Doping Radprofis als Laborratten

Bei der 91. Tour de France wurde der Belgier Christophe Brandt als erster Profi des Dopings überführt. Es wäre ein Wunder, wenn er der letzte gewesen sein sollte. Im Radsport ist der Einsatz verbotener Leistungsförderer weit verbreitet. SPIEGEL ONLINE stellt die gängigsten Dopingmittel und deren Wirkungsweise vor.
Von Andreas Kröner

Lange Jahre war der "Pot belge" im Radsport ähnlich beliebt wie Caipirinha unter Freunden alkoholischer Mixgetränke. Erst als sich ein Fahrer wegen diverser Beschwerden an seinen Arzt wandte, analysierte dieser, welch teuflisches Gemisch sein Schützling da eingenommen hatte: Amphetamine, Heroin, Kokain, Ethanol, Koffein, Acetylcodein, Papaverin, Ephedrin, Aspirin, Ethenzamid und Phenacetin. Keine Frage, ein wirklicher "Pot de Fou", wie der "Verrückten-Coctail" später in der Radsportszene genannt wurde.

"Diese Gemische aus der Steinzeit spielen mittlerweile keine Rolle mehr", ist sich der Geschäftsführer der deutschen Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada), Roland Augustin, sicher: "Heute werden verfeinerte Methoden verwendet. Außerdem entscheidet nicht der Athlet allein, sondern er holt sich vor der Einnahme medizinischen und trainingswissenschaftlichen Rat." Augustins Aussagen decken sich mit den Vorwürfen der Radprofis Philippe Goument (Cofidis) und Jésus Manzano (Kelme), die zu Jahresbeginn detailliert über systematisches Doping in ihren früheren Teams berichtet hatten.

Am Ende des skandalösen Frühjahrs hat laut der französischen Sportzeitung "L'Équipe" nun auch Zeitfahrweltmeister David Millar (Cofidis) ein Dopinggeständnis abgelegt. Bei der 91. Tour de France sorgten bislang drei Profis für negative Schlagzeilen hinsichtlich unerlaubter Substanzen. Der Italiener Stefano Casagranda (Saeco) und Martin Hvastija (Alessio) aus Slowenien wurden ausgeschlossen. Gegen beide wird in Italien wegen des Verdachts von Dopingvergehen ermittelt.

Der bereits suspendierte Belgier Christophe Brandt (Lotto-Domo) wurde gestern endgültig des Missbrauchs von Methadon überführt. Jener schmerzstillende Stoff, der sonst Heroin-Abhängigen zur Substitution verabreicht wird und im Profisport bislang eher selten auftauchte. "Es gibt zurzeit keinen Topfavoriten unter den Dopingmitteln", sagt Augustin, "vielmehr werden verschiedene Wirkstoffe kombiniert." Die Sportler setzten auf Synergien unterschiedlicher Doping-Substanzen. Von den neun verbotenen Stoffgruppen, die die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) aufführt, sind im Radsport vier von entscheidender Bedeutung.

Narkotika (Betäubungsmittel) und Analgetika (Schmerzmittel) wirken auf das zentrale Nervensystem und beseitigen Schmerzen. So können Fahrer etwa trotz Muskel- oder Sehnenverletzungen durchhalten. Morphium, Opium und Heroin wurden bereits vor über 100 Jahren benutzt, später fand sogar das Nervengift Strychnin Verwendung. Ähnlich wie bei den Stimulanzien, mit denen sie zumeist zusammen eingenommen werden, beseitigen Narkotika bei den Fahrern Unlust oder Angstgefühle. Leichte Schmerzmittel wie Voltaren oder Aspirin dürfen benutzt werden.

Weltkriegsdroge für Radsportler

Zu den Stimulanzien zählen Amphetamine, Kokain und Ephedrin. Auch Ecstasy taucht seit den Achtzigern nicht nur in Diskotheken, sondern auch bei Radsportlern auf. Die Stimulanzien sorgen dafür, dass Athleten trotz Müdigkeit und Erschöpfung über mehrere Stunden konstant an ihre Leistungsgrenze gehen können. Weil sie außerdem Risikobereitschaft und Motivation erhöhen, wurden aufputschende Mittel bereits während des Zweiten Weltkrieges bei den kämpfenden Truppen eingesetzt. Durch Stimulanzien wird der Sportler über den wahren Ermüdungszustand seines Körpers getäuscht, was häufig zu Kreislaufzusammenbrüchen führt. "Gerade im Radsport muss man hier immer wieder auf die hohe Zahl von Toten hinweisen", sagt Experte Augustin.

