Leichtathletik Streit um hochbrisante Doping-Studie

Ein Drittel aller Top-Leichtathleten soll laut einer Studie Doping eingeräumt haben. Doch der Weltverband IAAF behindert angeblich die Veröffentlichung der Ergebnisse - das behaupten Forscher der Uni Tübingen.
Stadion in Daegu: Anonyme Athleten-Befragung zeigt Doping-Missstände

Stadion in Daegu: Anonyme Athleten-Befragung zeigt Doping-Missstände

Foto: Jeon Heon-Kyun/ dpa

Der Leichtathletik-Weltverband IAAF blockiert die Veröffentlichung einer Studie, die weit verbreitetes Doping bei Spitzenathleten dokumentiert - so schildern es die ARD-Dopingredaktion sowie die Zeitung "Sunday Times". Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) hatte die Studie in Auftrag gegeben und finanziert, um unter dem Schutz der anonymen Befragung Aufschlüsse darüber zu erhalten, in welchem Umfang Doping betrieben wird.

Forscher der Uni Tübingen leiteten das Projekt. Wissenschaftler interviewten bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2011 im südkoreanischen Daegu Hunderte Athleten. Etwa ein Drittel der Befragen gab an, verbotene Techniken zur Leistungssteigerung anzuwenden. Aus den Ergebnissen der Umfrage schlossen die Forscher, dass 29 bis 34 Prozent der 1800 Athleten in den zwölf Monaten vor den Wettkämpfen gegen Anti-Doping-Regeln verstoßen hatten.

Dies zeige, dass Doping bei Spitzenathleten beachtlich weitverbreitet sei und trotz biologischer Testprogramme weitgehend ungehindert stattfinde, konstatierten die Autoren der Studie.

Solch ein Befund hat Sprengkraft - die ohnehin schon lädierte Glaubwürdigkeit des Sports könnte weiter leiden. Das kann der IAAF eine Woche vor dem Start der Leichtathletik-WM in Peking (22. bis 30. August) gar nicht gebrauchen.

Uni spricht von Eingriff in Publikationsfreiheit

Die Autoren der Studie wurden laut "Sunday Times" angewiesen, eine Vertraulichkeitserklärung zu unterschreiben; sie kritisieren den IAAF dafür, die Publikation zu verhindern.

Der Verband IAAF sagte der "Sunday Times", man befinde sich mit den Autoren der Studie und der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada in Verhandlungen über die Veröffentlichung.

Dass der IAAF die Veröffentlichung so lange ohne guten Grund verzögere, sei ein ernster Eingriff in die Publikationsfreiheit, teilte die Uni Tübingen mit. Der Verband habe die Umfrage nicht in Auftrag gegeben, aber seinen Einfluss genutzt, um die Ergebnisse zu unterdrücken. Der Studien-Hauptautor Rolf Ulrich sagte, seinen Kollegen und ihm sei es sogar untersagt worden, über die Arbeit auch nur zu reden.

Der IAAF ging nicht im Einzelnen auf die Vorwürfe ein.

Weltverband ließ sich Vetorechte zusichern

Offiziell hat der IAAF nichts mit dem Forschungsprojekt zu tun. Dass der Verband die Veröffentlichung dennoch verhindern kann, liegt laut Wada an den Umständen der Umfrage: Der IAAF habe sich Vetorechte zusichern lassen - im Gegenzug zum Zugang zu den Athleten, der den Forschern in Daegu gewährt worden sei.

Vereinzelte Ergebnisse der Studie waren 2013 in der "New York Times" erschienen. Eine Komplettveröffentlichung sei am Widerstand des IAAF gescheitert, hieß es von der Zeitung. Doch jetzt haben "Sunday Times" und ARD Einblick in eine Volltextversion erhalten.

Die Zeitung und der Sender hatten vor wenigen Tagen schon in anderem Zusammenhang über ausuferndes Doping bei Spitzen-Leichtathleten berichtet. Die Auswertung einer Liste mit 12.000 Bluttests von 5000 Läufern ergab demnach, dass Dutzende Leichtathletik-Olympiasieger und -Weltmeister der vergangenen 15 Jahre mit dopingverdächtigen Blutwerten aufgefallen waren.

Der IAAF hat die Vorwürfe zurückgewiesen und die Berichte als "sensationslüstern und verwirrend" bezeichnet. IAAF-Vizepräsident Sebastian Coe bezeichnete die Berichte als "Kriegserklärung an meinen Sport". Die Wada will die Doping-Enthüllungen näher untersuchen.

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kicker.tv
ulz/sid/Reuters
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