Abnormale Blutwerte Schwere Dopingvorwürfe erschüttern die Leichtathletik

Dutzende Leichtathletik-Olympiasieger und -Weltmeister der vergangenen 15 Jahre sind mit dopingverdächtigen Blutwerten aufgefallen. Das ergeben Recherchen von ARD und "Sunday Times". Der Weltverband IAAF unternahm nichts.
Langstreckenläufer: 800 verdächtige Sportler

Langstreckenläufer: 800 verdächtige Sportler

Foto: Sean Dempsey/ dpa

Drei Wochen vor Beginn der Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Peking wird die Sportart von einem neuen Dopingskandal erschüttert. Journalisten von ARD und "Sunday Times" haben eine Liste mit 12.000 Bluttests von 5000 Läufern aus den Jahren 2001 bis 2012 ausgewertet .

Die Ergebnisse sind alarmierend:

  • Mehr als 800 Sportler haben Blutwerte aufgewiesen, "die sehr stark auf Doping hindeuten oder zumindest abnormal sind".
  • Ein Drittel aller Medaillen, die bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften im Ausdauerbereich vergeben wurden, sind von Sportlern mit verdächtigen Testergebnissen gewonnen wurden. Insgesamt geht es um 146 Medaillen, darunter 55 Goldmedaillen. Keiner der verdächtigen Athleten musste seine Medaille bislang abgeben.
  • 80 Prozent der russischen Medaillen im Mittel- und Langstreckenlauf wurden von verdächtigen Athleten gewonnen. Verdächtige kenianische Sportler gewannen 18-mal Edelmetall.
  • Nach Informationen des Anti-Doping-Experten Fritz Sörgel sollen auch deutsche Sportler mit verdächtigen Werten aufgefallen sein.
  • Die Top-Stars Usain Bolt und Mo Farah haben laut BBC keine verdächtigen Blutwerte aufgewiesen.

Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) äußerte sich sehr besorgt über die Enthüllungen: "Das ist sehr alarmierend. Wir sind verstört über das Ausmaß der wilden Anschuldigungen. Das Fundament eines jeden sauberen Athleten weltweit wird erneut erschüttert", sagte Wada-Präsident Craig Reedie.

"Ich habe niemals so alarmierende, unnormale Blutwerte gesehen", sagte der australische Anti-Doping-Experte Robin Parisotto, der mit seinem Kollegen Michael Ashenden die Daten statistisch ausgewertet hat. "Es sieht so aus, als seien viele Athleten straflos davon gekommen."

Der Leichtathletik-Weltverband IAAF hat offenbar tatenlos zugeschaut: "Der Verband hätte eigentlich sehen müssen, wie die schreckliche Wahrheit unter der Oberfläche aussah", kritisierte Ashenden die Anti-Doping-Politik der IAAF.

"So ist es meiner Meinung nach eine schamlose Vernachlässigung ihrer elementaren Pflicht, ihren Sport zu überwachen und die sauberen Athleten zu schützen." Für ihn sehe es so aus, dass die Leichtathletik heute in der gleichen "teuflischen Situation" sei wie der Radsport vor 20 Jahren.

Die IAAF weist die Kritik zurück: Die Journalisten seien ohne Zustimmung des Weltverbandes an die Daten gelangt. Man behalte sich weitere Schritte vor, um die Rechte der IAAF und ihrer Athleten zu schützen, hieß es in einer Stellungnahme.

Obwohl zahlreiche russische Sportler mit verdächtigen Werten auffielen, sieht Sportminister Witali Mutko sein Land nicht betroffen. Er halte die Enthüllungen für ein Zeichen eines Machtkampfes in der IAAF. "Offensichtlich wollen bestimmte Leute die Leichtathletik mit solchen Filmen zerstören", sagte Mutko. "Irgendwer hat irgendwas unter dem Tisch gehört, irgendwer hat irgendwas gesagt - das ist Blödsinn."

syd/dpa/Reuters/AP