Doping in der DDR "Einige haben probiert, sich den Arm zu brechen"

28 Jahre nach Ende der DDR kämpfen viele ehemalige Sportler immer noch gegen die Nachwirkungen des Dopings - und für ihr Recht. Und immer noch haben viele Angst, gegen die damaligen Trainer und Ärzte auszusagen.
Foto: Patrick Seeger/ picture alliance / Patrick Seeger/dpa

Man darf Susann Scheller als eine erfolgreiche Sportlerin bezeichnen. Sie war schon als Teenager eine der Besten in der Rhythmischen Sportgymnastik der DDR, sie hat erreicht, wovon viele andere träumen.

Es ist eine Erfahrung, von der Susann Scheller sich wünscht, dass sie sie nie gemacht hätte.

Wenn sie von den Details der damaligen Trainingsmethoden erzählt, dann sind das wahre Horrorgeschichten. Der Dopingopfer-Hilfeverein DOH hat Scheller und die Presse eingeladen, um der Öffentlichkeit ein paar Einblicke zu geben, wie es in dieser Sportart in der DDR zuging. Scheller, die damals noch Wegner hieß, kam mit neun Jahren nach Halle ins Leistungszentrum, später nach Leipzig, "ab da war jede Minute für uns vorbestimmt, was wir essen, wann wir schlafen, wann wir aufstehen, was wir tun".

Blutwäsche, Spritzen, UV-Bestrahlungen

Die Kinder trainieren bis zu 40 Stunden in der Woche mit vier Trainingseinheiten am Tag, erzählt Scheller. Das Training ist hart, aber das ist nicht das Schlimmste. Die jungen Sportlerinnen bekommen Tabletten verabreicht, "viele, die wir nicht identifizieren konnten", Scheller wird, so erzählt sie, wiederholt an die Blutwäsche gehängt, es gibt Spritzen und UV-Bestrahlungen, selbst Epo, das erst viel später als Dopingmethode in Mode kam, sei angeblich schon ein Thema gewesen. Wobei hier Zweifel erlaubt sind, da Epo eigentlich erst ab 1989 auf den Dopingmarkt kam.

Es gibt nur Training, Training, Training, keine Möglichkeit, dem zu entrinnen. Das heißt, eine Möglichkeit gibt es: "Wir haben alles mögliche versucht, uns selbst zu verletzen, um einmal ausruhen zu können." Scheller erzählt, wie sie versuchten, "uns selbst mit Plastikflaschen die Gelenke auszukugeln, einige haben probiert, sich den Arm zu brechen".

Als sie 16 ist, bekommt Susann Scheller heftige Herzrhythmusstörungen, der Herzmuskel hat sich entzündet, sie kennt bis heute nicht die genaue Ursache dafür. Klar ist damals selbst den DDR-Ärzten: Die Karriere kann sie nicht fortsetzen. 1988 ist ihre Laufbahn als Leistungssportlerin vorbei.

Vom DOSB kam keine Antwort

Das ist fast 30 Jahre her, aber unter den gesundheitlichen Folgen, davon ist sie überzeugt, leidet Susann Scheller bis heute. Sie hat ihre damalige Trainerin in Leipzig angeschrieben und um Hilfe gebeten, ob sie mehr wisse über die Medikamente, die Scheller damals schlucken musste. Als keine Antwort kam, hat sie den Deutschen Turnerbund und den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) eingeschaltet. Der DTB vermittelte sie an eine Ombudsfrau, vom DOSB kam keine Reaktion.

Ines Geipel, die Vorsitzende des Dopingopfer-Hilfevereins, kennt diese Geschichten, "täglich kommen frühere Sportlerinnen zu uns in die Beratungsstelle", sagt sie. Und sie kennt auch die Geschichten von Trainern, die ihre jungen Athletinnen mit dem Kopf gegen die Wand der Turnhallen geknallt haben, wenn sie unzufrieden mit ihnen waren, "wir stellen immer wieder den Hang zum Sadismus fest, der bei Trainern da war". Doping und Missbrauch sind Geschwister.

Geipel kämpft seit Jahrzehnten für die Dopingopfer und gegen die Doper, und den Frust, wie wenig es vorangeht, kann auch sie nicht verbergen. Sie diagnostiziert eine "Blockadehaltung bei vielen Ärzten", dazu "ein absolutes Informationsdefizit gerade im Osten". Es habe auch von den Ost-Medien, die fast komplett ausgefallen sind, keine Aufklärung gegeben. Wenn der DOH heute Infoveranstaltungen an den Orten der früheren DDR-Leistungszentren macht, werden die dort auftretenden Opfer häufig beschimpft, "fast immer wird deren Legitimation in Zweifel gezogen", es gebe "leider keinen Mentalitätsbruch im Osten", beklagt sie: "Wie oft bekommen wir zu hören: Ihr wollt doch nur unsere schöne DDR kaputtmachen".

Viele wussten nichts über die Schäden

Erst langsam trauen sich Betroffene an die Öffentlichkeit, "einige von denen sind körperlich so beschädigt, dass sie gar nicht mehr aus dem Haus kommen", jahrelang wussten viele gar nicht, was mit ihnen gesundheitlich los ist und dass dies mit dem Doping zu tun hatte - "kein Wunder, wenn man bedenkt, wie konspirativ das gehandhabt wurde". Und die Angst auszusagen, sie sei immer noch greifbar, selbst 28 Jahre nach Ende des SED-Regimes. Im thüringischen Suhl habe eine frühere Sportlerin vor ihr gesessen und gesagt: "Wenn man hier wüsste, dass ich jetzt hier bei Ihnen sitzen würde, würde ich glatt erschossen."

Manfred Höppner, der das Staatsdoping in der DDR verantwortlich organisierte, hat in dem Gerichtsprozess gegen ihn ausgesagt: "Es gab in der DDR nur zwei Sportarten, in denen Doping keine Rolle spielte: Segeln und Rhythmische Sportgymnastik."

Susann Scheller weiß es besser.

Anmerkung der Redaktion: Der ursprüngliche Text wurde noch um eine Anmerkung zum Thema Epo ergänzt.
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