Straffreiheit für Dopingärzte Zum Verzweifeln

Die Freiburger Staatsanwaltschaft verzichtet auf eine Anklage gegen zwei frühere Mannschaftsärzte des Teams Telekom - obwohl Indizien dafür sprechen, dass die Mediziner gedopt haben. Die Ermittler scheiterten an der Verschwiegenheit der Radsportszene und kapitulierten vor der Gesetzeslage.
Mediziner Schmid (l.), Heinrich: "Fortbestehender allgemeiner Verdacht"

Mediziner Schmid (l.), Heinrich: "Fortbestehender allgemeiner Verdacht"

Foto: REUTERS

Oberstaatsanwalt Christoph Frank aus dem Örtchen Buchenbach im Südschwarzwald hat eine Bilderbuchkarriere in der baden-württembergischen Justiz gemacht. Der 60-jährige Beamte, seit 2007 auch Vorsitzender des Deutschen Richterbundes, ist bei der Freiburger Staatsanwaltschaft Chefermittler für organisierte Kriminalität und Betäubungsmittel - und seit April Leiter der Schwerpunktstaatsanwaltschaft Doping. Man sagt ihm nach, er sei ein sehr gewissenhafter Mann.

Seit Mai 2007 ermittelte Frank in einem der spektakulärsten Fälle des deutschen Spitzensports: dem Verdacht auf systematisches Doping deutscher Radsporthelden an der Freiburger Uniklinik und der Verstrickung zweier prominenter Ärzte in die Machenschaften, Andreas Schmid, 50, und Lothar Heinrich, 46. Beide Sportmediziner waren jahrelang Mannschaftsärzte des Teams Telekom, des späteren Teams T-Mobile. Belastendes Material gegen die beiden Doktoren bekam Oberstaatsanwalt Frank von allen Seiten.

Das Bundeskriminalamt vernahm zahlreiche frühere Telekom-Radler; die Ermittler hoben eine Apotheke im Umland von Freiburg aus, die das Dopingmittel Epo und verschleiernde Medikamente an die Uniklinik geliefert haben soll; es fanden sich Belege für übelsten Pfusch in den Räumen der Uniklinik bei Manipulationen mit Eigenblut. Zudem lieferten zwei Untersuchungskommissionen im Auftrag der Universität umfassende Berichte über die Geschichte der Dopingforschung und der Anwendung unerlaubter Medikamente an der Freiburger Uniklinik. Auch in diesen Dossiers kamen die Mediziner Schmid und Heinrich schlecht weg.

"Kein hinreichender Verdacht konkreter Verstöße"

Dennoch stellte Oberstaatsanwalt Frank das Ermittlungsverfahren gegen Schmid und Heinrich am 17. Juli ein. Die Öffentlichkeit erfuhr vom überraschenden Ende des Verfahrens erst durch eine Meldung in der neuesten Ausgabe des SPIEGEL. Dabei hatte die Freiburger Staatsanwaltschaft immer wieder betont, ihre Entscheidung bekanntmachen zu wollen. Die Entscheidung ist offenbar auch für den gewissenhaften Herrn Frank nicht ganz so leicht zu vermitteln.

Diesen Eindruck bekommt man, wenn man die 21 Seiten umfassende Verfügung liest, in der der Oberstaatsanwalt seinen Entschluss begründet. Einerseits sieht Frank einen "fortbestehenden allgemeinen Verdacht", dass die beschuldigten Ärzte gedopt hätten. Andererseits heißt es in dem Dokument, dass sich kein "hinreichender Verdacht konkreter Verstöße gegen Strafbestimmungen" ergeben habe. Teilweise seien die Vorwürfe verjährt, auch hätten die Radprofis ihre Zustimmung zum Dopen gegeben und seien nicht geschädigt worden, teilweise hätten genaue Tatzeiten und Tatorte nicht ermittelt werden können.

