Systematisches Doping in Russland Das Imperium schlägt zurück

Wird Russland komplett von den Olympischen Spielen ausgeschlossen? Vor dem Bericht der Welt-Anti-Doping-Agentur am heutigen Montag setzt sich Athletensprecherin Beckie Scott dafür ein - und wird massiv angefeindet.

Olympische Ringe
REUTERS

Olympische Ringe


Beckie Scott wurde nicht nur einmal betrogen. Doch wenigstens einmal hatte sie großes Glück. Die Olympischen Winterspiele 2002 in Salt Lake City verließ die kanadische Langläuferin als Gewinnerin einer Bronzemedaille im Verfolgungsrennen. Zu diesem Zeitpunkt waren die vor ihr platzierten beiden Russinnen Olga Danilowa und Larissa Lasutina bereits als Blutdoperinnen enttarnt - und es waren Russlands Sportfunktionäre, die damals mit einem Olympia-Boykott gedroht hatten.

Im Juli 2016 verlangen nun zahlreiche hochdekorierte Sportler und Vertreter Nationaler Anti-Doping-Agenturen den Ausschluss des russischen NOK von den Olympischen Spielen im August in Rio de Janeiro. Die 41-jährige Scott spielt in der hitzigen Diskussion eine zentrale Rolle. Über Nacht wurde sie von den Russen und ihren Verbündeten zur Staatsfeindin Nummer eins auserkoren und sieht sich auf allen Ebenen wütenden Angriffen ausgesetzt.

Wer, wenn nicht Scott, ist prädestiniert dafür, über die Folgen des Dopings für jene zu sprechen, die betrogen wurden und werden? Einige Monate nach den Winterspielen von Salt Lake City bekam Scott jene Silbermedaille, die Lasutina abgeben musste. Im Juni 2004, zweieinhalb Jahre nach den Spielen, erhielt sie endlich den verdienten Lohn: Gold. Formal ist sie damit Olympiasiegerin. Doch die russischen Blutdoperinnen haben sie um einen der schönsten Momente ihres Lebens gebracht: die Siegerehrung vor einem Millionenpublikum.

Vierzehn Jahre später müht sich Scott mit immer mehr hochrangigen Funktionären darum, die Botschaft des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), saubere Sportler schützen zu wollen, in die Praxis umzusetzen. Scott ist Chefin der Athletenkommission der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, sie gehörte als Athletenvertreterin acht Jahre lang dem IOC an. In den vergangenen Monaten hat Scott Hunderte intensive Gespräche mit Sportlern aller Kontinente geführt, hat auf Athletenkonferenzen gesprochen, hat sich tief in die Fakten zum russischen Staatsdoping eingearbeitet, hat mit zwei Dutzend Sportler-Vertretungen verhandelt - und daraus den Wunsch Tausender Olympiasportler nach einschneidenden Maßnahmen destilliert.

Präsident des EOC widerspricht Scott

Scott hat ein Mandat. Gemeinsam mit ihrer deutschen Kollegin Claudia Bokel, Chefin der IOC-Athletenkommission und Mitglied des IOC-Exekutivkomitees, hat Scott im Mai einen bemerkenswerten Brief an IOC-Präsident Thomas Bach und an Wada-Boss Craig Reedie geschickt. Darin schrieben Scott und Bokel, dass die Sportler das Vertrauen in die führenden Funktionäre verloren haben, dass die Sportler eine zeitnahe forensische und transparente Aufarbeitung des offensichtlich staatlich gelenkten Betrugs im Dopinglabor der Winterspiele 2014 in Sotschi erwarten.

Man kann aus vielerlei Gründen behaupten, dass es in der Geschichte des olympischen Sports noch nie eine derartig breite und demokratische Meinungsbildung unter den Athleten gegeben hat - und vor allem nicht derartig klare Forderungen.

Natürlich hat das Imperium zurückgeschlagen. Dem Iren Patrick Hickey, IOC-Vorstand und Präsident der Vereinigung europäischer Olympiakomitees (EOC), ist es kurz vor dem sogenannten Olympic Summit im Juni gelungen, die EOC-Athletenkommission zu einem Statement zu bringen, das dem Papier von Scott und Bokel kolossal widerspricht.

Kurz darauf kritisierte ausgerechnet Russlands NOK-Präsident Alexander Schukow auf dem Olympic Summit Scott und Bokel. IOC-Präsident Bach ließ eine Resolution verabschieden, die Russland für kurze Zeit die größten Sorgen nahm. Die Kernfragen lauten seit jenem 21. Juni 2016: Was kann der Wada-Sonderermittler Richard McLaren vorlegen - und wird McLaren unter dem gewaltigen politischen Druck eventuell einknicken?

Resolution für Ausschluss des russischen NOK

Scott, Bokel und andere Verbündete, darunter zahlreiche Vertreter Nationaler Anti-Doping-Agenturen, setzten alle Hoffnungen auf McLaren und dessen Ermittlungen, die unter anderem vom Franzosen Mathieu Holz geführt werden, einem ehemaligen Interpol-Agenten. McLaren hat seinen Bericht inzwischen dem Wada-Präsidenten Reedie vorgelegt, der zugleich als IOC-Vize amtiert und wegen seiner Hinhaltetaktik und Hinweisen der Verbrüderung mit russischen Doping-Drahtziehern selbst in der Kritik steht.

Am Montag wird McLaren in Toronto (15 Uhr MESZ) seine Erkenntnisse referieren, der Bericht wird zeitgleich veröffentlicht. In Vorbereitung dieses Termins hat Scott am Samstag eine E-Mail an die Mitglieder der Wada-Athletenkommission geschickt und darum gebeten, die Kollegen mögen eine Resolution für einen Ausschluss des russischen NOK von den Olympischen Spielen unterzeichnen.

