Doping-Tour Wetten auf den nächsten Sünder-Fall
Der Irrsinn dieser Tour de France macht auch vor dem Pressezentrum nicht halt, das an diesem Nachmittag kurz unterhalb des Col d' Aubisque aufgebaut worden ist. Das Rennen läuft längst. Doch kaum jemand schaut auf die großen Fernsehschirme, die vom nächsten Triumph Michael Rasmussens künden. Stattdessen nur ein Thema: Wer ist jener nächste Fahrer, der laut Vorabberichten des Dopings überführt wurde?
Noch hat der Weltverband UCI seinen Namen nicht verraten; fest steht nur: Es muss einer jener Fahrer sein, die nach der 11. Etappe getestet wurden. Und so steigen die Wettquoten beständig. Kim Kirchen vom Team T-Mobile gilt als Geheimfavorit. Eine Journalistin aus Boston kommt vorbei, in der Hand einen kleinen Zettel: "Wir haben gelost, ich habe Erik Zabel gezogen."
Sie hat Pech. Am Ende des Tages wird der Kollege gewinnen, der den eher unbekannten Italiener Cristian Moreni erwischt hatte.
Die tägliche Dopingwette könnte in Zukunft ein lukrativer und spannender Wettbewerb werden, der keinesfalls nur auf das Pressezelt der Tour de France beschränkt bleiben muss. Denn eines scheint sicher: Moreni dürfte angesichts der Enthüllungen der vergangenen Tage nicht der letzte Dopingfall während dieser Tour bleiben - und was anschließend noch ans Licht kommen mag, kann man allenfalls erahnen. Dank der massiv verstärkten und offensichtlich auch verbesserten Tests werden ertappte Dopingtäter vermutlich bald keine Sensation mehr sein, sondern Alltag im bezahlten Radsport.
Manchmal bleibt es allerdings eine Frage der Definition, wer nun unter schwerem Dopingverdacht steht und wer nicht. Da ist Michael Rasmussen, der eine Sperre wegen mehrerer verpasster Tests zur Not über einen Rechtsstreit abwehren will - und so zumindest die Ausrichter der Tour de France noch zum Stillhalten zwingt. Dem Rennen bleibt der Däne als sportlich unangefochtener Spitzenreiter erhalten.
Je steiler die Berge, desto weniger haben seine Konkurrenten eine Chance gegen den einstigen Mountainbiker. Oben auf dem Gipfel des 1709 Meter hohen Col d'Aubisque erwartete Rasmussen aber nach der Hitze des Tages nicht nur eine kühle Brise Bergluft, sondern ein frostiger Empfang. Statt den Sieger frenetisch zu feiern, ließen sich die Zuschauer nur zu einem Anstandsapplaus hinreißen - und bejubelten die Nächstplatzierten umso mehr.
Schon am Start war der 33-Jährige von den Kollegen geschnitten und vom Publikum ausgebuht worden. Unterwegs musste sich der Däne gefallen lassen, dass ihm erboste Fans mit den reichlich verteilten Flüstertüten eines Sponsors "Dopage! Dopage!" entgegenbrüllten.
Nach der Ankunft im Ziel erklärte der beleidigte Rasmussen, dass er "aufgrund der vielen Anfeindungen von Tag zu Tag immer mehr Respekt für Lance Armstrong" aufbringe. Der siebenfache Seriensieger der Tour, in dessen 1999er-Blutproben bei verfeinerten Tests im Jahr 2005 Epo gefunden wurde, war beim französischen Publikum wegen seiner arroganten Art und seiner brutalen Dominanz nie beliebt.
Es lässt sich nur grob abschätzen, wie viele Angriffe und Schmähungen Rasmussen, der designierte Sieger der Tour de France 2007, bis zur Einfahrt auf die Champs-Elysées am kommenden Sonntag aushalten muss - und vielleicht auch gerade dort. Tourdirektor Christian Prudhomme hat Rasmussen in einem Interview mit der Zeitung "Sud Ouest" schon verdammt. "Die Tour braucht einen Helden. Rasmussen ist keiner", ließ sich Prudhomme dort zitieren und wagte damit ein weiteres Novum dieser außergewöhnlichen Tour. Dass der potentielle Sieger schon Tage vor der Zielankunft von höchster Stelle symbolisch aus der Gewinnerliste gestrichen wird, gab es in den 93 Frankreich-Rundfahrten seit 1903 noch nie.
Sind Höchstleistungen auf natürlichem Weg möglich?
Selbst wenn Rasmussen am Samstag im Zeitfahren von Cognac nach Angoulême noch überholt werden sollte, hilft das der Tour wenig. Der einzige verbliebene Konkurrent, Alberto Contador von Armstrongs früherem Team Discovery Channel, ist als mutmaßlicher Kunde des berüchtigten Blutdoktors Eufemiano Fuentes in Verdacht. Doch Contador ist ohnehin kein begnadeter Zeitfahrer, und der Australier Cadel Evans (Predictor-Lotto), ein Spezialist im contre-la-montre, liegt schon mehr als fünf Minuten hinter Rasmussen zurück.
Angesichts der Dopingbefunde von Floyd Landis im vergangenen und Alexander Winokourow in diesem Jahr drängt sich mehr denn je die Frage auf, ob auf natürlichem Wege derart kontinuierlich überragende Leistungen auf den steilsten Bergpässen möglich sind, wie sie Rasmussen, Contador, Evans oder auch Discovery-Fahrer Levi Leipheimer und Carlos Sastre von CSC gezeigt haben.
Welche Fahrer in nächster Zukunft alle noch durch Dopingtests aussortiert werden - darauf lässt sich im Moment allerdings nur wetten. Der Mann im Gelben Trikot bekundete vorsorglich schon mal seine uneingeschränkte Sympathie für eine hohe Kontrolldichte.
Zumindest könnte man ihn so interpretieren. Auf die Ereignisse von gestern angesprochen, sagte Rasmussen: "Das einzig Gute am Fall Winokurow ist, dass das System offenbar funktioniert." Ob er das Kontrollsystem oder das System Rasmussen meinte, verriet er nicht. Die Tests, bei denen er anwesend war, bestand der Däne bisher.