Eines der größten Probleme der Ermittler war offenbar das Schweigen der Radsportszene. Wenn frühere Telekom-Profis bei ihren Vernehmungen Doping zugaben, dann allerhöchstens im Plusquamperfekt - einem Zeitraum, der länger als fünf Jahre zurück lag und damit straffrei ist: verjährt. "Ein Geständnis war nicht gerade der Prototyp von Einlassungen gegenüber der Staatsanwaltschaft", sagt ein mit den Ermittlungen vertrauter Rechtsanwalt.

Ausgangspunkt für das Ermittlungsverfahren war eine Anzeige, nachdem der SPIEGEL in der Titelgeschichte "Dickes Blut" (18/2007) über das umfassende Dopingsystem im Team Telekom berichtet hatte. Nach anfänglichem Leugnen hatten Heinrich und Schmid zugegeben, das Dopingmittel Epo verabreicht zu haben - ohne es jemals selbst den Radfahrern injiziert zu haben. Später schoben sie die Erklärung nach, ihre Geständnisse würden sich nur auf die neunziger Jahre beziehen. Ein juristischer Schachzug, denn alle Sachverhalte vor dem Mai 2002 waren bereits verjährt.

Verjährungsfrist für Ermittler kaum zu überwindende Hürde

Für die Ermittler ist die Verjährungsfrist eine kaum zu überspringende Hürde. Doping ist meist eine Verschwörung unter Trainern, Ärzten und Athleten, die weit über das Karriereende hinausreicht. Wer gegen diese Schweigepflicht, die Omertà, verstößt, wird in der Szene verachtet und hat dort kaum noch Berufschancen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, ist folglich kaum jemand bereit, sein Dopingwissen preiszugeben. Die westdeutschen Dopingärzte dürfen sich deshalb sicherer fühlen als etwa ihre Kollegen aus der ehemaligen DDR nach der Vereinigung.

Nach der Wende hatte die Bundesrepublik die Verjährungsfrist eigens verlängert, weil die DDR einige Delikte aus Gründen der Staatsraison ausdrücklich hatte geheimhalten wollen. Darunter fiel auch das staatlich organisierte Doping der Spitzenathleten. Da aber nach der Wende die Verjährung gestreckt worden war, konnten mehrere Mediziner noch einige Jahre nach dem Mauerfall verurteilt werden - darunter waren auch Haftstrafen gegen die Schwimmärzte Lothar Kipke (15 Monate Freiheitsstrafe auf Bewähung) und Horst Tausch (10 Monate).

"Tatsächliche Anhaltspunkte" für Epo-Versorgung von Jan Ullrich

Aber der Freiburger Oberstaatsanwalt Frank fand auch genügend Hinweise für Dopingdelikte in Freiburg nach dem Mai 2002. So gab es "tatsächliche Anhaltspunkte", schreibt Frank, dass die beiden Beschuldigten Schmid und Heinrich die Radfahrer Jan Ullrich, Steffen Wesemann, Rolf Aldag, Erik Zabel, Udo Bölts und Jens Heppner mit Epo versorgt hätten. Die meisten Athleten haben die Epo-Einnahme inzwischen zugegeben, andere wie Ullrich halten sich bis heute bedeckt.

"Nachweisbar", so Frank, seien zudem die Blutdopingbehandlungen bei Patrik Sinkewitz, Andreas Klöden und Matthias Kessler. Zudem habe der ehemalige Radprofi Christian Werner angegeben, Wachsturmshormon und Kortison zu Dopingzwecken bekommen zu haben. In "seinem überzeugenden Gutachten", schreibt Frank, sei der Hamburger Sportmediziner Klaus-Michael Braumann anhand der Untersuchungswerte der Sportler zu dem Ergebnis gekommen, dass "bei vielen untersuchten Personen zumindest zeitweilig Manipulationen des Blutes durchgeführt worden sein dürften".

