten
Wie im Artikel erwähnt, durch einen zusätzlichen Liter Blut statt 5 jetzt 6 Liter Blut im Körper zu haben, bedeutet, dass die Sauerstofftransportkapazität des Blutkreislaufs um 20% steigt! Mit 20% mehr Sauerstoff in der Ausdauermuskulatur hat der Athlet dann 20% mehr Ausdauerleistung! Wahnsinn! Dann kann ein Ski-Langläufer z.B., statt mit 400 Watt Leistung, mit 500 Watt den Berg hochrennen. Bergauf - wo weitere Faktoren, wie Luftwiderstand u.a. kaum eine Rolle spielen - müßte proportional dazu das Tempo fast bis um 20% steigen können. Da muß man mit den armen Konkurrenten, die nicht gedopt sind und vielleicht ihr Training in letzten Jahr verdoppelt haben, um vielleicht 3 % schneller zu sein, Mitleid haben.
stef_ma 20.03.2019
3. @zoon.politicon Nr. 2
Sind Sie sich sicher, dass die Sauerstofftransportkapazität direkt mit der Ausdauerleistung des Muskels korreliert? Und wenn ja dann müsste in ihrem Beispiel der Sportler doch eher nur die 400 Watt länger erbringen können oder? Eine Steigung der Leistung sehe ich dann nämlich nicht, allenfalls nur wenn man im Training dopt, denn dadurch würde sich der Muskel ja schneller aufbauen können. Im Wettkampf könnte man doch nur seine Leistung länger erbringen.
Meconopsis 20.03.2019
4. weg von dieser Leistungsgesellschaft
Hochmut kommt vor dem Fall. Vor kurzem dachten wir noch, das machen nur die bösen Russen. Sport wird sowieso immer langweiliger. Jedes Jahr dasselbe Gehampel und Gestrampel. Die Einschaltquoten bei Biathlon oder Leichtathletik waren schon mal viel besser, und man darf sich fragen, wie lange sich das die Zuschauer überhaupt noch antun wollen. Rekorde sind ohne Doping kaum noch zu knacken. Wofür betreibt man solchen Leistungssport dann überhaupt noch, warum subventioniert das der Staat ? Der Zauber, der diesen Sportarten mal innewohnte, ist weitgehend dahin. Überall stösst der leistungsorientierte Mensch an seine Grenzen. Wir brauchen einen grundlegenden Paradigmenwechsel, weg von dieser Leistungsgesellschaft. Sport als Zeitvertreib mit Freunden, um sich was Gutes zu tun, für seine Gesundheit. Den Leistungssport kann man von mir aus einstampfen, ich schaus mir schon seit längerem nicht mehr an.
zoon.politicon 20.03.2019
5.
Zitat von stef_maSind Sie sich sicher, dass die Sauerstofftransportkapazität direkt mit der Ausdauerleistung des Muskels korreliert? Und wenn ja dann müsste in ihrem Beispiel der Sportler doch eher nur die 400 Watt länger erbringen können oder? Eine Steigung der Leistung sehe ich dann nämlich nicht, allenfalls nur wenn man im Training dopt, denn dadurch würde sich der Muskel ja schneller aufbauen können. Im Wettkampf könnte man doch nur seine Leistung länger erbringen.
Als Sportmediziner darf ich Ihnen versichern, dass die Sauerstofftransportkapazität direkt mit der Ausdauerleistung der Muskulatur "korreliert" bzw. in einem fast linearen Zusammenhang steht: Entscheidend für die Ausdauerleistung ist nämlich, wieviel ATP (Adenosintriphosphat) die Muskelzellen durch Sauerstoff-Verbrauch in ihrer sogen. Atmungskette bilden können und das ATP stellt den Muskelfibrillen eben die Bewegungsenergie zur Verfügung und wird dabei in ADP (Adenosindiphosphat) umgewandelt. Ausdauermuskulatur zur Steigerung der Watt-Leistung - in meinem Beispiel mit mit 20% mehr Blut (genau gesagt: roten Blutkörperchen mit Hämoglobin) 500 Watt statt sonst 400 Watt - haben die austranierten Sportler genug bzw. müssen sie nicht erst nach Infusion der Blutkonserve aufbauen. Anschaulich wird das z.B. bei den plötzlichen Leistungssprüngen von Tour-de-France-Teilnehmern, die nach Leistungs-Tiefs am Ruhetag Eigenblut-Konserven bekamen. Bei Pantani fand man Haematokrit-Werte (gibt Anteil der roten Blutkörperchen wider) bis 60%, während Sie und ich gerade mal Werte von ca. 45% haben. Vielleicht erinnern Sie noch das Blutbank-System von Dr. Fuentes, bei dem man Eigenblut von u.a. Contador und leider auch Jan Ullrich fand (Ersterer durfte als Radprofi weiter machen, letzterer nicht). U.s.w..
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