Doping im Breitensport "Dann ging's ab über Nacht"

Schneller, höher, weiter: Das gilt auch für Hobbysportler. Inzwischen, so schätzen Experten, ist jeder fünfte Amateur-Athlet in Deutschland gedopt. Freizeitsportler diskutieren im Internet offen die Vorzüge von Testosteron, Epo und anderen Präparaten.

Von Jörg Schallenberg


"Mollekus" hat ein Problem - und nicht nur mit der Rechtschreibung: " Ich bin fussballer, das heißt, ich hab 3 mal die woche training und am wochenende ein spiel und mach natürlich auch bodybuilding. wenn ich jetzt eine dianabol kur machen würde, würde ich dadurch eine schlechter kondition haben?"

Doping-Pillen: Große Nachfrage auch bei Freizeitsportlern
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Doping-Pillen: Große Nachfrage auch bei Freizeitsportlern

"Mollekus" ist das Pseudonym eines unbekannten Freizeitsportlers aus Deutschland, der im Internet-Forum einer populären Bodybuilding-Homepage Hilfe sucht bei einer Frage, die anscheinend viele Hobby-Athleten umtreibt: Wie dope ich mich am besten? Auf eine Antwort musste der fußballernde Bodybuilder bei seiner nächtlichen Anfrage am 5. Juli übrigens nicht lange warten. Schon eine halbe Stunde später beschied ihm "Horowitz": "Auf DBol wird Dir das Laufen schwerfallen, weil sich die Muskeln so dramatisch aufpumpen. Das ist kein geeignetes Steroid für Fußballer."

Dialoge wie diesen findet man in einschlägigen Internet-Foren reichlich - wobei es sich keinesfalls um sorgsam verdunkelte und angeschmuddelte Chatrooms handelt, sondern um offen zugängliche Seiten, die man nach Eingabe entsprechender Stichwörter schnell über die üblichen Suchmaschinen findet.

Doping, so scheint es, ist keinesfalls ein Problem von Spitzenathleten wie Floyd Landis oder Justin Gatlin, die um weltweiten Ruhm und Millionengagen kämpfen - sondern ein ganz alltägliches Thema für nicht gerade wenige Freizeitsportler in verschiedenen Disziplinen. Der bekannte Sportmediziner Wilfried Kindermann von der Universität Saarbrücken schätzte Anfang dieses Jahres im Hinblick auf verschiedene Studien: "Etwa jeder fünfte Breitensportler ist gedopt."

Der Blick ins Netz scheint Kindermann zu bestätigen. In der ohnehin als völlig steroidverseucht geltenden Bodybuilderszene wird ganz offen darüber diskutiert, welche Mittelchen was bewirken und, ganz wichtig, wo man sie zu welchem Preis bekommt.

Doch auch beim Radsport beispielsweise reicht das normale Training manch ambitioniertem Amateur schon lange nicht mehr aus. Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" druckte gerade unkommentiert den Erfahrungsaustausch zweier Radler ab, die diverse Stoffe in allen Details durchdeklinieren - auch im Hinblick auf mögliche Kontrollen.

Ein Auszug: "Ich würde eher das testo höher dosieren und solche Scherze wie Winnis oder Turinabol etc. weglassen. Wenn Du NICHT getestet wirst, wären 100-150mg Deca e5d dazu eine Alternative. Kann man auch in einer Spritze mit dem Testo aufziehen. Wenn Du getestet wirst, BLOSS NICHT machen." Testo steht dabei natürlich für Testosteron, Winnis für das anabole Steroid Winstrol und so geht es seitenweise weiter quer durch die Apotheke.

Zwar sind die Tipps, die von der "FAS" abgedruckt worden, bereits über ein halbes Jahr alt, doch wenn man sich weiter durch die Seite und ihre diversen Foren klickt, befällt einen das kalte Grausen. Der Fall Landis wird so zynisch wie fachmännisch kommentiert. Nutzer "Danv7" meint: "Landis hat niemals ein Pflaster benutzt in meinen Augen. Die haben ihm Abends schön ne 1a Suspension gesetzt und dann gings ab über Nacht." Und "Erdbeerherrscher" ist entsetzt - über die Dummheit des Tour-Siegers: "Der wurde wegen Testo Epitesto Verhältnis gef... Ehm, das Epitesto wär doch auch erhältlich (...)"

Erhältlich ist so gut wie alles problemlos "beim dealer deines vertrauens, aus dem ausland, oder von einem doc der dir ein privat rezept verschreibt ansonsten bleiben dealer aus dem net", wie "oemi" in einem anderen Forum zum Thema Clenbuterol schreibt. Gelegentlich gibt es sogar Hinweise, wie man seinen Arzt überzeugen kann, bestimmte Medikamente zu verschreiben.

Es geht allerdings auch einfacher. Fachliteratur zum Thema Doping wie "Anabole Steroide - das schwarze Buch" wird auf ebay ebenso angepriesen wie Tausende von teils äußerst dubiosen Präparaten zur Leistungssteigerung. Was in Deutschland nicht erlaubt ist, findet sich garantiert auf ebay-Seiten in anderen Ländern.

Und an der Nachfrage mangelt es nicht. Laut einer Studie des niedersächsischen Innenministeriums und des Bundesinstituts für Sportwissenschaft aus dem Jahr 2002 werden in Deutschland jährlich etwa 100 Millionen Euro für illegale Dopingmittel ausgegeben.

Besonders beliebt bei Freizeitsportlern ist laut Sportmediziner Wilfried Kindermann das - laut A-Probe - auch von Floyd Landis genutzte Testosteron. Sorgen bereitet Experten aber auch der bedenkenlose Griff zu legalen Medikamenten, um die private Höchstleistung zu erreichen.

Bedenken wegen der eigenen Gesundheit oder gar Unrechtsbewusstsein scheinen bei vielen Amateurathleten immer mehr abzunehmen. Anfragen von Radsportlern, wie man die "Form aus gegebenem Anlass illegal verbessern" kann, werden im Netz mit aller Selbstverständlichkeit beantwortet.

Wenn nicht, dann fehlt manchem Besucher mittlerweile der fachkundige Rat. Auf der seriösen Seite rennrad-news.de fragte kürzlich der Nutzer "Johnny Babetto": "Ich finde, in diesem Forum fehlt die Rubrik über Steroide, Medikamente und Kuren allgemein. Warum wird über dieses Thema hier nicht offen gesprochen? Stoff gehört doch zum Rennradfahren wie Wassertrinken und Bananenessen."



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