Doping-Trainer Francis Vom Saulus zum Paulus

Seit kurzem trainiert der frühere Coach von Dopingsünder Ben Johnson, Charlie Francis, 100-Meter-Weltrekordler Tim Montgomery und dessen Lebenspartnerin Marion Jones, schnellste Leichtathletin der Welt. Die anrüchige Zusammenarbeit hat Francis jetzt mit einem Anti-Doping-Bekenntnis verteidigt.


Toronto - Die Zeit, in der er mit Dopingmitteln gearbeitet habe, liege lange hinter ihm, ließ der seit kurzem die US-Sprintstars Marion Jones und Tim Montgomery betreuende kanadische Coach am Wochenende aus Toronto in einem zweiseitigen Statement verbreiten.

In den fast 15 Jahren seit dem Dopingskandal von Ben Johnson bei den Olympischen Spielen in Seoul habe er mit vielen Top-Athleten in verschiedenen Sportarten gearbeitet. In dieser Zeit habe er aber "niemanden ermutigt oder darüber hinweggesehen, verbotene leistungsfördernde Mittel einzunehmen. Das wird auch integraler Bestandteil meiner zukünftigen Arbeit sein", versicherte Francis.

Das schnellste Paar der Welt: Marion Jones und Tim Montgomery
DPA

Das schnellste Paar der Welt: Marion Jones und Tim Montgomery

Jones und Montgomery hätten ihm bewiesen, dass sportliche Höchstleistungen auch ohne verbotenen Medikamente erzielt werden können. Dass die beiden liierten Sprinter ihn als Berater suchten, spreche für deren "persönliche Integrität und ihren persönlichen Anstand", erklärte Francis. "Ihre bewusste Auswahl für mich als Berater sollte jedem rationalen Beobachter ein eindeutiger Beweis sein, dass sie keine verbotenen Substanzen nehmen. Denn durch ihre Beziehung zu mir war klar, dass sie öffentlichen Untersuchungen und ungerechtfertigtem Zynismus ausgeliefert sein werden."

Sprecher Nick Davies, Sprecher des Leichtathletik-Weltverbands IAAF, sieht in Francis' Erklärung eine "totale Wende. Wenn er so denkt, dann sehe ich nicht, warum er nicht zu den kanadischen Leichtathleten gehen und sagen kann: Die Vergangenheit ist Vergangenheit, lasst uns vorwärts schauen und offen miteinander arbeiten". Nach dem Dopingskandal von Johnson war Francis auf Lebenszeiten verboten worden, mit kanadischen Sportlern zu arbeiten.

Francis galt als Befürworter von Dopingpraktiken im Sport. Er hatte Johnson 1988 in Seoul zum Olympiasieg über 100 Meter inWeltrekordzeit geführt. Kurz darauf wurde der Kanadier des Dopings mit Stanozolol überführt und sorgte damit für den größten Skandal in der Leichtathletik-Geschichte.

Nach dem Bekanntwerden seiner Beratertätigkeit für Jones und Montgomery hatte IAAF-Generalsekretär Istvan Gyulai eine klare Aussage von Francis gefordert, "dass die Dinge, an die er damals glaubte, Geschichte sind". Der Weltverband kann Francis die Arbeit mit Jones und Montgomery zwar nicht verbieten, doch er befürchtete einen gewaltigen Image-Schaden. Die Direktoren einiger Golden-League-Meetings in Europa hatten bereits angedeutet, das sie mit dem Gedanken spielen, das Sprint-Duo nicht einzuladen, solange es von Francis betreut wird.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.