Das Papier ist von den Anti-Doping-Organisationen der USA (Usada) und Kanadas (CCES) ausgearbeitet worden und wird im Grunde von zahlreichen Nadas unterstützt, darunter Deutschland, Japan, Neuseeland, Norwegen, Dänemark und Frankreich. Der deutsche Nada-Chef Lars Mortsiefer bestätigte SPIEGEL ONLINE diesen Vorgang: "Ja, es stimmt, dass wir die Haltung der Usada unterstützen. Wir befinden uns insoweit auch in Abstimmung mit Usada und den kanadischen Kollegen". Eine ausführliche offizielle Stellungnahme werde die Nada aber erst am Montag veröffentlichen, "sobald wir den McLaren-Report vorliegen und geprüft haben".

Travis Tygart und Paul Melia, die Chefs der amerikanischen Usada und des kanadischen CCES, haben ihre Haltung in zahlreichen Veröffentlichungen transparent begründet. Jetzt oder nie müsse man deutliche Zeichen setzen. Wenn der Bericht von McLaren die ohnehin schon gut dokumentierten Vorwürfe zum russischen Dopingsystem und die Manipulation der olympischen Dopingproben in Sotschi bestätigt, müsse das IOC-Exekutivkomitee handeln und Russland von den Sommerspielen ausschließen.

"Störungen, die Glaubwürdigkeit des Berichts untergraben"

Die IOC-Propagandaabteilung hat in den vergangenen Wochen viele Interviews des IOC-Präsidenten lanciert. Darin argumentierte Bach, wegen einer Manipulation in Sotschi, die er zuvor auch mal als "noch nie dagewesenes Niveau der Kriminalität" bezeichnet hatte, könne man doch russische Sommersportler nicht bestrafen. Seine Prätorianer, allen voran Hickey, sind nun vorgeprescht und attackieren die Athletensprecherin Scott sowie die Bosse von Usada und CCES aufs Schärfste. Hickey, selbst seit Jahrzehnten in zahlreiche dubiose Vorgänge verstrickt, behauptete sogar, damit sei der gesamte Bericht von Richard McLaren desavouiert.

Nachdem Hickey noch am Samstag die erste große Attacke auf Scott und die Usada und das CCES startete, folgten am Sonntag Julio Maglione (Uruguay), Präsident des Schwimm-Weltverbandes Fina, und am Montagmorgen Nenad Lalovic, Präsident des Ringer-Weltverbands UWW, und behaupteten, der McLaren-Report sei durch angebliche Leaks entwertet worden. Maglione und Lalovic sind wie Hickey dem Lager der Russen und Bach zuzuordnen. Maglione kam gerade von einer Krisensitzung in Moskau, wo es auch um die Dopingtests der Schwimm-WM 2015 in Kazan ging. Der Serbe Lalovic wäre ohne Russlands Unterstützung weder UWW-Präsident noch IOC-Mitglied geworden.

Hickey bezeichnete die Initiativen der Athletensprecher und der Nada-Bosse vieler Länder als "Störungen", die die "Integrität und Glaubwürdigkeit des Berichts untergraben". Natürlich sprang ihm Russlands Sportminister Witali Mutko sofort zur Seite.

So ist das im olympischen Kosmos. Einerseits wird behauptet, die sauberen Sportler stünden im Zentrum aller Bemühungen. Doch wenn gewählte Athletensprecher wie Scott endlich einmal den Willen von Tausenden Elitesportlern artikulieren und auf dem Höhepunkt einer gigantischen Krise eine Wende herbeiführen wollen, werden ihnen von den üblichen Verdächtigen die Grenzen aufgezeigt. Derlei Manöver hat man von Bach, Hickey, Mutko und anderen Funktionärsgrößen oft erlebt. Doch nie zuvor war der Widerstand so gewaltig.



insgesamt 85 Beiträge
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Seite 1
berlinparis 18.07.2016
1. Bevor jetzt wieder auf die USA verwiesen wird ...
... dort haben Ermittler und Dopingagenturen selbst prominente Sportler wie Lance Armstrong und Marion Jones aus dem Verkehr gezogen. Irgendein Beispiel aus Russland, wo so etwas geschehen ist?
berlinparis 18.07.2016
2. Und irgendwie ist es wie mit der Krim-Annektiom
Man kann stolz darauf sein, mit Tricks und Geheimaktionen die gesamte Welt überrumpelt zu haben. Dann muss man aber auch mit dem entsorechenden Gegenwind leben, wenn siese Tricksereien auffliegen.
p-touch 18.07.2016
3. Vielleicht die letzte Gelegenheit für
das IOC zumindest einen Hauch von Anstand zu waren. Ansonsten ist die olymische Idee entgültig tot.
frank57 18.07.2016
4. Das gesamte
Olymplabusiness hat sich schon lange aelbst disqualifiziert! Stellt euch vor, es ist Olympiade und keiner will es sehen! Ich guck mir diesen Kommerz nicht an!
ptb29 18.07.2016
5. Warum schlägt das Imperium zurück?
Sind vielleicht nicht nur russische Sportler betroffen. Dass hier mit harten Bandagen gekämpft wird, zeigt um wieviel Geld es geht. Ein Olympiasieg bringt Ehre und Werbungsgelder. Becki Scott wurde um ihre Siegerehrung betrogen, sie macht sich um den Kampf gegen Doping verdient, nicht die mehrfach beim Doping erwischten Denunzianten, die plötzlich starten dürften.
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