Doping in Österreich Triathletin erhebt schwere Vorwürfe gegen Manager

Szenen wie aus einem Krimi: Die österreichische Triathletin Lisa Hütthaler gewährt tiefe Einblicke in die Doping-Strukturen der Alpenrepublik. Besonders schwer belastet die Epo-Sünderin den Ex-Manager von Radprofi Bernhard Kohl. Dieser habe ihr beigebracht, "wie man Epo richtig spritzt".


Hamburg - Im österreichischen Dopingskandal hat die überführte Triathletin Lisa Hütthaler ausgepackt und tiefe Einblicke in die kriminellen Dopingpraktiken gegeben. Dabei erhob sie schwere Vorwürfe gegen Stefan Matschiner, früher Manager des gesperrten Radprofis Bernhard Kohl. Sie habe von ihm das Blutdopingmittel Epo bezogen und Instruktionen zum richtigen Umgang mit den Substanzen erhalten, sagte Hütthaler im Interview mit dem "Wiener Kurier".

Epo-Doping: "Er hat Cindy auf den Blutbeutel geschrieben"
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Epo-Doping: "Er hat Cindy auf den Blutbeutel geschrieben"

"Matschiner hat gefragt, welche Vorstellungen, welche Ziele ich habe. Danach habe ich gleich einmal die Ware bei ihm gekauft." Auf einem abgelegenen Parkplatz in Linz sei es dann zur Transaktion gekommen. "Man parkt nebeneinander, steigt ins Auto und nimmt ein Sackerl mit", sagte die 25-Jährige.

"Bis zu meiner positiven Dopingprobe 2008 habe ich von Matschiner etwa fünf weitere Male Epo gekauft", erklärte die frühere U23-Europameisterin: "Da stand natürlich nicht Epo-Doping drauf, sondern Trainingsplan oder so was." Als Gegenleistung habe Matschiner, der als Freund des in Untersuchungshaft sitzenden Ski-Trainers Walter Mayer gilt, etwa 15.000 Euro von ihr bekommen.

Der Sportmanager wies die Anschuldigen inzwischen zurück. "Ich kann das nur dementieren. Richtig daran ist nur, dass ich ich Hütthaler und Zoubek kennenlernte", sagte der 33-Jährige dem Internetanbieter "ORF.at.". Er habe Hütthaler lediglich beim Lauftraining geholfen. Aus dem Umfeld des ehemaligen Mittelstreckenläufer Matschinerswaren in den vergangenen Monaten immer wieder Dopingsünder überführt worden, unter anderen Kohl.

Matschiner habe laut Hütthaler gewusst, "wie man Epo für den Tag X richtig einsetzt, wie viele Einheiten man nehmen muss" und ihr erklärt, "wie man Epo richtig spritzt". Matschiner soll sie auch mit dem Wachstumshormon Testosteron versorgt und zudem ihr Blut manipuliert haben. Zur Tarnung soll sie bei ihm unter dem Decknamen Cinderella geführt worden sein. "Er hat Cindy auf den Blutbeutel geschrieben", sagte Hütthaler.

Epo und Epo-Doping
Erythropoetin (Epo)
Die Ausdauerleistungsfähigkeit ist wesentlich vom Sauerstoffaufnahmevermögen abhängig. Erythropoetin (Epo) ist ein Eiweißhormon, das die Produktion roter Blutkörperchen (Erythrozyten) im Körper stimuliert. Je mehr Erythrozyten im Blut, desto mehr Sauerstoff kann aufgenommen und zu den Körperzellen transportiert werden - die Leistungsfähigkeit steigt.
Struktur und Wirkung
Natürliches Erythropoetin ist ein komplexes Eiweißmolekül aus 165 Aminosäuren, an das noch Zuckermoleküle angelagert sind. Es wird hauptsächlich in der Niere gebildet und bewirkt im Knochenmark die Bildung von Erythrozyten.
Künstliches Epo
Seit den achtziger Jahren kann Epo gentechnisch hergestellt werden. Seither gibt es eine große Zahl von Epo-Präparaten. Sie müssen injiziert werden, in der Regel mehrmals pro Woche. Zahlreiche Pharmakonzerne haben Epo-Präparate entwickelt, in denen das natürliche Epo-Molekül chemisch abgewandelt wurde - mit dem Ziel, die Verträglichkeit, die Wirksamkeit und die Wirkdauer zu steigern. Eines der lang wirksamen Epo-Präparate ist CERA des Konzerns Hoffmann-La Roche. Es muss nur einmal im Monat verabreicht werden.
Nebenwirkungen
Bei Überdosierung nimmt die Anzahl der roten Blutkörperchen im Blut zu hohe Werte an. Das Risiko von Blutgerinnseln steigt, Herzinfarkt, Lungenembolie oder ein Hirnschlag können die Folge sein.
Epo-Mimetika
Statt des Originalmoleküls oder den chemisch leicht abgewandelten Formen gibt es auch sogenannte Epo-Mimetika - Präparate, die sich chemisch vom Erythropoetin-Molekül unterscheiden, im Körper aber dieselbe oder eine sehr ähnliche Wirkung entfalten.
Epo-Doping und Nachweis
Seit Beginn der industriellen Produktion von Epo Ende der achtziger Jahre wird es zur Leistungssteigerung genutzt. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verbietet seit vielen Jahren den Gebrauch von Epo. Unerlaubt zugeführtes Epo kann mit speziellen Methoden im Urin nachgewiesen werden. Allerdings wird der Nachweis aufgrund der mittlerweile riesigen Anzahl an Epo-Präparaten, die abgewandelte Epo-Moleküle oder Epo-Mimetika enthalten, immer schwieriger.

Allerdings muss sich Hütthaler selbst in Österreich wohl vor Gericht verantworten. Bei einem möglichen Strafprozess geht es um den Vorwurf der Bestechung. Hütthaler soll am 20. Mai 2008, als im Labor in Seibersdorf ihre B-Probe geöffnet wurde, versucht haben, eine Mitarbeiterin mit 20.000 Euro dazu zu bringen, ihre Probe zu manipulieren. Hütthaler drohen sechs Monate bis fünf Jahre Haft.

Als Folge der Doping-Enthüllungen ging der österreichische Leichtathlet Martin Pröll auf Distanz zu Matschiner und beendete am Freitag mit sofortiger Wirkung die Zusammenarbeit mit seinem schwer belasteten Sportmanager. "Ich bin immer zu Stefan gestanden, weil es keine Beweise gegen ihn gegeben hat. Die jetzigen Aussagen sind für mich aber der Anlass, die Zusammenarbeit zu beenden", erklärte der Olympiateilnehmer von 2004 und U23-Europameister im Hindernislauf.

Der 28-Jährige erklärte zugleich, dass Matschiner ihm nie etwas angeboten und "auch keine Chance bei mir gehabt hätte".

jok/sid



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