Aber auch diese Indizien reichten Frank für eine Anklage nicht aus. Es seien keine "hinreichend sicheren Erkentnisse" gewonnen worden, so Frank, die eine "Beschreibung nach Tatzeit, Tatort und näheren Umständen" ermöglichen würden. Wie denn auch? Dopingtaten werden in der Regel eben nicht detailliert dokumentiert wie die Behandlungen im normalen medizinischen Alltag. So fanden die Ermittler zwei auffällige Personen in den beschlagnahmten Unterlagen der Universität Freiburg: "Ullrich Maier, geboren 02.12.1937 und Alexander Maier, geboren 02.07.1943".

In den USA landeten Dopingärzte im Gefängnis

Der Verdacht läge nahe, so Staatsanwalt Frank, "dass sich diese Blutanalysen, die eine Manipulation durch Epo oder Blutdoping als wahrscheinlich nahelegen, auf Proben der Radrennfahrer Jan Ullrich, geboren am 02.12.1973 und Alexander Winokurow, geboren am 16.09.1973 beziehen". Aber auch das langte Frank nicht als Grundlage für eine Anklage. Andere Länder sind da nicht so zimperlich.

In Kanada verlor Jamie Astaphan, der die Dopingmittel für den Sprinter Ben Johnson besorgt hatte, seine Approbation. Auch in den USA landeten Dopingärzte im Gefängnis - wie Walter Jekot, der unter anderem Filmgrößen wie David Hasselhoff mit Muskelmachern beliefert hatte. In Deutschland kamen die Mediziner glimpflicher davon. Drei Ärzte aus der DDR erhielten Haftstrafen zwischen zehn und 18 Monaten auf Bewährung. Sechs weitere Mediziner bekamen Geldstrafen zwischen 7200 und 45.000 Mark.

In Hamburg akzeptierte vor vier Jahren der Sportmediziner Til Steinmeier einen Strafbefehl über 39.000 Euro, weil er einen Radfahrer mit Epo gedopt haben soll. Dennoch bestreitet Steinmeier nach wie vor die Vorwürfe. In Freiburg aber reichte eine Blutpanscherei von Schmid nicht einmal für eine Anklage. Der Staatsanwalt hält es für belegt, dass die drei Radfahrer Sinkewitz, Kessler und Klöden im Juli 2006 während der Tour de France aus dem Mannschaftsquartier von T-Mobile in der Nähe von Straßburg nach Freiburg gefahren sind, um eine Transfusion von dort zuvor deponiertem Blut vornehmen zu lassen. Dabei sei gegen wesentliche Sicherheitsmaßnahmen bei Transfusionen verstoßen worden.

Scheu vor einer Anklage

Der Sachverständige Reinhold Eckstein, Abteilungsleiter im Universitätsklinikum Erlangen und heute Altpräsident der Deutschen Gesellschaft für Transfusionsmedizin, sei in seinem "überzeugenden Gutachten" zu dem Ergebnis gekommen, "dass die vorgeschriebene Identitätssicherung systematisch hintertrieben worden ist, um wahre Identitäten zu verschleiern". Zudem hätte es niemals zur Transfusion bei Sinkewitz kommen dürfen, weil das Blut verklumpt sei: "Lediglich glücklichen Umständen sei es zu verdanken, dass Sinkewitz keine gesundheitlichen Schädigungen erlitten habe."

Strafrechtlich relevant, so Frank, sei dies aber nicht. Niemand habe einen körperlichen Schaden davongetragen, schließlich habe sogar Sinkewitz anschließend weiter an der Tour de France teilnehmen können. Zudem habe der Sportler die "Einwilligung" für die Bluttransfusion erteilt. Auch diese Argumentation ist sehr umstritten. Denn ein medizinischer Eingriff ohne therapeutischen Nutzen kann stets strafrechtlich relevant sein, weil kein Arzt genau wissen kann, wie die Behandlung tatsächlich wirkt. Außerdem ist zweifelhaft, ob Sinkewitz hinreichend darüber aufgeklärt wurde, was passieren kann, wenn zum Teil geronnenes Blut in die Venen fließt.

