Doping in Freiburg Darum streiten Uni und Aufklärer

Die Aufklärung der Dopingvergangenheit an der Universität Freiburg steht vor dem Ende - oder nicht? Die Untersuchungskommission und Rektor Schiewer streiten sich um den Abschlusstermin. Auch, weil neue Beweise aufgetaucht sind.

Sportmedizin Freiburg: Systematisches Doping
AP

Sportmedizin Freiburg: Systematisches Doping


Hamburg - Zumindest in einem sind sich alle einig: Von der Dopingvergangenheit der Universität Freiburg ist lange nicht alles bekannt, in den Aktenbergen aus den vergangenen 40 Jahren schlummert so manches brisante Detail. Über den Umgang damit gibt es allerdings ziemlich unterschiedliche Auffassungen. Die einen - die Untersuchungskommission um die Kriminalistin Letizia Paoli - möchten, dass alles ans Licht kommt; die anderen - allen voran Unirektor Hans-Jochen Schiewer - drängen auf den schnellen Abschluss der Untersuchungen.

An diesem Abend kommen die Streitparteien wieder einmal zusammen, in Stuttgart wollen sich Paoli, Schiewer und die baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer zusammen darauf verständigen, bis wann der Abschlussbericht der Kommission veröffentlicht werden soll.

Was sind die Kernpunkte des seit über zwei Jahren schwelenden Streits?

Darum geht es: Die "große" Untersuchungskommission soll herausfinden, in welchem Umfang Sportärzte aus Freiburg in Doping von Spitzensportlern verwickelt waren. Sie wurde damit von der Universität beauftragt, nachdem der SPIEGEL im Jahr 2007 das systematische Doping des einstigen Radsportteams Telekom, später T-Mobile, aufgedeckt hatte. Parallel dazu wurde eine "kleine" Kommission gegründet, die sich mit der Dopingvergangenheit der früheren Telekom-Ärzte Andreas Schmid und Lothar Heinrich beschäftigen sollte. 2009 kam diese zu dem Ergebnis, dass die Rechercheergebnisse des SPIEGEL stimmten.

Die "große" Kommission: Zunächst leitete der frühere Richter Hans-Joachim Schäfer beide Untersuchungsgruppen, er übergab den Vorsitz der "großen" Kommission aber 2009 an Paoli, Kriminologie-Professorin und Mafia-Expertin. Ihr Ziel ist es vor allem, die Doping-Machenschaften der beiden legendären Freiburger Sportmediziner Joachim Keul und Armin Klümper endgültig zu belegen. Als Verbands- und Olympiaärzte hatten beide großen Einfluss auf den deutschen Spitzensport.

Aufklärerin Paoli: Will noch mehr Zeit
DPA

Aufklärerin Paoli: Will noch mehr Zeit

Die Causa Klümper: Der nach Südafrika ausgewanderte Mediziner betreute in seiner Karriere etliche Kaderathleten, darunter Fußballweltmeister. Die 1987 verstorbene Siebenkämpferin Birgit Dressel war ebenfalls seine Patientin. Klümper, Jahrgang 1935, betrieb in Freiburg eine Privatklinik und gehörte nicht der Sportmedizin der Uniklinik an. Auch deshalb taucht er im ersten Bericht der "kleinen" Kommission von 2009 nicht auf. 2014 wurde bekannt, dass das Innenministerium von 1980 bis 1996 Klümpers Sportambulanz mit über einer Million D-Mark unterstützte - ohne Zweckbindung. Zuletzt belastete ihn der frühere Diskuswerfer Alwin Wagner, geständiger Doper, schwer.

Die Causa Keul: Vier Jahre vor seinem Tod im Jahr 2000 gründete der Mediziner gemeinsam mit dem Freiburger Onkologen Roland Mertelsmann das in Freiburg ansässige Biopharma-Unternehmen CellGenix, das Kontakte zum US-Pharma-Riesen Amgen unterhält. Amgen stellte 1985 als erstes künstlich ein menschliches Hormon her, das gezielt die Bildung roter Blutzellen anregt: Epo.