Der Siegeszug der Peptid- und Wachstumshormone begann in den Achtzigern mit dem Wachstumsmittel HGH. 1989 wurde das mittlerweile berühmt-berüchtigte Erythropoietin, kurz: Epo, als Medikament für Nierenkranke und Krebspatienten nach einer Chemotherapie zugelassen. Das Peptidhormon wird natürlicherweise in der Niere produziert, wenn der Körper rote Blutkörperchen benötigt. Nehmen gesunde Sportler das Medikament, erhöht sich bei ihnen die Bildung der Erythrozyten, es kann mehr Sauerstoff transportiert werden und die Leistungsfähigkeit steigt. Allerdings wird das Blut auch dickflüssiger, wodurch den Sportlern Thrombosen und Herzversagen drohen. Seit 2000 kann Epo in Dopingkontrollen nachgewiesen werden. Bei kleinen Dosen oder einer Kombination mit Bluttransfusionen ist der Nachweis jedoch schwierig.

Der Epo-Nachfolger Nesp, als Medikament unter dem Handelsnamen Aranesp bekannt, ist noch wirksamer und muss deshalb vom Sportler seltener angewendet werden. Bei den Olympischen Winterspielen 2002 in Salt Lake City wurde der dreifache Goldmedaillengewinner Johann Mühlegg des Nesp-Missbrauchs überführt. Wie der für Spanien gestartete Deutsche hatte auch die russische Weltmeisterin Larissa Lazutina und ihre Teamkollegin Olga Danilowa die verbotene Substanz konsumiert.

Brustvergrößerung und verstärkte Behaarung

Anabole Substanzen ähneln in ihrer Wirkung dem männlichen Geschlechtshormon Testosteron. Sie erleichtern den Aufbau von Muskelmasse, weshalb sie für Radfahrer vor allem in der Vorbereitung Bedeutung haben. In den Siebzigern wurden Hunderte verschiedene Anabolika hergestellt, wovon viele - auch dank verbesserter Dopingkontrollen - vom Markt verschwanden. 2001 wurde die US-Radsprinterin Tammy Thomas positiv auf ein solches Steroid getestet und nun warnen Experten vor einer "Renaissance der Anabolika", davor, dass diese Stoffe wieder in Umlauf sind - vergessen und unbemerkt, weil von keinem Test erfasst. Nebenwirkungen der Anabolika sind bei Männern Vergrößerungen der Brust, Leberschäden, Überlastung des Sehnen- und Bandapparates, Akne, Hodenverkleinerung und Impotenz, bei den Frauen verstärkte Behaarung und eine tiefere Stimme.

Schlagzeilen macht zurzeit jedoch vor allem das Designer-Steroid Tetrahydrogestrinon, kurz THG, das ebenfalls anabole Wirkung hat. US-Sprinterin Kelli White hat die Einnahme des chemisch modifizierten Gestrinons aus der Giftküche des kalifornischen Unternehmens Balco bereits gestanden, andere Leichtathletikstars wie Tim Montgomery und Marion Jones werden ebenfalls verdächtigt. Während früher lediglich Substanzen aus der Medizin zur verbotenen Leistungssteigerung dienten, ist mit THG erstmals gezielt eine Dopingsubstanz für den Sport entwickelt worden. "Das ist eine völlig neue Dimension", sagt Augustin, "diese Substanzen haben nie eine klinische Studie durchlaufen, über Nebenwirkungen und Langzeitschäden gibt es keinerlei Informationen. In diesem Fall sind Athleten wie Laborratten: Letztendlich haben sich Sportler hier für Menschenversuche zur Verfügung gestellt."

Berichte über erhöhte Raten von Fehlgeburten und behinderter Neugeborener im Umfeld des Radsports will Augustin nicht bewerten, gibt jedoch zu bedenken: "Man kann nie ausschließen, dass es Nebenwirkungen gibt, die man heute noch nicht kennt." Zu berücksichtigen sei auch, "dass bei gedopten Sportlern ähnlich wie bei Drogenabhängigen psychische Probleme entstehen". Es ist daher wahrscheinlich, dass Marco Pantanis Tod kein Einzelfall bleiben wird. Der Italiener, der 1998 Tour de France und Giro d'Italia gewann, litt unter depressiven Schüben. Der 34-Jährige, der wegen Dopings geperrt wurde, war am 14. Februar in einem Hotel in Rimini tot aufgefunden worden. Als Todesursache wurde eine Überdosis Kokain diagnostiziert.

Doch trotz aller Horrormeldungen wird der Markt für neue Dopingmittel offenbar nicht kleiner. Experten rechnen in den nächsten Jahren damit, dass Forscher leistungsfähige Gene finden und Veränderungen an menschlichen Zellen vornehmen. Die Wada hat das Gendoping vorsorglich bereits auf ihre Verbotsliste gesetzt.

Außerdem wird spekuliert, dass das noch wirksamere Epo- und Nesp-Derivat "Dynepo", das als Medikament nie auf dem Markt zugelassen wurde, nun als Dopingmittel im Umlauf ist. Die Nada kennt die Gerüchte, aber keine konkreten Fakten. Bereits in naher Zukunft rechnet Doping-Experte Augustin mit einer neuen Welle von Epo-Dopingsubstanzen: "Derzeit läuft die Zulassung neuer Produkte in der Medizin. Es ist davon auszugehen, dass dann auch im Sport relativ schnell entsprechende Nachbauten auftauchen."

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