Klar ist so viel: Frank wollte die beiden Mediziner nicht anklagen, weil er die Wahrscheinlichkeit für nicht groß genug erachtete, dass "ein mit der Sache befasstes Gericht in einer Hauptverhandlung die sichere Überzeugung von einer Täterschaft der Beschuldigten gewinnen" werde. Dass Staatsanwälte solche Entscheidungen treffen, ist durchaus nicht ungewöhnlich. Gerade in Fällen mit hohem Öffentlichkeitsinteresse trauen sich die Ermittler oft nur mit wasserdichten Anklagen vor Gericht.

Zu lange auf "Selbstheilungskräfte des Sports" vertraut

Dass aber ausgerechnet Frank in diesem Fall trotz gewichtiger Anhaltspunkte keine Anklage schreiben mochte, ist ungewöhnlich. Im vergangenen Jahr hatte der Vorsitzende des Deutschen Richterbundes in einem Gastbeitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" noch die hohe Bedeutung der Richterentscheidung hervorgehoben: "Die Hauptverhandlung ist der alleinige Ort der Wahrheitsfindung und der endgültigen Überzeugungsbildung."

Nur Schmid kam nicht ganz ungeschoren davon. Wegen der Dopingvergabe an den Radfahrer Werner erhielt er in einem gesonderten Verfahren einen Strafbefehl über 90 Tagessätze.

Mit der Einstellung der übrigen Verfahrenspunkte wird nun auch die Debatte über ein neues Anti-Doping-Gesetz neu entfacht werden. In seinem Gesetzeskommentar über das Arzneimittelgesetz klagte bereits 2007 Harald Hans Körner, ein früherer Oberstaatsanwalt aus Frankfurt, über die schlechte Gesetzesgrundlage im Kampf gegen den "dopingkranken Sport". Er forderte "eine umfassende Reform".

Zu lange habe der Staat auf die "Selbstheilungskräfte des Sports" vertraut - und damit auf "eine wirksame Strafverfolgung von Dopingdealern und Dopingdrahtziehern" verzichtet. Aber die Sportlobby wehrte sich bisher erfolgreich gegen strengere Vorschriften. Mitte Juli hat die bayerische Justizministerin Beate Merk (CSU) einen neuen Anlauf unternommen, das Strafrecht zu verschärfen. Anlass waren Erfahrungen der Schwerpunktstaatsanwaltschaft Doping in München, die sich über die schwachen rechtlichen Instrumente beklagt hatte. In der Vergangenheit war Merk mit ihrer harten Linie häufig auf Widerstände in Politik und Sport gestoßen. Nun aber will die CSU-Frau versuchen, weitere Unterstützung zu bekommen. "Ich werde jede Möglichkeit einer Annäherung nutzen, die Erfolgsaussicht hat", sagt sie.

Motiviert hat Merk auch ihr Besuch bei den Olympischen Spielen in London, wo sie mit Verbandsvertretern und Sportlern gesprochen hat. "Ich war überrascht über Aussagen von Leichtathleten, die mich dringend gebeten haben, am Ball zu bleiben", sagt Beate Merk. Sie wolle nun dafür kämpfen, "dass man bessere Ansatzpunkte für eine Strafbarkeit hat, weil die Sportler mit dieser Ungerechtigkeit nicht leben können."

Schmid und Heinrich müssen nun nur noch Werner Franke fürchten. Der Molekurlarbiologe aus Heidelberg hatte vor über fünf Jahren gegen die Freiburger Ärzte Anzeige erstattet, obwohl er sich angesichts der "herrschenden Kumpanei zwischen Justiz und Sportmedizin in Freiburg" nicht viel erwartet hatte, wie er sagt. Von der Begründung der Einstellung ist der Anti-Doping-Fachmann dennoch überrascht, weil "hier die subjektive Sicht eines Staatsanwalts Aufklärung verhindert". Franke will nun gegen die Einstellung des Verfahrens Beschwerde bei der Generalstaatsanwaltschaft in Karlsruhe einlegen.

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