Ex-Tennisprofi Steeb (l.), Ex-Radfahrer Ullrich (M.), Sportmediziner Keul (r.) (Archivbild von 1997): Großer Einfluss auf den deutschen Spitzensport
picture-alliance / dpa

Ex-Tennisprofi Steeb (l.), Ex-Radfahrer Ullrich (M.), Sportmediziner Keul (r.) (Archivbild von 1997): Großer Einfluss auf den deutschen Spitzensport

Neue Beweise: Im November 2014 tauchten plötzlich 60 scheinbar verschollene Aktenordner auf, um die sich die "große" Kommission lange Zeit vergeblich bemüht hatte. In den Unterlagen sollen Klümper und seine Machenschaften eine zentrale Rolle spielen, sie haben laut Paoli "dopinghistorisch einzigartige Bedeutung" und belegen systematisches Doping im westdeutschen Spitzensport in den Siebziger- und Achtzigerjahren. Um diese mit der nötigen Sorgfalt prüfen zu können, bitten Paoli und ihre Mitstreiter um mehr Zeit. Sie wehren sich gegen ein Ultimatum, das ihnen die Uni Freiburg für ihre Aufklärungsarbeit setzen möchte.

Die Rolle der Universität: Immer wieder beklagte sich Paoli, dass die Arbeit ihrer Kommission behindert worden sei, unter anderem von Wolfgang Jäger, Schiewers Vorgänger als Uni-Rektor. Auch Schiewer, der seit 2008 im Amt ist, hätte am liebsten, dass die Untersuchungen sofort eingestellt werden; seit Jahren versucht er, Paoli und ihr Team zum Abschluss zu bewegen. Eine Neubesetzung der Kommission mit den unabhängigen Doping-Experten Perikles Simon, Fritz Sörgel und Hans Hoppeler lehnt die Universität entgegen des Wunsches von Paoli ab.

Die Rolle des Ministeriums: Das Treffen findet in Stuttgart statt, bei Wissenschaftsministerin Bauer. Sie versucht, in der Öffentlichkeit als vermittelnde Instanz aufzutreten. Doch laut der "Badischen Zeitung" ist "aus Ermittlerkreisen zu hören, Bauer neige eher der Position von Rektor Schiewer zu". Offenbar läuft der Grünen-Politikerin die Zeit weg, vor allem die Union macht Druck, dass die Aufklärung der Dopingvergangenheit endlich zu Ergebnissen führen müsse.

insgesamt 6 Beiträge
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thrust26 24.02.2015
1. Zwischenbericht?
Warum kann man nicht einen Zwischenbericht als Kompromiss veröffentlichen? Muss denn unbedingt eine Seite "gewinnen"?
pekaef 24.02.2015
2. Vertuschen, vertuschen, vertuschen
Hier geht es doch gar nicht darum, dass endlich ein Abschlussbericht vorgelegt wird, sondern darum, zu verhindern, dass die besonders brisanten "verschollenen" Aktenordner aufgearbeitet werden.
ptb29 24.02.2015
3. Sie sollen es einfach zugeben:
In der Bundesrepublik wurde systematisch gedopt. Das passt zwar nicht ganz ins politisch gewollte Bild, dass nur im Osten gedopt wurde. Eine andere Schlussfolgerung ist hier aber nicht möglich.
mrotz 24.02.2015
4.
Ob Doping oder nicht... Der Doper trägt das Risiko. Es gibt auch kein Verbot, sich von einer Brücke zu stürzen. Sollen sie doch dopen. Ist doch egal. mfg
paul.fisch 24.02.2015
5. Nur Uniklinik Freiburg?
Es wundert mich etwas, dass Doping und Fälschung in der Wissenschaft ihren Ursprung in Freiburg haben... Man sollte sich auch andere Kliniken, nicht nur Universitätskliniken, in Deuthchland anschauen, wenn man das wirklich aufdecken will. Das ganze ist auch deshalb etwas schwierig, weil es etwas mit der Rolle der Grenzsoldaten in der DDR vergleichbar ist. Überlegt mal, warum.
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