Doping im Radsport "Die Tour ist eine radelnde Satire"

Doping-Fachmann Werner Franke hält die Tour de France immer noch für verseucht. Aufklärung über die Dopingpraktiken im Radsport erhofft er sich von den Ermittlungen gegen Ex-Champion Lance Armstrong. Der deutsche Dopingsünder Stefan Schumacher will künftig Vorbild sein.

Frühere Teamgefährten Landis (l.), Armstrong: US-Postal im Dopingsumpf?
AFP

Frühere Teamgefährten Landis (l.), Armstrong: US-Postal im Dopingsumpf?


Hamburg - Anti-Doping-Experte Werner Franke glaubt nicht an eine saubere Tour de France. "Die Tour ist eine radelnde Satire. Die erzählen schon seit Jahren, dass die Tour sauber ist. Das ist ein Witz. Die Kontrollen sind so genormt, dass gar keiner erwischt werden kann", sagte Franke. Dass die Dopingtests während der 97. Frankreich-Rundfahrt bisher allesamt negativ waren, überzeugt den Molekularbiologen nicht. "Die Kontrollen stehen doch wieder unter dem Einfluss des Radweltverbands UCI", so Franke, der die Glaubwürdigkeit der UCI als "nicht existent" bezeichnete. Die Tour sei nach wie vor "verseucht".

Es gebe eine klare Rückentwicklung im Kampf gegen Doping. "Es werden nicht die entsprechenden Kontrollen gemacht, auch nicht an den Grenzen", bemängelt der 70-Jährige. Franke blickt gespannt auf die USA und die Doping-Ermittlungen gegen den siebenfachen Tour-Gewinner Lance Armstrong und weitere Mitglieder des früheren US-Postal-Teams. "Wenn Greg LeMond und die anderen Zeugen das alles vor der Grand Jury sagen, dann muss es ein Verfahren geben", so Franke.

Der frühere Toursieger LeMond hatte jüngst Armstrong und die UCI harsch kritisiert und von mafiösen Verhältnissen gesprochen. Auch der des Dopings überführte Zeitfahr-Olympiasieger von 2004, Tyler Hamilton, ist bereit, vor den US-Behörden auszusagen. Das hat der US-Amerikaner am Donnerstag noch einmal über seinen Anwalt bestätigt.

Armstrong nimmt sich Staranwalt

Armstrong hat derweil den US-amerikanischen Staranwalt Bryan D. Daly angeheuert. Das berichtet die Zeitung "New York Daily News". "Wir werden genau schauen, wie und ob diese Untersuchungen Lance Armstrong betreffen", sagte der Anwalt aus Los Angeles. Armstrongs ehemaliger Teamkollege Floyd Landis hatte mit seinem Geständnis den Fall ins Rollen gebracht. Der Amerikaner hatte Mitte Mai ausgesagt, dass Armstrong und Teamchef Johan Bruyneel ein Dopingsystem betrieben hätten.

Landis selbst hat sich mit seinen Doping-Anschuldigungen gegen Armstrong in seiner Heimat offenbar keine Freunde gemacht. So wurde dem 34-Jährigen bei einem Radrennen in Oregon untersagt, mit Sponsorenlogos auf dem Trikot zu starten.

Er bereue sein Geständnis nicht, sagte Landis. "Ich habe getan, was richtig war. Ich hoffe, dass die Leute die Wahrheit wissen wollen, obwohl das nicht mein Hauptmotiv war."

Reumütig gibt sich auch ein deutscher Dopingsünder. Der frühere Gerolsteiner-Profi Stefan Schumacher will zwei Jahre nach seinem Dopingskandal bei der Tour de France in den Radsport zurückkehren. "Dass die Ankündigung meines Comebacks nicht nur positive Reaktionen hervorrufen wird, ist mir bewusst. Das Vertrauen ist aufgebraucht. Umso mehr werde ich mich bemühen, in den kommenden Monaten durch Transparenz und Offenheit dieses verlorengegangene Vertrauen und die Sympathien zurückzugewinnen", sagte der 29-Jährige.

Schumacher will alle Werte veröffentlichen

Zukünftig könnten alle Trainingsfahrten, Berge, Blutwerte und andere Kontrollergebnisse auf seiner Internetseite eingesehen werden, erklärte Schumacher, der außerdem freiwillige Kontrollen durch unabhängige Institute durchführen lassen will. Der frühere WM-Dritte hatte in der vergangen Woche wegen seines bevorstehenden Comebacks auch ein persönliches Gespräch mit UCI-Präsident Pat McQuaid geführt.

Schumacher war in Nachkontrollen zur Tour de France 2008 positiv auf den Epo-Nachfolger Cera getestet worden. Bei der Tour hatte der frühere WM-Dritte beide Zeitfahren gewonnen. Wenig später ergaben auch nachträgliche Analysen der Proben von den Olympischen Spielen in Peking positive Ergebnisse. Am 27. August 2010 läuft die Sperre aus. Schumacher verhandelt nach eigenen Aussagen derzeit mit mehreren Teams, sowohl aus der ProTour als auch aus der zweiten Klasse.

aha/dpa/sid

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